Mittwoch, 18. Oktober 2017

Domestikation: Wölfe kooperieren besser als Hunde.

Aus scinexx
 
Hunde sind die schlechteren Teamplayer
Wölfe kooperieren effektiver miteinander als Haushunde 

Kooperation mangelhaft: Wenn es ums Teamwork mit Artgenossen geht, schneiden Hunde deutlich schlechter ab als Wölfe. So schaffen es Hunde nur selten, gleichzeitig an einem Seil zu ziehen um sich Futter zu beschaffen, wie ein Experiment zeigt. Für Wölfe dagegen ist dieses Teamwork selbst ohne Training kein großes Problem. Dieses Ergebnis widerspricht der Hypothese, dass die Domestikation die Hunde grundsätzlich kooperativer gemacht hat. 

Hunde sind im Laufe ihrer jahrtausendelangen Domestikation zu echten Begleitern und Helfern des Menschen geworden. Sie folgen unseren Blicken und Gesten, erkennen unsere Stimmung und lassen für unser Lob sogar ihr Futter stehen. Dafür jedoch haben die Haushunde einiges an Selbstständigkeit eingebüßt: Beim Lösen von Problemen schneiden sie schlechter ab als Wölfe – weil sie sich stattdessen hilfesuchend an "ihre" Menschen wenden.

Wie aber sieht es mit der Kooperation bei Hund und Wolf aus? "Aufgrund der Selektion nimmt man an, dass Hunde eine genetische Prädisposition für kooperative Handlungen entwickelt haben", erklären Sarah Marshall-Pescinia von der Veterinärmedizinischen Universität Wien und ihre Kollegen. Hunde sollten demnach mit Menschen und Artgenossen toleranter und kooperativer umgehen als Wölfe – so jedenfalls die Hypothese.

Loses Seil als Test

Aber stimmt das auch? Um das zu testen, stellten die Forscher Wölfe und Hunde, die unter gleichen Bedingungen halbwild aufgewachsen waren, auf die Probe. Jeweils zwei Wölfe oder Hunde sahen jenseits des Zauns eine Futterbelohnung. Diese wurde aber nur dann erreichbar, wenn beide Tiere gleichzeitig an einem Seil zogen.

"Lässt ein Tier das andere nicht zum Seil und zieht alleine, dann zieht es das Seil aus der Vorrichtung und das Tablett bleibt unerreichbar", erklärt Marshall-Pescinia. Zuerst wurde getestet, ob die Wolfs- und Hundepaare diesen Kooperationstest spontan bewältigen können. Dann folgte ein weiterer Durchgang, bei dem die Vierbeiner-Paare zuvor mehrfach "üben" durften.

Fast perfektes Teamwork – bei den Wölfen

Das Ergebnis: Schon bei den Spontantests hatten die Wölfe klar die Nase vorn: Fünf von sieben Wolfspärchen schafften es auf Anhieb, sich durch Teamwork das Futter zu sichern. Bei den Hunden dagegen versagten sieben von acht Paaren. Auch nach der Übungsphase zeigten die Wölfe das bessere Teamwork: Drei von vier Wolfspärchen zogen wiederholt das Futtertablett durch gleichzeitiges Ziehen am Seil zu sich. Bei den Hunden konnten nur zwei von sechs Paaren die Aufgabe lösen.

"Die Wölfe und Hunde zeigten zwar ein vergleichbares Interesse und die Einzeltiere führten auch oft die richtigen Aktionen durch", berichten die Forscher. "Aber das Entscheidende ist, dass die Wölfe diese Handlungen besser koordinierten. Sie schafften es, gleichzeitig am Seil zu ziehen." Während bei den Hunden eher jeder für sich agierte, zeigten die Wölfe damit ein fast perfektes Teamwork. Sie warteten sogar auf ihren Partner, um dann gemeinsam ans Futter zu kommen.

Domestikation zu Lasten der Artgenossen

Nach Ansicht der Forscher widerlegen diese Ergebnisse die Hypothese, nach der die Domestikation die Hunde grundsätzlich kooperativer gemacht hat. Stattdessen liegt die Fähigkeit zum Teamwork den Wölfen sogar eher im Blut als den Hunden: Wölfe verhalten sich in ihren Rudeln von Natur aus kooperativ, sie jagen, fressen und wandern gemeinsam. Bei wilden Hunden ist dieser Zusammenhalt dagegen weniger stark ausgeprägt.

Die Domestikation sorgte zwar dafür, dass der Hund sich besser an den Menschen anpasste und ihm gegenüber sehr viel kooperativer wurde. Aber seinen Artgenossen gegenüber ist der Hund weniger kooperativ als sein wilder Vorfahre, wie die Forscher erklären. Der Wandel zum "besten Freund" des Menschen ging beim Hund demnach zu Lasten des Teamworks mit anderen Hunden.

Das ändert sich allerdings dann, wenn die Hunde von klein auf darauf trainiert werden, im Team zu arbeiten – beispielsweise bei Schäfer-Hunden. "Studien mit Haushunden zeigten zwar, dass Hunde auch in der Lage sind, gut zusammenzuarbeiten. Allerdings spielt in diesem Fall auch die Erziehung durch den Menschen die ausschlaggebende Rolle", erklärt Marshall-Pescinia. "Deswegen war es uns wichtig, bei diesen Tests nicht mit Haustieren zu arbeiten und so die menschliche Komponente auszuschließen." (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2017; doi: 10.1073/pnas.1709027114)

(Veterinärmedizinische Universität Wien, 18.10.2017 - NPO)

Abstract
PNAS: "The importance of a species’ socio-ecology: Wolves outperform dogs in a conspecific cooperation task."


Sonntag, 1. Oktober 2017

Unsere nächsten Verwandten In Afrika.


 aus derStandard.at, 28. September 2017, 14:43                                                        Ausgrabungsstätte in Kenia

Prähistorische Skelette aus Afrika verweisen auf überraschende Verwandtschaften
Ostafrikanische Hadza könnten die engsten Verwandten jener Gruppe sein, die einst auszog, um die Welt zu besiedeln

Jena – Afrika gilt als die Urheimat der Menschheit und war daher ungleich länger vom Homo sapiens besiedelt als die anderen Kontinente. Eine potenzielle archäologische Fundgrube also – bei der Erforschung der afrikanischen Menschheitsgeschichte machte die schlechte Erhaltung der DNA der Wissenschaft aber oft einen Strich durch die Rechnung.

Genetisches Material, wie man es in Knochen und Zähnen uralter Skelette finden kann, degeneriert im feucht-warmen Klima Afrikas schneller als in kalten Regionen. Selbst aus verhältnismäßig junger Vergangenheit liegen daher nur wenige verwertbare Funde vor.

Großstudie

Wie das Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte berichtet, gelang es Forschern des Instituts zusammen mit Kollegen aus Südafrika, Malawi, Tansania und Kenia nun, einige Wissenslücken zu stopfen. Den Forscher konnten aus 15 Skeletten von Ureinwohnern Subsahara-Afrikas DNA gewinnen und untersuchen. Die analysierten Individuen stammen aus unterschiedlichen geographischen Regionen des Kontinents und sind zwischen 500 und 8.500 Jahre alt.

Anschließend verglichen die Forscher diese alten Genome – zusammen mit dem bisher einzigen anderen bekannten alten Genom aus Afrika, welches 2015 sequenziert und publiziert worden war – mit Genomen aus heutiger Zeit. Rund 600 davon stammten von heute lebenden Menschen aus 59 unterschiedlichen afrikanischen Populationen, 300 weitere aus 142 nicht-afrikanischen Populationsgruppen. So konnte das Team einige überraschende Erkenntnisse über die Besiedlungsgeschichte Afrikas gewinnen.

Die neolithische Revolution

So zeigten sich etwa Unterschiede im Übergang vom Jäger-und-Sammler-Stadium zur Landwirtschaft. Archäologische Funde aus Kenia und Tansania weisen darauf hin, dass dort die Vermischung dieser beiden Kulturen respektive der Völker, die auf die jeweilige Art lebten, erst nach einer längeren Zeit der Koexistenz stattfand. "Wir glauben, dass Ackerbauern und Jäger-Sammler zunächst nebeneinander herlebten und dabei kaum eine genetische Mischung stattfand", sagt Max-Planck-Forscherin Nicole Boivin.

Im Gebiet des heutigen Malawi lief der Prozess offenbar etwas anders ab. Die Studie lieferte Anhaltspunkte dafür, dass die alten Jäger und Sammler, die dort vor 2.500 bis 8.000 Jahren lebten, ganz verschwanden. Sie scheinen keinen genetischen Beitrag zu den später bzw. bis heute dort lebenden Menschen geleistet zu haben. Dazu Boivin: "Scheinbar hat in Malawi eine fast komplette Ersetzung der ortsansässigen Population von Jäger-Sammlern durch die einströmenden Ackerbauern und Viehzüchter stattgefunden."

Mögliche Cousins von Europäern und Asiaten

Die Studie beleuchtet auch die Ursprünge einer einzigartigen Bevölkerungsgruppe aus Ostafrika: Die Hadza leben im heutigen Tansania und umfassen weniger als 1.000 Menschen. "Die Hadza unterscheiden sich heute phänotypisch, genetisch und auch sprachlich von anderen afrikanischen Bevölkerungsgruppen. Es gab daher Spekulationen, dass diese Gruppe eine frühe Abspaltung anderer afrikanischer Populationen repräsentieren könnte", sagt David Reich von der Harvard Medical School, einer der Hauptautoren der Studie.

Die genomischen Vergleiche legen aber nun eine andere Erklärung nahe: Nämlich dass die Hadza genetisch näher mit heute lebenden Bevölkerungsgruppen außerhalb Afrikas verwandt sind als mit afrikanischen Gruppen. Hieraus folgern die Forscher, dass die Hadza direkte Nachkommen jener Gruppe sein könnten, die vor rund 50.000 Jahren aus Afrika aufbrach und die Welt besiedelte.

Die Evolution läuft weiter

Darüberhinaus lieferte die Studie einmal mehr Hinweise darauf, dass die Evolution des Menschen noch keineswegs an einem Endpunkt angelangt sein muss. Die Forscher fanden nämlich relativ junge genetische Anpassungen an die Umwelt: Eine Jäger-Sammler-Gruppe, deren Ahnen durch die einströmenden Ackerbauern in die Kalahari-Wüste abgedrängt worden waren, entwickelte dort einen verbesserten Schutz vor ultravioletter Strahlung.

Nach Auffassung der Forscher zeigen solche relativ jungen genetischen Anpassungen, dass sich der Mensch kontinuierlich an neue und veränderte Lebens- und Umweltbedingungen anpasst – auch heute noch. (red)

Link
Cell: "Reconstructing Prehistoric African Population Structure"



Samstag, 30. September 2017

Die Evolution des Denkens.

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aus Süddeutsche.de,

Die Evolution des Denkens
Wer Tag für Tag nichts als die ewig gleiche Routine zu bewältigen hat, der kann zur Not vielleicht auf ein flink arbeitendes, leistungsfähiges Gehirn verzichten. Bei anspruchsvollen Lebensbedingungen aber, die sich zum Beispiel schnell und unvorhergesehen ändern, wäre das Sparen an der falschen Stelle.
 
Von Katrin Blawat

Wer in einer unberechenbaren Umgebung lebt und sich dementsprechend immer wieder auf neue Situationen einstellen muss, tut sich mit einer guten Portion Grips leichter. Das gilt auch für Vögel - selbst wenn diese Gruppe im Allgemeinen nicht gerade als die Einsteins unter den Tieren gilt.

Dabei bleibt jedoch die Frage, was im Zuge der Evolution zuerst kommt: Gerät eine zunächst nicht sonderlich gewitzte Art mehr oder weniger zufällig in ein anspruchsvolles Habitat und entwickelt dort durch Selektion notgedrungen größere kognitive Fähigkeiten? Oder stoßen überhaupt nur Vogelspezies, die - aus welchen Gründen auch immer - schon gewisse kognitive Fähigkeiten mitbringen, in Lebensräume mit schwierigen Umweltbedingungen vor?

Wie und warum haben manche Vogelarten große Gehirne entwickelt?

Diese Frage nach Ursache und Wirkung der Entwicklung leistungsfähiger Gehirne betrifft viele Tiergruppen - auch den Menschen. Zumindest in Bezug auf Vögel legt eine Studie nun eine eher überraschende Antwort nahe (Nature Ecology and Evolution): "Wir haben ermittelt, dass sich große Gehirne mit der gleichen Wahrscheinlichkeit in Lebensräumen mit stabilen wie mit schwankenden Umweltbedingungen entwickeln", sagt Studienleiter Carlos Botero von der Washington University in St. Louis.

Demnach entwickelt eine Vogelart erst ein großes beziehungsweise leistungsfähiges Gehirn und kann dann anspruchsvolle Lebensräume besiedeln. In einem weiteren Teil der Studie betätigten die Autoren die Hypothese, wonach in Habitaten mit wechselnden Lebensbedingungen eher Arten mit vergleichsweise guten kognitiven Fähigkeiten anzutreffen sind. Wie und warum manche Vogelarten große Gehirne entwickelt haben, bleibt damit aber weiterhin offen.

Um die Stabilität oder Schwankungen innerhalb eines Lebensraums zu bestimmen, griffen die Forscher auf Wetterdaten und Klimasimulationen zurück. Das Vorkommen der verschiedenen Vogelarten in den USA bestimmten sie anhand von Daten aus den 1960er-Jahren bis 2014, die Bürger durch regelmäßige Monitoring-Aktionen gesammelt hatten. Und schließlich rekonstruierten die Wissenschaftler mithilfe eines entwicklungsgeschichtlichen Stammbaums Veränderungen in den Gehirngrößen verschiedener Vogelarten. Insgesamt flossen Daten von knapp 1300 Spezies in die Untersuchung ein, darunter Vertreter der Raben-, Lauben- und Nashornvögel, der Spechte, Eulen und Papageien.

Ein Strauß scheint ein riesiges Gehirn zu haben - oder doch nicht?

Als Maß für die kognitive Leistungsfähigkeit einer Art nahm das Team um Botero die relative Hirngröße - eine übliche, aber auch umstrittene Methode. Sie berücksichtigt auch die Körpermasse eines Tiers. "Ein Strauß scheint ein riesiges Gehirn zu haben, aber in Relation zu seiner Körpergröße ist es dann auch wieder nicht so eindrucksvoll", sagt Botero. "Ein Rabe dagegen ist nicht viel größer als ein Huhn, aber sein Gehirn ist im Verhältnis viel größer."

Doch haben zahlreiche jüngere Studien an Säugetieren gezeigt, wie fragil der Zusammenhang zwischen relativer Hirngröße und kognitiver Leistungsfähigkeit sein kann. So macht das Gehirn der Spitzmaus immerhin vier Prozent ihres Körpergewichts aus - beim Menschen hingegen nur zwei Prozent. Mag sein, dass die Intelligenz der Spitzmäuse bislang einfach noch nicht erkannt worden ist. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass die Beziehung zwischen relativer Hirngröße und kognitiven Fähigkeiten komplexer ausfällt als einst vermutet.

Die Neuronen sind so dicht gepackt, dass einige Papageien mit Primaten vergleichbar sind

Botero argumentiert, die Korrelation zwischen relativer Hirngröße und kognitiven Fähigkeiten sei bei Vögeln besser als bei Säugern. Doch auch bei Vögeln dürften darüber hinaus vor allem die Dichte und damit die Anzahl der Neuronen und deren Verbindungen untereinander entscheidend sein, wie tschechische Forscher in einer Analyse von 28 Vogelarten gezeigt haben. Im Vogelhirn befinden sich die Nervenzellen demnach derart dicht gepackt, dass einige Raben und Papageien auf eine ähnliche Anzahl relevanter Gehirnzellen kommen wie manche Primaten.

Schon dies zeigt: Unabhängig davon, unter welchen Bedingungen sich die kognitiven Fähigkeiten von Vögeln entwickelt haben, besteht diese Tiergruppe mitnichten nur aus rein instinktgesteuerten, kognitiv verarmten Wesen. Genau diese Sichtweise war jedoch lange Zeit verbreitet. Erst in jüngerer Zeit staunen Forscher über die kognitiven Kunststücke vor allem von Rabenvögeln und Papageien. Stars wie Betty, die Haken produzierende Krähe, oder Alex, der sinnvolle Konversation betreibende Graupapagei, haben erheblich dazu beigetragen, ein zähes Missverständnis aufzulösen, das da lautete: Das Vogelhirn unterscheidet sich strukturell so stark von dem der Säugetiere, das dort unmöglich Platz für so etwas wie Intelligenz sein kann.

Viele strukturelle Unterschiede zwischen Säuger- und Vogelhirn sind bis heute unumstritten. Während die Großhirnrinde der Säuger beispielsweise schichtweise aufgebaut ist, besteht das Vorderhirn der Vögel aus einer Struktur mit vielen einzelnen Kernen. Nathan Emery von der University of Cambridge, ein Fachmann für die Leistungen des Vogelhirns, und Nicola Clayton nennen als Analogie den Aufbau eines Club-Sandwichs (für Säugetiere) und den einer Peperoni-Pizza (für Vögel).

Dennoch seien sich der Neocortex der Säuger und das Vorderhirn der Vögel funktionell und entwicklungsgeschichtlich sehr ähnlich. Sind Vögel also im Allgemeinen sogar superschlau? Das wäre übertrieben. Denn noch ein Aspekt verbinde die kognitiven Fähigkeiten von Säugern und Vögeln, so Emery und Clayton in Current Biology: "Es gibt die Dumpfbacken und die Einsteins - wie in jeder taxonomischen Gruppe."

Donnerstag, 28. September 2017

Null bedeutet nicht nichts.

Blick auf eine Seite des rund 1.700 Jahre alten Bakshali-Manuskripts. In ihm stehen Punkte für die Null.
aus scinexx                                                                                 Eine Seite des rund 1.700 Jahre alten Bakshali-Manuskripts
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Die "Null" ist viel älter als gedacht
Indisches Manuskript mit ältestem Null-Symbol stammt bereits aus dem 3. Jahrhundert

Ein Symbol für das Nichts: Die Idee der Null als eigenständiger Zahl ist weit älter als bisher gedacht. Denn indische Mathematiker nutzten schon vor gut 1.700 Jahren einen Punkt als Nullsymbol – 500 Jahre früher als bisher angenommen. Den Beleg dafür liefert eine neue Radiokarbondatierung des ältesten bekannten Lehrwerks der indischen Mathematik, des Bakshali-Manuskrips. Aus den in ihm verwendeten Null-Punkten entwickelte sich später unser rundes Nullsymbol. 

Sie ist für uns heute selbstverständlicher Teil des Zahlenraums – und in der Informatik ist sie sogar unverzichtbar: die Null. Sie kennzeichnet einerseits eine leere Menge, anderseits aber bestimmt ihre Position den Wert einer Zahl. Doch längst nicht in allen frühen Kulturen gab es schon eine solche "Leerstelle": Zwar nutzen die Babylonier bereits eine Art Platzhalter in ihrer Mathematik, aber weder die Griechen und Römer noch die Chinesen kannten eine Null.

Ein Punkt als Platzhalter

Unsere heutige Null verdanken wir der indischen Mathematik. Denn in ihrem Zahlensystem wurde ein Punkt als Platzhalter und Stellenwertangabe genutzt. Ein solcher Null-Punkt findet sich unter anderem in einer Inschrift aus dem Jahr 787 an einer Tempelmauer in Gwalior in Zentralindien. Als frühester Beleg für die indische Null gilt jedoch das Bakshali-Manuskript. Dieser auf Birkenrinde geschriebene Text wurde 1881 in einem Feld im heutigen Pakistan entdeckt.

Die rund 70 fragilen, dünne Seiten enthalten eine Sammlung mathematischer Regeln sowie Beispiele und Erklärungen dazu. In de Kalkulationen taucht der Null-Punkt hunderte Male auf. "Die Erschaffung der Null als eigenständige Zahl war eine der größten Durchbrüche in der Geschichte der Mathematik – und sie entwickelte sich aus dem Platzhalter-Punkt, wie er im Bakshali-Manuskript zu sehen ist", erklärt Marcus du Sautoy von der University of Oxford.

500 Jahre älter als gedacht

Aus welcher Zeit das Bakshali- Manuskript jedoch stammt, war bisher unklar. Erste Datierungen anhand von Stil und Schrift gingen davon aus, dass diese Texte aus dem 8. bis 12. Jahrhundert stammen. Jetzt jedoch haben Wissenschaftler der Bodleian Libraries in Oxford das kostbare Manuskript einer neuen Radiokarbondatierung unterzogen.

Das überraschende Ergebnis: Das Bakshali-Manuskript ist rund 500 Jahre älter als bisher angenommen. Die ältesten auf den Birkenblättern geschrieben Textseiten stammen bereits aus der Zeit zwischen 200 und 400 nach Christus, wie die Forscher herausfanden. "Ich bin absolut verblüfft, dass sich dieses Manuskript als so viel älter entpuppte als wir erwartet haben", sagt du Sautoy.

Über Arabien nach Europa

Das aber bedeutet, dass die indischen Mathematiker auch ihren Null-Punkt schon Jahrhunderte früher erfunden haben als bisher gedacht. "Das hat uns völlig geschockt, als wir erkannten, wie früh die indische Null schon existierte", sagt du Sautoy. "Es ist spannend, dass diese Kultur bereits das Konzept einer Leere in ihr Denken integrierte und dass ein Symbol für das Nichts schon Teil ihrer Philosophie war."

Erst Jahrhunderte später griffen arabische Mathematiker die Null der Inder auf. Über ihre Schriften gelangte dann die Ziffer Null im Mittelalter nach und nach auch in das Zahlensystem der Europäer. "Wir wissen nun, dass die Mathematiker Indiens schon im 3. Jahrhundert die Saat der Idee säten, die später so fundamental für die moderne Welt werden sollte", sagt du Sautoy.

(University of Oxford, 20.09.2017 - NPO)

Mittwoch, 27. September 2017

Domestikation macht dumm.

 
aus derStandard.at, 18. September 2017, 07:00

Wölfe verstehen kausale Zusammenhänge besser als Hunde
Neue Versuche zeigen, wie die Domestikation Einfluss auf die Wahrnehmung der Hunde hatte

Wien – Wölfe haben offenbar ein besseres Verständnis für kausale Zusammenhänge als Hunde. Ausgehend von der Frage, wie die Tiere auf unterschiedliche menschliche Gesten reagieren, zeigten Wissenschafter des Wolf Science Center (WSC) der Veterinärmedizinischen Universität Wien in Ernstbrunn (NÖ), dass Wölfe den Zusammenhang von Ursache und Wirkung verstehen, Hunde aber nicht. Ihre Arbeit erschien im Fachblatt "Scientific Reports".

In den Experimenten mussten die Tiere zwischen zwei Objekten wählen, von denen eines Futter enthielt, das andere nicht. In der ersten Versuchsreihe ging es darum, ob die Vierbeiner allein durch Augenkontakt oder in Verbindung mit einem Fingerzeig oder Nicken einen Hinweis auf den Behälter mit Futter verstehen. Sowohl Hunde als auch Wölfe erkannten diesen Wink und fanden das Futter. Akustische Hinweise

Im zweiten Experiment ging es darum, ohne Augenkontakt nur mit Hilfe von Gesten die Belohnung zu finden. Daran scheiterten alle Tiere. Im dritten Versuch gab es ohne sichtbare Anwesenheit eines Menschen nur einen akustischen Hinweis, dass sich in dem Behälter ein Leckerli befindet. Während die Hunde hier versagten, verstanden die Wölfe den kausalen Zusammenhang zwischen Geräusch und Belohnung.

"Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass die Domestikation einen Einfluss auf die Wahrnehmung unserer heutigen Hunde hatte", erklärte Michelle Lampe von der Radboud Universität in Nijmegen (Niederlande), die gemeinsam mit Zsofia Viranyi vom WSC die Versuche durchgeführt hat. Nicht ausschließen könne man den Einfluss des unterschiedlichen Zugangs zu Futter: Wölfe müssen dafür mehr Forschungsdrang zeigen als Hunde, die üblicherweise ihr Fressen vom Menschen bekommen.

Haltungsbedingungen ohne Einfluss

Die Wissenschafter haben in ihrer Studie aber nicht nur Hunde und Wölfe verglichen, die unter gleichen Lebensbedingungen aufgewachsen sind und gehalten werden. Sie verglichen zudem Hunde, die – wie die Wölfe – wild im Rudel leben mit jenen, die in Haushalten gehalten werden. So konnten die Forscher den Einfluss der Domestikation unter Berücksichtigung der Lebensbedingungen erforschen. Es zeigte sich, dass die Haltungsbedingungen aber keinen Einfluss auf das Ergebnis der drei Versuchsreihen hatten. (APA, red, 18.9.2017)

Abstract
Scientific Reports: "The effects of domestication and ontogeny on cognition in dogs and wolves."

Montag, 25. September 2017

Bewusst und unbewusst.

Nicht alles, was wir sehen, nehmen wir auch bewusst wahr.
aus scinexx
 
Wie Reize auf dem Weg ins Bewusstsein versickern
Trennung zwischen bewusst und unbewusst erfolgt erst spät 

Zwischen bewusst und unbewusst: Ob wir Bilder, die auf die Netzhaut unserer Augen fallen, auch bewusst wahrnehmen, entscheidet sich im Gehirn. Eine Studie zeigt nun, wie manche Reize auf dem Weg ins Bewusstsein gewissermaßen "versickern". Demnach setzt dieser Prozess offenbar erst erstaunlich spät im Laufe der Signalverarbeitung ein. Anfangs unterscheidet sich die Reaktion der Nervenzellen auf unbewusste und bewusste Reize dagegen kaum. 

Im Alltag strömen ununterbrochen tausende visuelle Reize auf uns ein. Doch nur einen Bruchteil davon nehmen wir bewusst wahr: Um einer Reizüberflutung zu entgehen, sortiert unser Gehirn systematisch aus. In unserem Denkorgan entscheidet sich, ob wir die Bilder, die auf die Netzhaut unserer Augen fallen, bewusst wahrnehmen oder nicht.

Wie dieser Prozess genau vonstatten geht, ist bisher jedoch weitestgehend unbekannt. Wissenschaftler um Thomas Reber von der Universität Bonn haben diesen Mechanismus nun genauer untersucht – und gezeigt, wie manche Reize auf dem Weg ins Bewusstsein gewissermaßen "versickern". 

Wahrnehmung im Bildertest

Späte Trennung

Wenn ein Bild auf die Netzhaut fällt, leitet der Sehnerv die dazu gehörigen Reize zunächst an die Hinterseite des Schädels zum sogenannten visuellen Cortex – dem primären Sehzentrum. Dort verzweigt sich das Signal; ein Teil läuft durch den Schläfenlappen zurück Richtung Stirn. Die Messungen offenbarten, wie sich die elektrischen Pulse auf diesem Weg verändern: "Im hinteren Bereich des Schläfenlappens – also dem, der früher in der Verarbeitungskette liegt – gibt es kaum Unterschiede zwischen bewusst und unbewusst verarbeiteten Bildern", berichtet Reber. 

Die Aufspaltung in bewusst und unbewusst passiert erst danach: Auf dem Weg in die vorderen Teile des Schläfenlappens erfolgen die Pulse bei unbewussten Bildern mit einer immer größeren Zeitverzögerung. Zudem werden sie auf ihrer Reise immer schwächer. "Die Trennung zwischen bewusst und unbewusst erfolgt damit deutlich später, als viele Forscher bislang vermuteten", sagt Reber. 

Gesehen ja, wahrgenommen nein

 Damit ist klar: Das Auge registriert das Foto zwar und erzeugt ein entsprechendes Signal. Dieses scheint auf dem Weg ins Bewusstsein jedoch zu "versickern". Als Folge nimmt der Proband das Bild nicht wahr. "Es ist schon erstaunlich", meint Reber: "Wir können mit unseren Messungen nachweisen, dass der Patient ein bestimmtes Motiv gesehen hat – auch wenn der diese Tatsache auf Nachfrage verneint." (Current Biology, 2017; doi: 10.1016/j.cub.2017.08.025)

(Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, 25.09.2017 - DAL)


Nota. - Also nicht im Moment des Kontakts mit der Sinneszelle geschieht die Unteerscheidung, sondern erst auf dem Weg nach vorn in den Stirnbereich, wo die Aufmerksamkeit sitzt. Als nächstes wüsste man gern: Wer macht die Unterscheidung - wer scheidet, und warum? Auf den ersten Blick möchte man meinen, es müsse mit der Aufmerksamkeit zu tun haben. Die Aufmerksamkeit verstärkt die Scheidung - oder besser gesagt: Sie ist die Scheidung. - Mit Wörtern kommt man offenbar nicht weiter. Was muss man sich vorstel- len?
JE


Samstag, 23. September 2017

Weltformel.




Die Suche nach der Weltformel ist die Suche nach dem intelligent design: Würde sie gefunden, drängte sich die Annahme auf, dass sie sich wer ausgedacht hat; ein Urheber.

Unser Vorstellungsvermögen hat sich darwinistisch-evolutiv in der natürlichen Mittelwelt durch trial and error ausgebildet, da, wo die Sonne im Osten auf- und im Westen untergeht und wo wir unsere Erfahrungen machen.* Den Vorgängen im Mikrokosmos ist es ebensowenig erwachsen wie denen im Makrokosmos. Für beide jenseits seines Horizonts gelegenen Welten kann der Verstand theoretische Modelle erfinden, die sich nachrechnen und experimentell prüfen lassen – Quantenmechanik und Relativitätstheorie. Aber vorstellen, was die Modelle beschrei- ben, können wir uns in unseren irdischen Köpfen nicht.


Dass Quantenmechanik und Relativitätstheorie einander streng genommen ausschließen, ist beruhigend für die Vernunft. Es bestätigt, dass wir mit unseren irdischen Vermögen getan haben, was wir konnten. Wo wir mit unserer Vorstellung nicht mehr hinlangen können, nach ganz weit oben und ganz weit unten, haben wir uns mit Begriffen ausgeholfen, die wir aus logischen Prämissen unsern Erkenntniszwecken gemäß konstruieren konnten. Dass dies oben und unten jeweils ganz andere Begriffe sein würden, war angesichts dieser Vorgehens- weise zu erwarten. Ließen sich für beide Bereiche dieselben Begriffe finden, sollte uns das Blut in den Adern gefrieren: Wenn oben und unten dieselben Begriffe gälten, müssten sie dazwischen, in unserer mittleren Erfah- rungswelt, ebenso gelten; ein einziges Naturgesetz von Anfang bis Ende. 

Und kein Gesetz ohne einen Gesetzgeber.
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*) Die Labore der Wissenschaftler liegen auch in diesem Zwischenreich.

27. August 2013