Montag, 31. März 2014

Eine neue Zeitschrift für interdisziplinäre Anthropologie.

 institution logoNeue Jahreszeitschrift „Interdisziplinäre Anthropologie“
Eva Noll  
Pressestelle
Bergische Universität Wuppertal 

Anthropologische Forschungen stehen aktuell im Brennpunkt fächerübergreifender Debatten. „Insbesondere in den Bereichen der Biologie und in den empirischen Anthropologien sind in den vergangenen Jahrzehnten rasante Fortschritte zu verzeichnen: Die Frage nach der Natur des Menschen wird auf empirischer Grundlage, auch in den Geistes- und Kulturwissenschaften, neu gestellt“, sagt Prof. Dr. Gerald Hartung, Philosoph an der Bergischen Universität Wuppertal. Er und sein Wissenschaftlicher Mitarbeiter Dr. Matthias Herrgen haben nun mit „Interdisziplinäre Anthropologie“ eine Jahreszeitschrift gegründet, die sich dem interdisziplinären Dialog in der anthropologischen Forschung widmet.

„Wir haben in den vergangenen Jahren einen Arbeitsbereich aufgebaut, um anthropologischen Forschungen einen Raum zu geben. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus einem breiten Spektrum wissenschaftlicher Disziplinen haben wir Forschungsinitiativen gestartet und ein in Deutschland beispielloses Netzwerk aufgebaut. Die Zeitschrift will die gemeinsame Arbeit dokumentieren und eine Bühne für interdisziplinäre Auseinandersetzungen sein“, erklärt Prof. Hartung. 


Jede Ausgabe widmet sich einem Schwerpunktthema. Die erste Jahreszeitschrift etwa beschäftigt sich mit sozialer Kognition. Dazu gibt es Leitartikel, Kommentare, Repliken sowie Berichte zu interdisziplinären Projekten im anthropologischen Forschungsfeld. Der Rezensionsteil bespricht aktuelle wissenschaftliche Publikationen zu relevanten Aspekten und die Rubrik ‚Kalender‘ hat ein biographisches oder bibliographisches Jubiläumsereignis zum Thema. Jeder Band sammelt Beiträge führender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften.

Die Zeitschrift erscheint einmal jährlich. Sie richtet sich an Philosophen, Anthropologen, Psychologen, Geistes- und Sozialwissenschaftler sowie Biologen, Mediziner und Kognitionswissenschaftler.

Kontakt:
Prof. Dr. Gerald Hartung
Telefon 0202/439-3757
E-Mail hartung@uni-wuppertal.de

Dr. Matthias Herrgen
Telefon 0202/439-4737
E-Mail herrgen@uni-wuppertal.de

Weitere Informationen: http://www.interdisziplinaere-anthropologie.de/

Samstag, 29. März 2014

Quantenvakuum als Dunkle Energie?

aus scinexx                  Die Expansion des Universums hat sich beschleunigt - die Triebkraft dafür ist vermutlch die Dunkle Energie.

Quantenvakuum als Dunkle Energie?
Fluktuationen im scheinbar leeren All könnten die Triebkraft für die Expansion des Universums erklären

Neues zur Dunkle Energie: Beobachtungen in der Kosmischen Hintergrundstrahlung liefern neue Hinweise darauf, woraus die rätselhafte Dunkle Energie bestehen könnte – die Kraft, die die Ausdehnung unseres Universums vorantreibt. Forscher schließen aus den Beobachtungsdaten, dass die Dunkle Energie durch das sogenannte Quantenvakuum entstehen könnte – eine spezielle Eigenheit des Raums im Quantenmaßstab. 

Nach gängiger Theorie sind fast drei Viertel des Kosmos mit einer exotischen Form der Energie, der Dunklen Energie erfüllt. Sie soll dafür verantwortlich, dass sich das Universum ausdehnt – und dies immer schneller. Was aber die Natur dieser geheimnisvollen Gegenkraft zur Gravitation ist, bleibt bisher unbekannt. Den Hypothesen nach könnte es ein unbekanntes Feld sein, dessen Dichte mit der Zeit zunimmt, auch eine Form der Vakuumenergie oder eine geheimnisvolle "Quintessenz" werden diskutiert.

Weder Quintessenz noch Phantomfeld

Jetzt haben Spyros Basilakos von der Akademie Athen und Joan Solà von der Universität Barcelona neue Hinweise in dieser Frage entdeckt. Sie werteten dafür Daten zweier Raumsonden aus, die die Kosmische Hintergrundstrahlung kartieren, einem Relikt der Strahlung aus der Zeit kurz nach dem Urknall. Aus den Daten der Satelliten Planck und WMAP ergibt sich nach Ansicht der Forscher, dass weder eine Quintessenz noch ein Phantomfeld nötig sind, um die Natur der Dunklen Energie zu erklären.

"Unser theoretische Studie demonstriert, dass die Gleichung zum Zustand der Dunklen Energie ein Quintessenz- oder Phantomfeld simulieren kann, ohne dass in der Realität eines vorliegt", erklärt Solà. Die Effekte, die man in den Daten von Planck und WMAP sehe, ließen sich am ehesten dadurch erklären, dass die Dunkle Energie ein Effekt des Quantenvakuums sei.

Fluktuationen im scheinbaren Nichts

Ein solches Quantenvakuum ist nicht leer, wie der Begriff Vakuum suggeriert. Stattdessen ist nach der Quantentheorie auch der scheinbar leere Raum voller Teilchen, die aber nur kurzzeitig existieren. Diese Partikel tauchen plötzlich auf, nur um Sekundenbruchteile später wieder zu verschwinden. "Nichts ist daher voller als das Quantenvakuum, seine Fluktuationen tragen fundamental zu den Werten bei, die wir beobachten und messen", so Solà. Und diese Fluktuationen könnten auch die Quelle der Dunklen Energie sein.

Diese Hypothese könnte auch erklären, warum das Universum vor etwa sechs Milliarden Jahren begann, sich immer schneller auszudehnen: Weil die Vakuumenergie eine Eigenschaft des Raumes selbst ist, nimmt sie zu, wenn es mehr Raum gibt. Ab einer bestimmten Expansion hat sich die Dichte der Materie und damit auch die Wirkung ihrer Gravitation so weit vermindert, dass die Dunkle Energie die Übermacht gewinnen konnte.

Allerdings: Bisher liegen grobe Abschätzungen der Stärke dieser Energie des Quantenvakuums weit jenseits der beobachtbaren Effekte. Diese Diskrepanzen räumen auch Basilakos und Solà ein. "Aber die Quintessenz und das Phantomfeld sind noch problematischer, daher wäre eine Erklärung auf Basis des dynamischen Quantenvakuums die einfachere und natürlichere", so Solà. Klar ist aber: Die Frage, was genau die Dunkle Energie wirklich ist, ist noch weit davon entfernt, beantwortet zu sein. (Monthly Notices of the Royal Astronomical Society, in press; arXiv:1402.6594)

(Plataforma SINC, 28.03.2014 - NPO)

Freitag, 28. März 2014

Die Krähe und das Kausalprinzip.

Äsop, Krähe
aus Die Presse, Wien, 27.03.2014

Äsops Fabel von der Krähe und dem Krug ist nicht nur Fabel
In Fragen der Kausalität können Krähen es mit Kindern aufnehmen.

„Es war im heißesten Monat des Sommers, da irrte eine durstige Krähe einen Tag lang umher auf der Suche nach Wasser.“ So beginnt eine der Fabeln des Äsop – er lebte etwa 600 v. Chr. in Griechenland –, er macht der Krähe endlich Hoffnung, sie findet einen Krug mit etwas Wasser, aber sie erreicht es nicht, der Hals des Krugs ist zu eng. Da wirft sie Steine hinein, bis das Wasser hoch genug steht. „Ausdauer und Verstand führen immer ans Ziel“, schließt Äsop, seine Geschichten dienten der Belehrung, mit Beobachtungen hatten sie oft nichts zu tun.

Aber vielleicht hat er wirklich eine Krähe Steine in einen Krug werfen sehen. Denn sie kann es, zumindest die Neukaledonienkrähe, die ist klug, sie kann etwa Werkzeuge herstellen: Drähte so biegen, dass sie Futter angeln kann. Und nun hat sie sich auch in „Aesop's fable paradigm“ bewährt. In diesem Experiment stehen Glasröhrchen, in ihnen ist unten etwas – ein wenig Wasser oder Sand –, auf dem schwimmt bzw. liegt Futter, ein Wurm. Daneben liegen Steine und andere Objekte. Die Krähen wählen mit Bedacht, das hat Russel Gray (Auckland) gezeigt (PLoS One, 26. 3.): Im ersten Experiment gab es kleine und große Steine, die Krähen nahmen die großen; im zweiten waren zwei Glasröhrchen, im einen Wasser, im anderen Sand, den versuchten die Krähen erst gar nicht zu heben. Im dritten gab es verschiedene Objekte zum Hineinwerfen, schwimmende und nicht schwimmende, auf Erstere verzichteten die Krähen.


So weit, so klug, der Rest ging über die Grenzen der Krähen: Wenn eine enge und eine weite Röhre da waren und in der weiten der Wasserstand höher war, aber doch mehr Steine gebraucht wurden, dann wählten die Krähen falsch. Und wenn drei Röhren da waren, eine ganz enge, in der der Wurm war, in die man aber nichts werfen konnte, und rechts und links zwei weitere, von denen die eine am Fuß unsichtbar mit der mit dem Wurm verbunden war, versagte die Krähenintelligenz auch (PLoS One, 26. 3.). „Unsere Resultate zeigen, das die Krähen ein gehobenes, aber unvollständiges Verstehen der kausalen Eigenarten der Wasserverdrängung haben“, schließt Gray: „Sie können es damit mit fünf- bis siebenjährigen Kindern aufnehmen.“ (jl)

Nota.

Nicht das Kausalprinzip hat die Krähe begriffen, sondern deren naturgeschichtliche Urform verstanden, den "pragmatischen Syllogismus", wie Aristoteles ihn nannte: Wenn du willst, dass dies und das geschicht, dann musst du dies und jenes tun.
JE


Donnerstag, 27. März 2014

Mathematik-Preis für Chaosforscher.

Anosov-Diffeomorphismen
aus nzz.ch, 26. März 2014, 18:12                         

Abel-Preis für Erforschung des Chaos
Hohe Auszeichnung für die Untersuchung dynamischer Systeme

von George Szpiro ⋅ Die norwegische Akademie für Wissenschaften hat den diesjährigen Abel-Preis, die höchste Auszeichnung, die Mathematiker für ihr Lebenswerk erhalten können, an den Russen Yakov G. Sinai vergeben, der sowohl an der Princeton University in New Jersey als auch an der Russischen Akademie der Wissenschaften lehrt. In der Laudatio werden Sinais «grundlegende Beiträge zu dynamischen Systemen, zur Ergodentheorie und zur mathematischen Physik» gewürdigt. Die Preissumme beträgt eine Million Dollar.

Der 78-jährige Sinai, Sohn zweier Mikrobiologen und Enkel des Mathematikers Benjamin Kagan, beendigte seine Studien 1963 an der so genannten «MechMath», der Abteilung für Mechanik und Mathematik an der Lomonossow-Universität, der staatlichen Universität in Moskau, an die er sich trotz der notorisch anti-semitischen Aufnahmepraxis einschreiben durfte. Sein Doktorvater war Andrei Kolmogorov, der Begründer der modernen Wahrscheinlichkeitstheorie. Sinai veröffentlichte über 250 wissenschaftliche Arbeiten sowie mehrere Bücher und betreute in seiner Karriere über fünfzig Doktoranden. Er gilt heute sowohl im Bereich der Mathematik als auch der Physik als einer der einflussreichsten Wissenschafter der Welt, und er hat zudem Brücken zwischen den beiden Disziplinen geschlagen.

Dynamische Systeme beschreiben mittels sogenannter Differenzialgleichungen, wie sich Körper, zum Beispiel Planeten oder Uhrpendel, im Raum bewegen, oder wie sich aus einer grossen Zahl von Partikeln bestehende Systeme entwickeln – zum Beispiel Moleküle, Viren, Bevölkerungen. Oft sind solche Systeme aber nicht deterministisch, und die Evolution vieler Naturereignisse, zum Beispiel von Epidemien oder Wetterphänomenen, kann nicht exakt, sondern bloss mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhergesagt werden. Was im Volksmund oft als «chaotisch» bezeichnet wird, ist aber mathematisch präzis definiert.

Eine von Sinais herausragenden Leistungen war es, die Zusammenhänge zwischen Ordnung und Chaos aufzuzeigen und zu analysieren. Ein anderes Forschungsresultat, das aus der Telekommunikation stammt, war Sinais Entwicklung eines Maßes für «Entropie», das besagt, wie stark Signale komprimiert werden können. 

Mittwoch, 26. März 2014

Gravitationswellen.

aus NZZ, 26. 3. 2014

Die Nachwehen der Inflation
Mit dem Nachweis von primordialen Gravitationswellen beginnt in der Kosmologie eine neue Zeitrechnung


von Christian Speicher 

In der kosmischen Hintergrundstrahlung haben Forscher einen Beleg dafür gefunden, dass das Universum kurz nach dem Urknall inflationär gewachsen ist. Manche Forscher sprechen von einer Jahrhundertentdeckung.

Vergangene Woche durfte man einem Ereignis beiwohnen, das in der Welt der Wissenschaft Seltenheitswert besitzt. Die Bicep2-Arbeitsgruppe hatte mit einem Teleskop am Südpol in der kosmischen Hintergrundstrahlung den Fingerabdruck von urzeitlichen Gravitationswellen (also sich wellenförmig ausbreitenden Störungen der Raumzeit) nachgewiesen. Fast alle Forscher, die sich zu der Entdeckung äusserten, waren begeistert. Zwar wurde pflichtschuldig darauf hingewiesen, dass die Ergebnisse noch der Bestätigung bedürfen. Von der Skepsis, mit der bahnbrechende Entdeckungen oft aufgenommen werden, war diesmal jedoch wenig zu spüren.

Seltene Eintracht

Kosmologen feiern den Nachweis der primordialen Gravitationswellen als Bestätigung für die Inflation. Astronomen freuen sich über eine weitere indirekte Bestätigung, dass die von Albert Einstein postulierten Gravitationswellen existierten. Und die Teilchenphysiker sind aus dem Häuschen, weil die Entdeckung eine Energieskala ins Spiel bringt, auf der mit neuer Physik zu rechnen ist. So viel Eintracht war selten.

Der Nachweis der primordialen Gravitationswellen wirft ein Schlaglicht auf eine noch unerforschte Epoche des Universums. Zur Rettung des Urknallmodells hatte der amerikanische Physiker Alan Guth 1981 postuliert, der heute sichtbare Teil des Universums habe 10-35 Sekunden nach dem Urknall eine kurze Phase der Inflation durchlaufen, in der er sich von subatomarer Grösse auf die Grösse eines Fussballs aufgebläht habe. Mit dieser Hypothese konnte Guth zum einen erklären, warum das Universum flach ist (weil jegliche Krümmung glatt gezogen wird), zum anderen, warum das Universum auf grossen Skalen weitgehend homogen und isotrop ist (weil das heute sichtbare Universum vor der Inflation so kompakt war, dass sich Unterschiede ausgleichen konnten).

Als Erfolg für die Inflation darf man auch werten, dass sie ein Spektrum von Dichtefluktuationen vorhersagt, das sehr gut zu den Temperaturschwankungen in der kosmischen Hintergrundstrahlung passt. Das ist allerdings kein Alleinstellungsmerkmal der Inflation. Auch andere kosmologische Modelle prognostizieren ein ähnliches Spektrum an primordialen Dichtefluktuationen. Dazu gehört beispielsweise das zyklische Modell von Paul Steinhardt und Neil Turok aus dem Jahr 2002. Dieses Modell geht davon aus, dass das Universum keinen Anfang hat, sondern unendlich viele Zyklen der Expansion und der Kontraktion durchläuft.

Wie die Forscher der Bicep2-Arbeitsgruppe nun festgestellt haben, weist die kosmische Hintergrundstrahlung aber nicht nur Inflations-typische Temperaturschwankungen auf, sie ist auch auf eine ganz besondere Art polarisiert. Für dieses Polarisationsmuster gibt es im Wesentlichen nur zwei Erklärungen. Entweder wurde es der kosmischen Hintergrundstrahlung durch primordiale Gravitationswellen aufgeprägt, die in der Inflationsphase erzeugt wurden. Oder die kosmische Hintergrundstrahlung wurde erst nachträglich polarisiert, etwa durch die Streuung an Staubpartikeln in der Milchstrasse. Diese Möglichkeit halten die Forscher der Bicep2-Arbeitsgruppe allerdings für sehr unwahrscheinlich.

Für die Kosmologin Ruth Durrer von der Universität Genf steht deshalb fest: Sollten sich die Ergebnisse der Bicep2-Arbeitsgruppe bestätigen lassen, so wäre das ein klares Votum für die Inflation. Das zyklische Modell von Steinhardt und Turok lasse nur ein schwaches Gravitationswellen-Signal erwarten, so Durrer. Damit sei dieses Modell nun ausgeschlossen. Das Gleiche gelte aber auch für viele Inflationsmodelle.

Inflationsmodelle gibt es wie Sand am Meer. Je nachdem, wie stark sich das die Inflation antreibende Feld während der Inflation verändert, machen sie unterschiedliche Aussagen über die Stärke und das Spektrum der Gravitationswellen. Das nun gemessene Gravitationswellen-Signal sei so stark, dass man rund 90 Prozent der sogenannten Small-Field-Modelle ausschliessen könne, schätzt Durrer. Weitere Einschränkungen erhofft sie sich durch eine genaue Vermessung der Grössenverteilung der Gravitationswellen. Kenne man neben der Stärke auch das Spektrum der Gravitationswellen, so lasse sich eine Konsistenzrelation überprüfen, die von einfachen Inflationsmodellen vorhergesagt werde.

Eine neue Energieskala

Nicht minder interessant sind die teilchenphysikalischen Implikationen der neuen Entdeckung. Aus der Messung der Bicep2-Arbeitsgruppe lässt sich ableiten, dass sich die Inflation auf einer Energieskala von 1016 Gigaelektronenvolt abgespielt hat. Damit erschliesst sich den Teilchenphysikern eine Welt, die ihnen mit irdischen Beschleunigern niemals zugänglich sein wird. Es springe ins Auge, dass die Energieskala der Inflation nahezu identisch mit der sogenannten GUT-Skala sei, sagt Thomas Gehrmann von der Universität Zürich. Diese Energieskala taucht in teilchenphysikalischen Modellen auf, die die elektromagnetische, die schwache und die starke Kraft auf eine Urkraft zurückzuführen versuchen. Eine zentrale Vorhersage dieser Modelle ist eine endliche Lebensdauer des Protons. Da ein Protonenzerfall bisher trotz hinreichender Sensitivität der Experimente nicht nachgewiesen worden sei, so Gehrmann, hätten diese Modelle in den letzten Jahren an Attraktivität verloren. Er könne sich aber vorstellen, dass sie nun wieder Auftrieb erhielten.

Damit ist allerdings nicht gesagt, dass die Inflation zwingend mit neuer Physik einhergehen muss. In den letzten Tagen ist auf dem Arxiv-Preprint-Server eine lebhafte Diskussion darüber entbrannt, ob man die Inflation auch im Rahmen des Standardmodells erklären kann. Die Diskussion geht auf eine Arbeit zurück, die Fedor Bezrukov und Mikhail Shaposhnikov von der ETH Lausanne im Jahr 2008 veröffentlicht haben. Darin wurde gezeigt, dass auch das Higgs-Feld des Standardmodells die treibende Kraft hinter der Inflation sein kann, wenn es in geeigneter Weise an die Gravitation koppelt.

Nach der Publikation der Bicep2-Arbeitsgruppe sei diese Idee vorschnell für tot erklärt worden, sagt Shaposhnikov. Denn in der Arbeit von 2008 sei ein sehr kleiner Wert für die Stärke der primordialen Gravitationswellen vorhergesagt worden. Inzwischen habe man aber festgestellt, dass die Theorie auch mit stärkeren Gravitationswellen verträglich sei. Dafür müsse die Masse des Higgs-Teilchens allerdings sehr nahe bei einem kritischen Punkt liegen, der seinerseits empfindlich von der Masse des Top-Quarks abhänge. Eine solche Feinabstimmung von Parametern geht der Arbeitsgruppe von Lawrence Krauss von der Arizona State University in Tempe allerdings zu weit. In einem Preprint argumentieren die Forscher, dass die Idee, die Inflation alleine mit dem Higgs-Feld des Standardmodells zu erklären, dadurch an Reiz verliere.


ebd.
«Die Stärke des Signals hat uns überrascht»
Jan Tauber, bei der ESA für die Planck-Mission zuständig, äussert sich zum Nachweis von Gravitationswellen durch ein konkurrierendes Experiment

Herr Tauber, die Planck-Arbeitsgruppe hat ebenfalls nach Spuren von Gravitationswellen in der kosmischen Hintergrundstrahlung gesucht. Waren Sie überrascht, dass Ihnen ein konkurrierendes Experiment zuvorgekommen ist?

Es gab Gerüchte, dass die Bicep2-Arbeitsgruppe mit einem aufsehenerregenden Resultat an die Öffentlichkeit treten würde. Insofern traf uns das nicht völlig unvorbereitet. Aber die gesamte Fachwelt war erstaunt, wie stark das von Bicep2 nachgewiesene Signal ist. Die Temperaturdaten des Planck-Satelliten hatten uns Anfang 2013 erlaubt, unter gewissen Modellannahmen eine obere Grenze abzuleiten, die nur halb so gross ist. Die Ergebnisse der Polarisationsmessungen werden wir vermutlich Ende des Jahres publizieren. Dann wird man sehen, ob wir das Resultat der Bicep2-Arbeitsgruppe bestätigen können.

Gibt es denn einen Grund, an den Resultaten zu zweifeln?

Auf den ersten Blick kommt mir die Auswertung sehr solide vor. Zwar gibt es einzelne Punkte, die man noch überprüfen muss. Aber bei der Analyse möglicher Fehlerquellen sind die Forscher sehr sorgfältig vorgegangen.

Was unterscheidet das am Südpol stationierte Bicep2-Experiment vom satellitengestützten Planck-Experiment?

Das Bicep2-Experiment ist dafür ausgelegt, einen kleinen, sehr sauberen Ausschnitt des Himmels mit hoher Empfindlichkeit zu vermessen. Unsere Strategie ist eine andere. Wir vermessen den gesamten Himmel und hoffen, so die geringere Empfindlichkeit unserer Detektoren kompensieren zu können. Der Nachteil ist, dass die Sicht auf den Mikrowellenhintergrund nicht überall so ungestört ist wie in dem kleinen Ausschnitt, den die Bicep2-Arbeitsgruppe gewählt hat. Deshalb müssen wir den störenden Vordergrund von unseren Daten subtrahieren, bevor wir nach primordialen Gravitationswellen und anderen interessanten Signaturen suchen können. Das macht die Analyse unserer Daten deutlich komplexer.

Lohnt sich dieser Aufwand denn, wenn man die gleichen Resultate auch mit einem billigeren 
Teleskop am Boden gewinnen kann?

Bicep2 ist auf ein enges Ziel ausgerichtet, nämlich den Nachweis der sogenannten B-Moden in der kosmischen Hintergrundstrahlung. Unsere wissenschaftliche Zielsetzung ist viel breiter. Ein Beispiel: Mit dem Bicep2-Teleskop lässt sich nur ein kleiner Bereich von Winkelskalen untersuchen. Es gibt in der kosmischen Hintergrundstrahlung aber sehr interessante Signaturen, die sich über grosse Winkelbereiche erstrecken. Solche grossräumigen Signaturen sieht man nur, wenn man den ganzen Himmel vermisst. Und das ist von der Erde aus nicht möglich. Anhand solcher Signaturen wollen wir zum Beispiel mehr über jene Epoche erfahren, in der die Materie im Universum reionisiert wurde.

Für den Nachweis der primordialen Gravitationswellen ist das aber offenbar nicht nötig?

Die Strategie der Bicep2-Arbeitsgruppe war riskant. Denn man musste damit rechnen, dass die Signatur der Gravitationswellen auf mittleren Winkelskalen komplett von einem anderen Effekt überlagert wird. Die Strategie ging nur deshalb auf, weil das Signal so unerwartet stark ist. Ein solches Risiko kann man eingehen, wenn die Kosten für ein Experiment relativ niedrig sind. Bei einem Experiment wie Planck muss man sehr viel konservativer vorgehen.

Was bleibt für die Planck-Arbeitsgruppe jetzt noch zu tun? Bleibt Ihnen nur noch die undankbare Aufgabe, das Resultat der Bicep2-Arbeitsgruppe zu bestätigen - oder es zu widerlegen?

Was die B-Moden betrifft, steht das nun sicherlich im Vordergrund. Es wird aber nicht unser einziges Ziel sein. Die Messungen der Bicep2-Arbeitsgruppe liefern bis anhin nur einen einzigen Parameter. Dieser macht Aussagen darüber, bei welcher Energie die Inflation stattgefunden hat. Ich bin mir sicher, dass wir durch die genaue Vermessung des Polarisationsspektrums über einen grossen Himmelsbereich noch viel mehr über die Inflation und spätere Zeiten lernen können als nur diese eine Zahl. Sie müssen wissen, dass die Inflation eigentlich keine Theorie ist, sondern eine Idee, die sich auf ganz verschiedene Arten realisieren lässt. Es gibt Hunderte von Modellen, und wir hoffen, dass wir diese in Zukunft noch stärker einschränken können.

Würden Sie rückblickend sagen, man hätte die Analyse der Polarisationsdaten forcieren sollen?

Manche Forscher in unserer Arbeitsgruppe sind natürlich enttäuscht, dass wir nicht die ersten waren, die die primordialen Gravitationswellen nachgewiesen haben. Trotzdem sehe ich keine Alternative zu unserem Vorgehen. Wie gesagt ist die Auswertung der Planck-Daten eine komplexe Angelegenheit, gerade auf grossen Skalen. Wir müssen sehr vorsichtig sein. Selbst wenn es Konkurrenzdruck gibt, dürfen wir nicht vorschnell an die Öffentlichkeit gehen. Ich hoffe, dass wir daran auch in Zukunft festhalten werden.

Interview: Spe

Nota.
Dies für den Fall, dass einer meiner Leser versteht, wovon die Rede ist. Dann würde ich ihn um ein paar Erläuterungen bitten; ich verstehe es nicht.
JE 

Dienstag, 25. März 2014

Die Flut der kosmologischen Modelle eingedämmt.

aus Die Presse, Wien, 25. 3. 2014                                     Gravitatiosnwellen

Kosmologie: 
Frühjahrsputz in der Physik
Der Nachweis von Gravitationswellen, die von der anfänglichen Explosion des Universums stammen sollen, erschüttert auch die theoretischen Physiker. Etliche bisher mögliche Theorien scheinen nun widerlegt. Das erleichtert viele.

 

"Ich habe etwas Schreckliches getan“, bekannte der – sonst nicht für seine Demut bekannte – Physiker Wolfgang Pauli im Jahr 1930: „Ich habe ein Teilchen vorhergesagt, das nicht nachgewiesen werden kann.“ Es war das Neutrino: Pauli postulierte dessen Existenz, um zu gewährleisten, dass beim radioaktiven Beta-Zerfall die Energie erhalten bleibt. Dieses Prinzip war ihm, dem Theoretiker, so wichtig, dass er dafür auch ein Teilchen in Kauf nahm, von dem er dachte, dass es sehr schwer zu messen sei. Tatsächlich wurde das Neutrino 26 Jahre später nachgewiesen, es ist längst fixer Bestandteil des Standardmodells der Teilchenphysik.

Im Gegensatz zu etlichen Teilchen, die in den letzten Jahrzehnten von theoretischen Physikern postuliert wurden: Wimps, Axionen, supersymmetrische Teilchen vom Wino bis zum Squark... Sie alle verdanken ihre hypothetische Existenz diversen Theorien, die auf dem Prüfstand standen und stehen.

Stehen sie auf dem Prüfstand? Prinzipiell ja. Wie jede Theorie immer. So gut wie alle Naturwissenschaftler können sich bis heute auf den Grundsatz einigen, den Karl Popper 1934 in seiner „Logik der Forschung“ erklärt hat: Eine wissenschaftliche Theorie kann nie endgültig bewiesen (verifiziert) werden. Im Gegenteil: Sie muss durch Experimente falsifizierbar sein. Dadurch unterscheidet sie sich von Pseudowissenschaften wie Astrologie.

Ein Problem der theoretischen Physik in den letzten Jahrzehnten: Sie produziert eine Unmenge von Theorien, die zwar prinzipiell falsifizierbar sind. Allein, es mangelt an den dafür notwendigen Messungen. Polemisch gesagt: Die theoretischen Physiker haben zu viele Freiheiten. Sie können sich x-dimensionale Universen ausdenken, supersymmetrische Teilchen, die einfach zu schwer sind, um sie mit heutigen Teilchenbeschleunigern zu erzeugen. Sie können die dunkle Materie, die sie im Universum wähnen, mit hypothetischen Teilchen füllen, sie können die noch seltsamere dunkle Energie auf mannigfaltige Weise erklären, sie können eine Vielheit von Universen beschreiben, die nebeneinander existieren, was immer das heißen mag...

So ist jede Messung willkommen, die die Flut der Theorien einzudämmen vermag. Wie die spektakuläre Messung mit dem Bicep2-Teleskop, über die Astronomen am 17.März berichteten. Sie fanden in der kosmischen Hintergrundstrahlung Muster, die mit großer Wahrscheinlichkeit von Gravitationswellen kommen, die mit der kosmischen Inflation entstanden sind, die sofort nach dem Urknall begann. Die Muster sprechen also für die kosmische Inflation. Sie sagen freilich mehr. Nämlich auch, welche der zahlreichen Modelle der kosmischen Inflation nun nicht mehr infrage kommen. Und sie falsifizieren auch etliche andere Theorien. „Das gibt einen großen Frühjahrsputz, bei dem fast alles ausgeschlossen wird“, jubelt Max Tegmark, Kosmologe am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, laut Nature News: „Das erschüttert die theoretische Welt.“

Kein Clash der Universen mehr

Besonders erregt sind naturgemäß die Theoretiker, die Modelle der kosmischen Inflation erarbeitet haben. Zunächst natürlich Alan Guth, der die Inflationstheorie 1981 eingeführt hat, um zu erklären, warum das Weltall heute so homogen und so flach ist. Die Bicep2-Messungen seien „ein total neues, unabhängiges Beweisstück dafür, dass das Bild der Inflation stimmig ist“, sagte er sofort. Ein gravierender Nachteil dieser Theorie ist freilich bis heute, dass man für sie ein hypothetisches Feld einführen muss, das ganz offensichtlich heute nicht mehr wirkt.

Entsprechend vielfältig entwickelte sich diese Theorie weiter. Eine ihrer Varianten ist die „chaotische Inflation“, vorgeschlagen 1986 von Andrei Linde: Ihr zufolge expandiert der Großteil des Universums ewig inflationär, nur in manchen „Blasen“ (z.B. der, in der wir leben) verläuft die Expansion langsamer. Die Daten von Bicep2 würden 90Prozent der Inflationsmodelle eliminieren, sagte Linde bei einer überfüllten Vorlesung am MIT, bei der er scherzhaft seinen Bizeps zeigte. Auch eine Alternative zur Inflation, die Theorie des „Cyclic Universe“, sei nun auszuschließen. Sie sagt, dass der Urknall sich dem Zusammenstoß zweier dreidimensionaler „Brane Worlds“ in einem höherdimensionalen Raum verdanke. Bei einem solchen Clash der Welten wären aber (in unserem Universum) keine Gravitationswellen entstanden.

Die „Branes“ in dieser Theorie sind Weiterentwicklungen der winzigen „Strings“, aus deren Schwingungen viele theoretische Physiker alle Teilchen erklären wollen. Leider mündete ihr verwickeltes Spiel mit höheren Dimensionen in einer gigantischen Anzahl von Theorien (monströse Zahlen wie 10500wurden genannt), sodass Spötter von einer „Theory Of Anything“ statt einer „Theory Of Everything“ sprachen. Etliche Stringtheoretiker würden jetzt „zurück ans Zeichenbrett“ geschickt, erklärt Nobelpreisträger Frank Wilczek: Denn ihre Modelle ergeben Gravitationswellen mit viel geringeren Energien, als man nun mit Bicep2 gemessen hat.

Ebenfalls betroffen sind Teilchen namens Axionen, die aus der Theorie der starken Kernkraft kommen. Mit ihnen wollen manche Physiker die dunkle Materie erklären, ohne die man z.B. die Bewegung der Galaxien nicht verstehen kann. Etliche Axionen-Modelle kommen jetzt nicht mehr infrage, sagt der Kosmologe Marc Kamionkowski. Ganz allgemein gelte: „Die Familie der akzeptablen Modelle ist ungeheuer geschrumpft.“

Bottom up oder Top down?

aus Die Presse, Wien, 15. 3. 2014

Biologie: 
Hütet wirklich der Wolf den Wald?

Ökosysteme werden von der Spitze her kontrolliert, das hat seit einigen Jahren die alte Überzeugung abgelöst, dass die untere Ebene entscheidet. Aber es gerät ins Wanken.

 

Wer wacht darüber, dass ganze Ökosysteme funktionieren? Die an der Spitze tun es, die großen Räuber, heißt seit einigen Jahren die Antwort. Und das Musterbeispiel sind die Wölfe im Yellowstone Park: 1926 hatte das National Park Service den letzten abgeschossen. Daraufhin gediehen Elche und Wapiti-Hirsche so gut, dass kaum mehr Espen hochkamen. Die hatten zuvor die Flussufer stabilisiert, nun suchte sich das Wasser neue Wege, und auch die Biber litten. Unter anderem deshalb wurden 1995 wieder Wölfe freigesetzt – heute jagen 100 von ihnen in 14 Rudeln. Auch ihr Bild in der Öffentlichkeit hatte sich geändert, und die Biologen hatten gelernt, dass Ökosysteme verschiedene Ebenen haben, durch die die Energie in trophischen Kaskaden fließt. Und dass alles durcheinandergerät, wenn die oberste Ebene fehlt: Top-down wird reguliert, und die großen Räuber sind die „keystone species“.

Natürlich wusste man auch früher schon, dass einer vom anderen lebt, aber früher dachte man Bottom-up. Die Produktivität der Pflanzen war das Fundament, alle Energie kam von der Fotosynthese, sie speiste das ganze System. Aber dann, 1963, stellte sich Bob Paine, ein hünenhafter Ökologe, an eine US-Meeresküste und riss in einem acht Meter langen Bereich die Seesterne von den Felsen, eine kräftezehrende Mühe, die Seesterne werden einen halben Meter groß und halten sich gut fest. Paine warf sie weit hinaus ins Meer. Daraufhin vermehrten sich die Muscheln, die zuvor von den Seesternen bejagt wurden, sie fraßen alles kurz und klein, ein neues Ökosystem entstand, ein armes, die Artenzahl halbierte sich.

Megaexperiment Staudamm

Ähnliche Experimente fanden auch top down statt, zunächst wurden sie alle in aquatischer Umwelt durchgeführt, das brachte 1992 die Frage: „Are trophic cascades all wet?“ Nein, bis 2000 hatte sich in 41 Studien der Effekt auch an Land gezeigt, aber die Experimente waren alle klein und hantierten mit kleinen Räubern, Spinnen etwa oder Ameisen. Dann, 2001, kam ein ganz unbeabsichtigtes Megaexperiment: In Venezuela wurde ein Staudamm gebaut, hinter ihm ragten bald nur noch ein paar Inseln aus dem Wasser. Sie waren zu klein für große Jäger wie Jaguare und Adler, so wurden sie ein Paradies für kleine Nager, Leguane und Blattschneiderameisen. Sie alle miteinander ruinierten die Ökosysteme in kurzer Zeit.

Mitgearbeitet bei der Studie, die das dokumentierte, hat William Ripple (Oregon State University), er brachte im gleichen Jahr auch die Ikonen ins Spiel, die Wölfe im Yellowstone: Ripple hatte bemerkt, dass nach dem Auswildern der Wölfe die Espen wieder hochkamen, und zwar vor allem in engen Flusstälern. Das führte zu der Hypothese, dass die Elche die mieden, weil sie dort kaum Fluchtmöglichkeiten hatten. Später fand er den Effekt auch bei Weiden, es wurde zur Lehrmeinung.

Bis 2010, da widersprach Matthew Kauffmann (University of Washington). Er hatte sich die Espen auch angesehen, hatte Bohrkerne genommen und Jahresringe gezählt. Er sah ein ganz anderes Bild: Viele Espen waren schon verschwunden, bevor die Wölfe abgeschossen worden waren. Und viele waren hochgekommen – es geht immer darum, dass sie groß genug werden, um sich zu vermehren –, als die Wölfe weg waren. Und seit sie wieder da sind, geht es den Espen auch nicht besser, denn der Hunger der Elche ist im Winter stärker als die Furcht: „Es braucht nur einen Bullen, der sich sagt: ,Zur Hölle mit den Wölfen!‘, in ein riskantes Habitat wandert und ein paar Tage lang frisst“, erklärte Kauffmann: Dann sind die Espenschösslinge weg.

Das Bild vom guten Jäger an der Spitze sei zu simpel und von Romantik unterlegt. Dem stimmt auch Ben Allen (Toowoomba) zu, der den gleichen Eindruck bei einem ganz anderen Räuber gewonnen hat, dem Dingo in Australien. Er hält nichts von „der Idee, dass die Jäger an der Spitze wunderbar für die Umwelt sind und alles wieder zurück zum Garten Eden bringen werden“ (Nature 507, S.158).

Bottom-up? Top-down? Middle guy!

Aber wenn es die nicht sind, wer sind dann die Schlüsselspieler? Ripple vermuet jetzt, dass die „Kombination von Top-down und Bottom-up“ das Entscheidende ist. Aber Oswald Schmitz (Yale) hat noch eine ganz andere Idee, er setzt auf den „middle guy“, den der unten und oben verbindet, im Yellowstone Park also etwa den Elch und den Biber: „Es ist weder Bottom-up noch Top-down, entscheidend sind die trophischen Kaskaden, die von der Mitte ausgehen.“

Montag, 24. März 2014

Büchner-Ausstellung in Zürich.

aus NZZ, 21. 3. 2014

Fragmente einer unvollendeten Existenz
Das Museum Strauhof erkundet in der Ausstellung «Georg Büchner. Revolutionär mit Feder und Skalpell» Leben und Werk des in Zürich verstorbenen Dichters 

von Roman Bucheli 

Unweigerlich stellt man sich die Frage: Wo, um Himmels willen, sollen dereinst solche Ausstellungen in Zürich gezeigt werden? Wenn es das Museum Strauhof nicht gäbe, man müsste es erfinden. Wie und wo könnte man sonst eine verwinkelte Existenz wie Georg Büchners mit einem literarischen Werk aus lauter Bruchstücken wie seines ausstellen - wenn nicht in einem Haus, das seinerseits das Verwinkelte und Zerstückelte in sich abbildet? Bald wird es das Museum Strauhof indes nicht mehr geben. Und bald wird es darum auch solche Ausstellungen nicht mehr geben.

Gebrochene Lebenslinien

Zu Georg Büchners 200. Geburtstag war diese Ausstellung in Darmstadt konzipiert und erstmals im vergangenen Herbst gezeigt worden. Der Kurator Ralf Beil, Direktor des Instituts Mathildenhöhe, hatte sie in einen riesigen Saal des Kongresszentrums gebaut - und machte dort die gebrochenen Linien dieses kurzen Lebens mit dem vielfältigen, nach allen Richtungen ausgreifenden Schaffen in einer architektonisch aufwendigen Inszenierung geschickt sichtbar.

Natürlich fragt man sich, ob und wie eine derart grosszügig angelegte und reich bestückte Ausstellung in den engen Verhältnissen im Strauhof überhaupt noch ihre Wirkung entfalten kann. Die Antwort ist schnell gegeben: Gewiss musste auf zahlreiche Exponate verzichtet werden; solche Verluste aber macht gerade das Atmosphärische dieses Hauses spielend wett. Das Enge muss hier nicht künstlich nachgebaut werden, die vielfachen Krümmungen und Brüche des Lebensweges lassen sich geradezu ideal in den Räumlichkeiten abbilden, und die vielen Durchblicke von Zimmer zu Zimmer versinnbildlichen die gesellschaftliche und politische Sprengkraft von Büchners Gedankenwelt in einer Zeit sozialer Not und autoritärer Herrschaft.

Die Räume des Erdgeschosses zeichnen die biografischen Stationen von Kindheit und Jugend in Darmstadt, der Studienjahre in Strassburg und Giessen nach und münden schliesslich in die Flucht nach Zürich, denn als solche kann man Büchners Übersiedlung in die Schweiz wohl bezeichnen.
Mit geschickter Auswahl von Dokumenten (Schulzeugnisse, Briefe, die elterliche Bibliothek) und expressiver Inszenierung (von einer der Aussichtsplattform des Strassburger Münsters nachempfundenen Balustrade aus blickt man auf ein fotografiertes Relief der Stadt hinunter) wird Büchners Lebensweg vermessen und die Ausbildung zum philosophisch geschulten Naturwissenschafter dokumentiert.

Auf- und Umbrüche

Ob darin eine innere Folgerichtigkeit waltete, ob der Weg vom Elternhaus über die mannigfaltigen Lektüren, das Studium und die Verlobte Wilhelmine Jaeglé im Strassburger evangelischen Pfarrhaus, mit der sich Büchner durchaus auch über Weltanschauliches austauschte, in die Politisierung führen musste? Die Ausstellung gibt darauf keine Antwort. Sie zeigt lediglich, wie dieses Leben sich entwickelte, bald zielstrebig in geraden Linien, bald in wilden Auf- und Umbrüchen.

Und wie aus diesem biografischen Unterbau ein literarisches Werk in einer veritablen Eruption und in kürzester Zeit herausbrach: Das führen die Ausstellungsräume im oberen Stockwerk des Strauhofs vor. Vom revolutionären Manifest «Der Hessische Landbote» (das Büchners Mitstreitern Haft und Tod brachte) über die Erzählung «Lenz» bis zu den drei überlieferten Dramen. Das letzte dieser Dramen, «Woyzeck», gedieh freilich nicht über fragmentarische Handschriften hinaus. Zwei davon entstanden in Büchners letzten Lebensmonaten in Zürich.

Und auch hier kommt das Labyrinthische der Räumlichkeiten dem Stoff entgegen. Die Inszenierung auf kleinstem Raum verdichtet sowohl das Beengende der Zeit wie zugleich das aufwühlende Ineinander von revolutionärem Aufbruch, Dekadenz im Lustspiel und Wahn- wie Irrsinn in der Erzählung «Lenz» oder in den Dramen «Dantons Tod» und «Woyzeck» zu physisch erlebbarer Unmittelbarkeit.

So sieht sich der Besucher in der kleinen «Lenz»-Kammer unvermittelt einem überlebensgrossen, schreckensstarr und weit geöffneten Augenpaar gegenüber und begreift auf einmal und ganz zwanglos die doppelte Perspektive: Büchner hat in «Lenz» auch ein freilich verfremdetes Selbstporträt gezeichnet. Die Einsicht in die Ausweglosigkeit - im Politischen - und die Unzulänglichkeit aller - auch der poetischen - Mittel angesichts autoritärer Despoten musste ihn ernüchtert und deprimiert haben. Lenz machte die Erfahrung im Zeichen der Poesie, mit Woyzeck zeichnete Büchner diese existenziellen Erschütterungen, die geistige wie sittliche Zerrüttung des Menschen noch einmal in rabiater Zuspitzung nach.

Fragmente einer Existenz

Büchner muss in Zürich an der Spiegelgasse eine stille Zimmerexistenz geführt haben (auch wenn er Geselligkeiten im nahen Kasino im heutigen Obergericht nicht abgeneigt war). Er schrieb, sezierte und dozierte (vor zwei, drei Studenten) in seiner Kammer, die im Strauhof andeutungsweise nachgebaut worden ist. Hier hinein blickt der Besucher und sieht die Fragmente einer unvollendeten Existenz vor sich: Schreibwaren, Sezierbesteck. Im Oktober 1837 besuchte ein Freund das Grab auf dem Krautgarten-Friedhof. «Noch wächst kein Gras, aber Blumen drauf von lieber Hand gepflanzt», berichtet er und fügt hinzu: «Sein Andenken ist unter den Professoren schon ziemlich erblasst.»

Zürich, Museum Strauhof, bis 1. Juni. Das umfangreiche und vielfältig bebilderte Katalogbuch erschien im Verlag Hatje Cantz und kostet in der Ausstellung
72 Franken.
Im Begleitprogramm zeigt das Filmpodium im April Werner Herzogs Film «Woyzeck» und im Mai Thomas Imbachs Film «Lenz».

Samstag, 22. März 2014

Heideggers Schwarze Hefte.

aus Badische Zeitung, 22. 3. 2014

Martin Heidegger, der verblendete Prophet
Über die Vollendung der Neuzeit und das barbarische Prinzip: Heideggerexperte Rainer Marten blättert durch die jetzt erschienenen "Schwarzen Hefte" von Martin Heidegger . 

von Rainer Marten
 
Nicht der Antisemitismus ist neu; neu ist das "barbarische Prinzip". An ihm ermisst sich die Stellung, die dem Judentum in der von Heidegger erdachten Denkgeschichte eingeräumt wird. Die Aufzeichnungen in schwarzen Wachstuchheften, die Heidegger als krönenden Abschluss seines Gesamtwerks vorsah, reichen bis in die siebziger Jahre.
 

Die jetzt erschienenen Bände 94 bis 96 führen zur Wiederbegegnung mit dem weit gehörten Ausrufer des Notstandes, dass der Mensch noch gar nicht er selbst ist. Wie er als Nachdenker und Prophet auftritt, geizt er nicht mit beißender Kritik und makelloser Selbstgerechtigkeit. Im Gleichschwung phantasiereichen Sprachgebrauchs und Denkentwurfs werden die Eckpunkte seines Denkgebäudes in einem fort wiederholt. So hämmert er sich die Gewissheit ein, als einzig wirklich um den Menschen Bemühter auf dem rechten Weg zu sein.
 

Not tue wesentliches Denken und Dichten, wie nicht anders in den "Beiträgen" (1936—1938) zu lesen. Auch bleibt es bei der schmalen Auswahl der Gewährsmänner für seine Denkgeschichte. Wieder sind es Anaximander, Heraklit und Parmenides, die für ihren lichten Anfang einzustehen haben: ein Spruch, drei Fragmente und vier Zeilen eines Lehrgedichts, alles in fragwürdigen Auslegungen, worauf, im Sprung über alles Dunkel der Metaphysik hinweg, knapp vor ihm selbst der Dichter auftritt: Hölderlin, den es zu verklären, nicht zu erklären gelte.

Das dunkle Christentum

Für das Dunkel stehen im wesentlichen Platon (Dialektik und Ideenlehre), Descartes (methodisches Interesse für das Klare und Deutliche) und Nietzsche (Option für das Leben). Mit Nachdruck wird auch das Christentum dem Dunkel zugeschlagen: Der Schöpfergott mache alles gleicherweise zu Geschöpfen; wer Trost suche und christliches Leben bejahe, sei blind für den wahren Notstand.

"Der Deutsche allein kann das Sein ursprünglich neu dichten und denken" – das ist nur konsequent, wenn es einzig Hölderlin und er selbst sind, die für den neuen Anfang stehen. Das macht "die Deutschen" zum Problem, die gezählten 65 Millionen, gehört doch alles Zählbare dem Dunkel zu. Echte Deutsche seien allein die auf geistige Existenz setzenden "Wenigen" und "Künftigen", Brückenbauer zum geistigen Neuanfang.

Hölderlins Hyperion wird Zeuge: "So kam ich unter die Deutschen. (...) Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion noch barbarischer geworden": zu "allberechnenden Barbaren".

Das ist ganz Heidegger: "Alles ist zu wagen" heißt sein Motto, die Deutschen weist er aber als die zum Wagnis signifikant Unfähigen aus. Untauglich, ihr Schicksal zu übernehmen, verkörperten sie das Unwesen des Menschen. Bodenlosigkeit, Maßlosigkeit, Kleinmütigkeit, Verantwortungslosigkeit und Zuchtlosigkeit, man höre nur, prägten ihre "Unkraft". Wieder gilt Ungeist als Markenzeichen deutscher Kultur. Wird für Heidegger ",Kultur’ (...) zur Grundform der Barbarei" und damit zu einem "Vorzug aller Kulturvölker", dann zielt er bei deutscher Kultur auf den Kulturbetrieb der Nationalsozialisten, zumal auf den durch ihr Kampfblatt "Der Alemanne" vertretenen.

Die Alemannen, "die nicht zu ahnen vermögen, wer Hölderlin ist und wer Hegel und Schelling gewesen", stießen "jetzt zwischen Schwarzwald und Vogesen" nur "breites Gelärm" hinaus. Allein das Land "östlich der Wasserscheide des Schwarzwaldes" sei geistiges Land.

Geistlose Kultur soll die Übernahme völkischen Schicksals nicht unmöglich machen. Im Gegenteil. Als manifestes Unwesen gehört sie zur Geschichte der Wesenswiedergewinnung. "Die größte Gefahr", schreibt Heidegger, "ist nicht die Barbarei und der Verfall, denn diese Zustände können in ein äußerstes hinaus – und so eine Not hervortreiben. " Was der Weltkrieg mit seinen Opfern nicht vermochte, soll jetzt dem Nationalsozialismus gelingen: die Not hervorzubringen, wesentlich zu denken.

Das befördert ihn zum wesensnotwendigen Widerpart deutscher Wesensgewinnung: "Der Nationalsozialismus ist ein barbarisches Prinzip. Das ist sein Wesentliches und seine mögliche Größe. Zwölf Jahrzehnte zuvor sagt Schelling vom "barbarischen Prinzip": Habe ein Volk es "überwunden, aber nicht vernichtet", sei es "die eigentliche Grundlage aller Größe", die unabdingbare Gegenkraft zur "Humanität".
 


Heidegger und Hölderlin

Instrumentalisieren Heidegger und Adorno den Hölderlinvers "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch", dann meinen sie das dialektische Prinzip Schelllings: äußerste Negativität als Anstoß zu äußerster Positivität. Je mehr also der Nationalsozialismus sich in Kultur, Wissenschaft, Technik und Ökonomie dem Massenhaften und Berechenbaren ausliefert, umso klarer offenbart sich deutsche Not. Heidegger greift zu Nächstliegendem, um seine Negativität aufzuladen und setzt ihn wesensgleich mit Bolschewismus und Faschismus.

Macht und Machenschaften von Technik und Berechnung werden so in die Totale gehoben. Den Faschismus nennt er, obgleich er den wesenlosen Italienern keine Zukunft einräumt.

Auf den Bolschewismus aber und seine durch Lenin verbürgte Verbindung mit Technik und Zahl kommt er immer wieder zu sprechen, weil er ihn auf dem Hintergrund des "Russentums" sieht. Früh schon habe er sich diesem zugewandt, seiner Einfachheit und weiten Erde. Ihm traut er Wesentliches zu: die Erwartung eines Gottes. Deutsches und russisches Geschick könnten sich verbinden.

Eine Abfuhr erfährt das Angelsächsische, der wesenlose Geist des am Wohlstand gemessenen Glücks. Gesellt sich in den "Schwarzen Heften" zum Begriff der Barbarei der der Brutalitas, dann wird die Unterscheidung von Zerstörung und Verwüstung bedeutsam, von Negativität als Anstoß zur Positivität und für immer bleibender Negativität. Wer höchste geistige Not predigt, die jede Kriegs-, Hungers- und Wohnungsnot überholt, hat zum Hauptgegner den Menschen, der mit dem Leben zurechtkommt. Biedere Demokratie ist vollendete Verwüstung.

Und die Juden, denen Heidegger als Eigenschaften leere Rationalität und Rechenfähigkeit nachsagt? Für ihn stellt sich die metaphysische, nicht rassische Frage nach ihrer "Menschentümlichkeit". Existieren sie, weil "schlechthin ungebunden", weltweit, erhalten sie, als "Weltjudentum", eine eigene Bedeutung: Sie können die "Entwurzelung alles Seienden aus dem Sein als weltgeschichtliche ,Aufgabe’ übernehmen". Anders als für Engländer und Amerikaner hält Heidegger für die Juden die Möglichkeit bereit, einen Beitrag zur menschlichen Wesenswiedergewinnung zu leisten: den Abstoß aus der Zerstörung durch Vollendung der Zerstörung. Genau das ist für ihn die "Wesensvollendung" der Neuzeit.

Auf sie ist die Hälfte aller Gedanken der drei Bände fixiert, die andere Hälfte auf den "Übergang" und "Brückenbau" zum letzten (Neu-)Anfang des Menschen in einer Welt, die keine gegenständlichen, sondern "dingende" Dinge kennt, keine Tatsachen, sondern Ereignisse, keine wahren Aussagen und konkreten Feststellungen, sondern allein die "Wesung des Seyns", durch nichts Seiendes verstellt. Ihr ist die Ankunft des letzten Gottes zugedacht. Das Judentum wird, so sieht es aus, keinen Platz in der "weltenden Welt" finden. Dies Schicksal teilt es mit den barbarischen Deutschen, mit all den "Vielen", mit der "Masse" Mensch.
 


Von Mitmenschlichkeit fehlt jede Spur

Heideggers Denken will ein frommes sein, und so gibt es sich von früh an: Nicht theoretisch Erfassen, sondern schauend Staunen; Vernehmen, nicht Begreifen; Fragen, nicht Erkennen; Hören und Schweigen, nicht Reden und Urteilen. Von Segen und Gnade ist die Rede, auch von Herz. Stille, Verhaltenheit, Inständigkeit – das findet sich gehäuft. Alles ist auf den geistig wesenhaft agierenden Einzelnen zugeschnitten. Von Mitmenschlichkeit fehlt – gezielt – jede Spur. Der Übergang, von den "Wenigen" getragen, dauere lang – das weiß der Prophet, der nicht als Prophet verstanden sein will.

Die Verwindung der Machenschaften von Wissenschaft, Technik und alter Religiosität geschieht nicht "jäh", wie der Anbruch der ganz anderen Welt. Heidegger hat gut dreihundert Jahre im Sinn. Die Jahre 2300 und 2327 werden genannt. Dann hat die Börse in New York für immer ihre Zeit gehabt, der Smog in Peking, das Kraftwerk im Rhein.

Nach der Lektüre der 1240 Seiten der "Schwarzen Hefte" bin ich fassungsloser denn je, wie man diesem Denken in nicht wenigen geistigen Zentren der Welt so viel zustimmende Aufmerksamkeit entgegenbringen kann. Eine Relevanz für die Frage des Menschen nach sich selbst, die keine letzte Antwort finden kann, vermag ich nicht zu erkennen.


Wer geistig mit der Wesensvollendung der Neuzeit als vollendeter Zerstörung spielt, einen letzten Kampf auf Sieg oder Untergang um gelingendes deutsches Seinsdenken und deutschen Volksgott als den letzten Gott mit beachtlicher Denk- und Sprachkunst inszeniert, der hat sich vom Menschen, der wir sind, losgesagt. Das hässliche Wort aus den "Beiträgen", dass der Mensch als Masse "nicht einmal dessen mehr gewürdigt wird, auf einer kürzesten Bahn die Vernichtung zu finden", erscheint wieder in Band 94, mit der Präzisierung, dass der Gott, der sich das versagt, der letzte ist.

Was Heidegger als geistigen, nicht biologischen, Rassismus, Nationalismus und Ethnizismus bis hin zur Trennung von Schwaben und Alemannen vorführt, um seinen denkgeschichtlichen Weitblick als engsten Obere-Donau-Blick zu manifestieren, ist eines Philosophen schlichtweg unwürdig. Man verfolgt den Antisemitismus bei Heidegger so scharf, weil er ein großer Philosoph war. Es ist an der Zeit, diese Größe neu zu überdenken.



Heideggers Denken

Diese Würdigung der "Schwarzen Hefte" durch den Freiburger Philosophen Rainer Marten nimmt den Antisemitismus Heideggers nicht isoliert in den Blick, sondern bettet ihn ein in den seinsgeschichtlichen Entwurf des Messkircher Denkers, der im Nationalsozialismus vorübergehend die Vollendung der Neuzeit im barbarischen Prinzip sah. Marten ist seit 1949 mit dem Verfasser von "Sein und Zeit" befasst – und versteht sich als Anwalt des (einzelnen) Menschen gegen den Propheten.

Martin Heidegger: Gesamtausgabe. Bd 94: Überlegungen II-VI (Schwarze Hefte 1931-1938). 563 S., 68 Euro. Bd 95: Überlegungen VII – XI (Schwarze Hefte 1938/39) 456 S., 48 Euro. Bd 96: Überlegungen XII- XV (Schwarze Hefte 1939- 1941). 286 S., 37 Euro. Hrsg. von Peter Trawny, Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 2014.

Freitag, 21. März 2014

Wir riechen besser, als man glaubt.

 
aus Der Standard, Wien, 21.3.2014

Nase kann eine Billion Düfte unterscheiden
Der menschliche Geruchssinn dürfte bisher stark unterschätzt worden sein.

von Klaus Taschwer

Unsere Nase scheint ein sehr viel feineres Unterscheidungsvermögen zu besitzen als die Augen oder die Ohren. Wie viele verschiedene Düfte können Menschen unterscheiden? Ein US-Forscher kommt nach Tests zum Schluss: Es sind weitaus mehr als gedacht. Wien - Als die US-Wissenschafter Linda Buck und Richard Axel 2004 den Medizin-Nobelpreis für ihre wichtigen Beiträge zur Erforschung des Riechsystems erhielten, gab es auch eine Presseaussendung der Stockholmer Nobel-Stiftung. Darauf stand, dass wir Menschen rund 10.000 verschiedene Düfte erkennen könnten. Diese Zahl wurde in der Presse mit der Entdeckung der Nobelpreisträger in Verbindung gebracht, doch diese hatten das nie behauptet.
 
Avery Gilbert, ein Geruchsforscher und Buchautor, ging in seinem lesenswerten Werk What the Nose Knows 2008 der Frage nach, woher diese runde Zahl stammt. Nach langen Recherchen entdeckte er sie in einem Lehrbuch für Nahrungsmittelchemie aus dem Jahr 1999, das eine Studie der Beratungsfirma Arthur D. Little aus dem Jahr 1954 zitierte. Und diese Studie wiederum verwies in einer Fußnote auf einen Chemie-Ingenieur namens Ernest C. Crocker, der 1927 auf diese Zahl kam. Ursprünglich hatte er eine Anzahl zwischen 2016 und 4410 ermittelt, sie dann aber großzügig aufgerundet.

Wie viele Gerüche sind es nun aber wirklich, die wir unterscheiden können? Gilbert drückt sich mit einer sprachphilosophischen Finte um eine Antwort: Der Mangel an sprachlichen Ausdrücken für Gerüche würde womöglich auch unser olfaktorisches Differenzierungsvermögen begrenzen. Ein paar 100.000 Düfte würden wir aber unterscheiden können.

Ein Vergleich mit dem Auge lässt allerdings Zweifel auch an der höheren Zahl aufkommen, wie die US-Forscherin Leslie Vosshall erklärt: "Wir haben nur drei Rezeptoren im Auge, mit denen wir rund zehn Millionen verschiedene Farben unterscheiden können. Aber eine normale Nase hat 400 Geruchsrezeptoren."


Bleibt das Problem, wie man die Unterscheidungsfähigkeit der Nase testen soll. Für Augen und Ohren lässt sich das einfacher bestimmen: durch das Spektrum der vom Menschen sichtbaren Wellenlängen des Lichts und der hörbaren Tonfrequenzen. Beim Gehör kommt man Schätzungen zufolge immerhin auch schon auf etwa 340.000 unterschiedliche Töne.

Vosshall und ihre Kollegen vom Howard Hughes Medical Institute und der Rockefeller University in New York fanden eine Lösung für das Problem und entwickelten ein einfaches und doch ausgeklügeltes Testsystem: Die Forscher mischten Duftcocktails aus zehn, 20 oder 30 unterschiedlichen Ingredienzien und testeten, wie gut Menschen die Geruchsmixturen unterscheiden konnten. Aus jeweils drei Proben sollten 26 Teilnehmer jenen Geruch auswählen, der von den anderen beiden identischen Mixturen abwich - oft nur durch wenige Bestandteile.

Das Ergebnis der Experimente kam nicht ganz überraschend: Selbst wenn bis zu 75 Prozent der Bestandteile übereinstimmten, konnte mehr als die Hälfte der Teilnehmer die Mixturen zuverlässig unterscheiden. Einige besonders gute Nasen konnten sogar Duftcocktails auseinanderhalten, die zu 75 bis 90 Prozent übereinstimmten.

Das war bloß der erste Schritt. Im zweiten Schritt rechneten die Wissenschafter die Testergebnisse hoch und kamen im Fachblatt "Science" zum Ergebnis, dass die Nase mindestens eine Billion Gerüche unterscheiden kann. Diese Schätzung sei sogar noch konservativ. Denn wie viele verschiedene Geruchsmoleküle es insgesamt gibt, ist bisher nicht bekannt. Damit sei auch unbekannt, wie viele davon die Nase erkennen kann. Dazu kommt, dass jeder Geruch aus vielen verschiedenen Geruchsmolekülen besteht - jener nach Rosen etwa hat genau genommen 275 Bestandteile.

Die Nase kann also weit mehr Reize wahrnehmen, als man bisher annahm, resümiert Vosshall. "Und wir hoffen, dass unser Artikel das Vorurteil aus der Welt schaffen wird, dass wir Menschen nur einen schlechten Geruchssinn hätten." 



aus scinexx

Stärkstes Sinnesorgan: Die Nase?
Forscher finden Geruchssinn deutlich leistungsfähiger als bisher gedacht

Sehen, Hören, Schmecken, Fühlen und Riechen – die Sinne sind unsere Antennen zur Welt. Seh- und Hörsinn gelten dabei als die wichtigsten Informationsquellen im Leben des Menschen. Doch im Vergleich zum Geruchssinn sind sie offenbar erstaunlich stumpf, berichten Forscher: Vermutlich könnte unser Näschen mehr als eine Billion Duftnoten unterscheiden, legt das Ergebnis ihrer im Fachmagazin "Science" veröffentlichten "Schnüffelstudie" nahe. 

...

Geruchssinn: in den Hintergrund gedrängt

Der Geruchssinn des Menschen genießt nicht das Ansehen, das ihm eigentlich zusteht, meinen die Wissenschaftler. Vermutlich spielte dieser Sinn im Leben unserer Vorfahren noch eine weit größere Rolle. Aber auch die aufrechte Körperhaltung des Menschen könnte etwas mit dem Bedeutungsschwund des Riechsinns zu tun gehabt haben, sagt Keller. Der aufrechte Gang vergrößerte den Abstand unserer Nase vom Boden, von dem die meisten Gerüche ausgehen.

Auch die moderne Gesellschaft habe die Welt der Düfte in den Hintergrund gedrängt. „So hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass der Geruchssinn nebensächlich ist", sagt Keller. Doch den Forschern zufolge ist und bleibt er ein wichtiger Faktor im Verhalten des Menschen. Die Bedeutung dieses Sinnes haben bereits einige Studien belegt. Menschen, die ihren Geruchssinn verloren haben - unter der sogenannten Anosmie leiden - werden ihres Lebens demnach kaum mehr froh: Eine Welt ohne Duft und Geruch entpuppt sich als erstaunlich reizlos und kann zu Depressionen führen.
(Science, 2014; doi: 10.1126/science.1249168)

(Science, 21.03.2014 - MVI)

Nota I.

Nicht zu vergessen der seit dem Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaft grassierende Waschzwang und Reinlichkeitswahn. Die Aristokraten parfümierten sich noch ungeniert. Aber im bürgerlichen Zeitalter heißt es, "gut riechen kann jeder; nicht riechen - darauf kommt's an". Von Natur aus riechen wir nicht nur besser, sondern auch stärker, als man wahrhaben will.

Nota II.

Beim Menschen - anscheinend nur beim Menschen - spielen die Geruchsrezeptoren der Nase eine wichtige Rolle beim Schmecken von Speißen und Getränken. Sapere aude bedeutet sinngemäß also auch "wage riechen". - Und schließlich sei daran erinnert, dass das Riechhirn stammesgeschichtlich eine Art Vorfahr des gesamten Gehirns gewesen ist.

JE

Donnerstag, 20. März 2014

Eine mittelalterliche Urknall-Theorie.

aus Süddeutsche.de 

Naturphilosophie  
Urknall im Mittelalter
Ein englischer Kleriker entwarf im 13. Jahrhundert eine Urknalltheorie: Eine Explosion aus Licht habe das Universum erzeugt. 800 Jahre später fasziniert der Bischof Physiker der Universität Durham. Sie rechnen seine Ideen nach.

Von Christoph Behrens

Das Mittelalter, eine dunkle Zeit, in der Analphabeten herrschten, und die Kirche wissenschaftlichen Fortschritt bekämpfte? Streckenweise mag dieses Bild stimmen, doch gab es auch Blütephasen kritischen Denkens und neuer Ideen. Das frühe 13. Jahrhundert war eine solche Phase in Europa, und der englische Gelehrte Robert Grosseteste einer ihrer Vertreter. Der Kirchenmann hatte in Paris studiert und stieg später zum Bischof von Lincoln auf. Er beherrschte die aristotelische Logik und verfasste zahlreiche naturphilosophische Abhandlungen - über die Hitze der Sonne, den Ursprung der Klänge, über Regenbögen, Kometen und Sterne.

Doch das wohl bemerkenswerteste Werk nannte er 1225 De luce - über das Licht. Grosseteste entwickelt darin erstmals die Idee, eine Art Urknall könne am Anfang des Universums gestanden haben - 700 Jahre, bevor die Idee eines "Big Bang" auch in die moderne Physik einging.
 
Explosion aus Licht

Physiker, Linguisten und Historiker um Tom McLeish von der Universität Durham haben die Werke Grossetestes nun genauer untersucht. In der Studie, die demnächst im Fachblatt Proceedings of the Royal Society A veröffentlicht wird, schreibt das Team, De Luce sei ein früher Versuch, das Universum mit einem festen Satz physikalischer Regeln zu beschreiben. Grosseteste verwendet darin bereits eine relativ fortgeschrittene Mathematik, er räsoniert über die Natur der Atome, den Zusammenhang von Licht und Materie.

Eine Art Explosion aus Licht habe das Universum erzeugt, vermutete der englische Kleriker. Dieses Licht habe sich von einem zentralen Punkt ausgebreitet und dabei an Dichte und Kraft verloren, bis es an eine äußere Grenze gelangt sei - quasi das Ende des Universums. Von dort habe sich eine zweite Welle nach innen ausgebreitet, und so insgesamt zehn Sphären geschaffen, für Sterne, Planeten und zuletzt die Erde.
 
Parallelen zum Multiversum

Zwar sind aus heutiger Sicht viele Annahmen in Grossetestes Argumentation unsinnig, etwa die Idee, die Erde stünde im Zentrum des Universums. Doch mathematisch ist sein Modell schlüssig. Die Forscher um McLeish haben die mittelalterlichen Ideen in sechs physikalische Formeln übersetzt und durchgerechnet. Die Ergebnisse passen demnach genau zum Weltbild einer zentralen Erde und äußeren "Himmelssphären", wie sie auch Aristoteles erwähnt.


Simulation von Grossetestes Universum mit neun perfekten Sphären 
Simulation von Grossetestes Universum mit neun perfekten Sphären, und der Erde als "unperfekter Sphäre" im Mittelpunkt 
Doch eine Sache verblüffte die Wissenschaftler: Ob sich nach Grossetestes Modell ein stabiles Universum entwickelt, hängt von sorgfältig gewählten Anfangsbedingungen ab. Die Bindungsstärke zwischen Materie und Licht musste stimmen, ebenso die Masseverteilung. Andernfalls schaffen die Simulationen unsinnige Welten, wo die einzelnen Sphären überlappen oder gar keine entstehen. 

Dies erinnert die Forscher stark an die moderne Theorie eines Multiversums, in dem unzählige Universen parallel existieren sollen.Dass Grosseteste diese Möglichkeit vorhersah, darf bezweifelt werden. Jedoch ist es kein Zufall, dass er seine modern anmutenden Ideen zu jener Zeit entwickelte. "Die Naturphilosophie erlebte um 1200 einen Schub", sagt der Historiker Frank Rexroth von der Universität Göttingen. Viele Schriften etwa von Aristoteles seien aus Arabien nach Europa gekommen und dort begeistert aufgenommen worden. "Zugleich versuchte sich die Philosophie von der Theologie zu emanzipieren", sagt Rexroth. Deshalb habe Grosseteste wohl auch keinen Ärger mit kirchlichen Vorgesetzten bekommen: Er beging nicht den Fehler, seine Physik auf Fragen des Glaubens zu übertragen.