Dienstag, 18. September 2018

Herkunft der Schizophrenie.

aus derStandard.at, 18. September 2018, 10:00

Warum bei Schizophrenie Neuronennetzwerke aus dem Takt geraten
Forscher identifizierten Neuronen, die bei der Koordination der Zellnetzwerke im Gehirn eine zentrale Rolle spielen

Genf – Genfer Forscher haben bei Mäusen herausgefunden, warum bei Schizophrenie Nervenzell- netzwerke im Gehirn aus dem Takt geraten. Es ist ihnen gelungen, wieder Ordnung ins Chaos zu bringen und dadurch bestimmte Symptome der Erkrankung zu unterdrücken. Den Schlüssel stellen Parvalbumin-Neuronen da, berichten die Wissenschafter im Fachblatt "Nature Neuroscience".

Rund ein Prozent der Weltbevölkerung leidet an Schizophrenie. Diese psychische Erkrankung kann sich von Mensch zu Mensch unterschiedlich manifestieren, typisch sind aber Symptome wie inhaltliche Denkstörungen, Halluzinationen und Verhaltensstörungen wie Hyperaktivität. Studien der vergangenen Jahre haben Hinweise geliefert, dass Nervenzellnetzwerke bei Schizophrenie nicht mehr koordiniert kommunizieren, wie ein Orchester, in dem die Musiker den Takt verlieren und nicht mehr richtig zusammenspielen.

Dirigent im neuronalen Chaos

Ein Team um Alan Carleton von der Universität Genf hat bei Mäusen nach Ursachen gesucht, warum das Nervenzell-Orchester aus dem Takt gerät. Die Tiere trugen einen genetischen Defekt, der beim Menschen als DiGeorge-Syndrom bekannt ist und das Schizophrenierisiko um das 40-fache erhöht, wie die Universität mitteilte.

Die Forscher fokussierten für ihre Studie auf den Hippocampus – ein Hirnareal, das unter anderem bei Gedächtnisprozessen eine wichtige Rolle spielt. Bei gesunden Kontrollmäusen ohne Gendefekt beobachteten sie, dass die Tausenden von Nervenzellen, die das Netzwerk bilden, gut zusammenspielten. Anders war das bei den Mäusen mit Gendefekt: Bei diesen waren die Nervenzellen völlig unkoordiniert, als ob sie nicht richtig miteinander kommunizieren könnten.

Normalerweise fungiert eine Gruppe bestimmter hemmender Neuronen sozusagen als Dirigenten, die das Orchester im Takt halten. Unter diesen "Dirigenten" sind Nervenzellen, die ein Protein namens Parvalbumin produzieren und dadurch charakterisiert werden. Bei den Mäusen mit Gendefekt entdeckten die Wissenschafter, dass genau diese hemmenden Parvalbumin-Neuronen viel weniger aktiv waren. "Ohne richtige Hemmung, um die elektrische Aktivität anderer Neuronen im Netzwerk zu kontrollieren und zu strukturieren, herrscht Anarchie", so Carleton.

Hoffnung auf Therapie

Genau diese Parvalbumin-Neuronen wählten die Forscher auch als Ansatz, um zu versuchen, das Orchester der Nervenzellen wieder in den Takt zu bringen. Indem sie die "Dirigenten" künstlich aktivierten, brachten sie Ordnung ins Chaos der Nervenzell-Kommunikation. Dadurch konnten sie auch Schizophrenie-ähnliche Symptome der Mäuse unterdrücken, namentlich Hyperaktivität und Gedächtnisprobleme.

Darin sehen die Wissenschafter auch einen vielversprechenden Ansatz für künftige Therapien beim Menschen. Die bisherige Behandlung mit Medikamenten, die auf Basis der Nervenzell-Botenstoffe Dopamin und Serotonin wirken, könne zwar bei Halluzinationen Abhilfe schaffen. Sie seien jedoch bei vielen anderen Symptomen in Zusammenhang mit Schizophrenie weniger effektiv, so die Forscher. Möglich wäre, künftig auf die Parvalbumin-Neuronen abzuzielen, um diese in ihrer Dirigenten-Funktion zu unterstützen.

Allerdings wird es noch dauern, bis darauf basierende Therapien entwickelt werden. Carleton und sein Team wollen zunächst ihre Ergebnisse bestätigen, indem sie Mäuse mit anderen Gendefekten untersuchen, die ebenfalls mit Schizophrenie zusammenhängen. (APA, 17.9.2018)


Abstract
Nature Neuroscience: "Restoring wild-type-like CA1 network dynamics and behavior during adulthood in a mouse model of schizophrenia"



Nota. - Über 'Ursache' und 'Wesen' der Schizophrenie ist damit wohlbemerkt nichts ausgesagt, als dass besagter Gendefekt 'eine Rolle spielt'. Unter welchen Umständen er diese Rolle spielen kann, ist vorläufig ungeklärt. Erwiesen scheint, dass es sich bei der taktgebenden Hemmung im Hippocampus um die neuronale Funktion handelt, deren Störung das Krankheitsbild Schizophrenie 'ausmacht'. Das ist ja auch schon aller- hand.
JE 

Donnerstag, 30. August 2018

Genetik der Träume.

aus scinexx

Traumgene entdeckt
Wie ein Genpaar den REM-Schlaf reguliert

Traumhafte Entdeckung: Forscher haben zwei Gene identifiziert, die eine wichtige Rolle für das Träumen spielen. Ihre Experimente zeigen: Sind diese Erbgutabschnitte abgeschaltet, leiden Mäuse an einer drastischen Schlafstörung. Sie fallen so gut wie gar nicht mehr in den Traumschlaf. Diese Erkenntnis könnte dabei helfen, die noch immer rätselhafte Phase des REM-Schlafs in Zukunft besser zu verstehen - und auch ihre Bedeutung für unsere körperliche wie seelische Gesundheit.
 
Warum träumen wir? Und was passiert dabei in unserem Gehirn? Das Träumen ist die wohl faszinierendste Phase unseres Schlafs - und eine noch immer ziemlich rätselhafte. Zwar ist inzwischen bekannt, dass Traumphasen wichtig für unsere seelische und auch für unsere körperliche Gesundheit sind. Doch gerade die molekularen Mechanismen hinter dem sogenannten REM-Schlaf liegen größtenteils im Dunkeln.

Acetylcholin im Fokus

Es gibt allerdings Indizien dafür, dass der Neurotransmitter Acetylcholin und seine Rezeptoren eine wichtige Rolle für die Regulierung des Traumschlafs spielen könnten. So wird der Botenstoff sowohl im Wachzustand als auch beim Träumen vermehrt im Gehirn ausgeschüttet. Doch welcher Rezeptor oder welche Rezeptoren mischen tatsächlich direkt bei der Steuerung der Schlafphasen mit? Dieser Frage sind Wissenschaftler um Yasutaka Niwa vom Riken Center im japanischen Osaka nun nachgegangen. 

Für ihre Studie veränderten die Forscher die Gene von Mäusen. Sie schalteten bestimmte Erbgutabschnitte mithilfe gentechnische Methoden entweder an oder aus, um herauszufinden, welche Auswirkungen dies auf den Schlaf der Nager hatte. Dabei konzentrierten sie sich vor allem auf Gene, die die Bauanleitung für unterschiedliche Acetylcholin-Rezeptoren enthalten.

 
Ohne die Gene Chrm1 und Chrm3 fallen Mäuse nicht mehr in den REM-Schlaf. 

Zwei einflussreiche Gene 

Die Ergebnisse offenbarten: Vor allem die Rezeptoren Chrm1 und Chrm3 scheinen entscheidend für die Schlafarchitektur zu sein. Bei Mäusen ohne ein aktives Chrm1-Gen zeigten sich im Gehirn demnach Anzeichen für einen fragmentierten und insgesamt deutlich kürzeren REM-Schlaf. War Chrm3 ausge- schaltet, reduzierte sich hingegen die Dauer des Non-REM-Schlafs.

Schalteten die Wissenschaftler beide Gene gleichzeitig aus, führte dies zu einem drastischen Effekt: Die Nager durchliefen im Schlaf fast überhaupt keine Traumschlafphasen mehr. Der Anteil des Traumschlafs verringerte sich auf ein kaum mehr nachweisbares Ausmaß, wie das Team berichtet - von 72 Minuten bei nicht genveränderten Kontrolltieren auf null Minuten bei den Nagern ohne Chrm1- und Chrm3-Gen. 

"Paradox und geheimnisvoll"

Die Ergebnisse legen nahe, dass die nun identifizierten Gene eine wesentliche Rolle in Sachen Schlafregulation spielen. "Diese Erkenntnis eröffnet neue Möglichkeiten, den REM-Schlaf genauer zu erforschen und in Zukunft womöglich besser definieren zu können - eine Schlafphase, die seit ihrer Entdeckung paradox und geheimnisvoll erscheint", konstatiert Niwas Kollege Hiroki Ueda.

Dabei wird sich auch zeigen, ob der Traumschlaf wirklich so wichtig für unsere körperliche Gesundheit ist wie gedacht. Denn überraschenderweise überlebten die betroffenen Mäuse trotz des totalen Mangels an REM-Schlaf. "Das wirft die Frage auf, ob diese Schlafphase tatsächlich entscheidend für fundamentale biologische Funktionen wie Lernen und Gedächtnis ist", sagt Niwa. Weitere Studien sollen dabei helfen, dieses Geheimnis zu lüften. (Cell Reports, 2018; doi: 10.1016/j.celrep.2018.07.082)

(Riken, 29.08.2018 - DAL)

Montag, 27. August 2018

Zu künstlich, um intelligent zu sein.

aus welt.de, 27. 8. 2018

Warum dich Alexa und Siri niemals verstehen werden



Künstliche Intelligenz nimmt uns mehr und mehr das Denken ab. Was wären wir ohne die Suchvorschläge von Google, Apple oder Amazon? Das Problem ist nur: Sie können uns gar nicht verstehen und werden es nie können. Das soll uns folgendes Gedankenexperiment zeigen.So ungefähr sieht eine Konversation mit einem Sprachassistenten aus: 

Mensch: „Alexa, was ist Pfeffer?“
Alexa: „Der Pfefferstrauch, auch schwarzer Pfeffer oder kurz Pfeffer genannt …“ 

Der Mensch stellt eine einfache Frage und bekommt eine komplizierte Antwort. Sprachassistenten interpretieren unsere Fragen falsch. Ihre künstliche Intelligenz steckt noch im Kleinkindstadium. Vielleicht bessert sich das in Zukunft?

Nein, niemals, meint der Philosoph John Rogers Searle.

_Searle_speaking_at_Google_4.jpg John Searle


An seinem Gedankenexperiment „Das Chinesische Zimmer“ kommt heute niemand vorbei, der sich mit Philosophie befasst. Dabei erblickte das „Chinesische Zimmer“ das Licht der Welt bereits 1980. 

Das Gedankenexperiment lässt uns tiefer blicken in das menschliche Bewusstsein. Das zumindest hofft Searle. Legen wir los: Du nimmst an einem Versuch teil und lässt dich in ein Zimmer sperren. Vor dir liegen Körbe mit chinesischen Zeichen. Schade, dass du kein Wort Chinesisch sprichst. Dann wirft man dir durch einen Türschlitz noch andere chinesische Zeichen zu. Nennen wir sie der Einfachheit halber die Zeichenfolge UVW. Die bildet eine Frage (nur du kannst ja nicht mal verstehen, dass das eine Frage sein soll). Da fällt dein Blick auf ein Buch. Darin steht, wie du die Zeichenfolge kombinieren kannst. Auf einer Seite heißt es zum Beispiel: „Wenn die Zeichenfolge UVW kommt, wirf die Zeichenfolge XYZ durch den Türschlitz.“ 

Na also! Man hat dir UVW zugeworfen, drum wirfst du XYZ durch den Schlitz. Was du nicht weißt: XYZ war eine korrekte Antwort auf die Frage UVW. Die Leute hinter der Tür freuen sich über deine Antwort. Das Frage-Antwort-Spiel könnte immer so weitergehen. Searle meint sogar: 

"Wenn die Leute hinter der Tür nicht aufgeklärt werden, würden sie nie merken, dass du kein Chinesisch kannst." John Rogers Searle, Philosoph, University of California, Berkeley 

Doch eine Frage kommt auf: Wenn die Leute zufrieden sind mit den Antworten – vielleicht kannst du dann ja wirklich Chinesisch?

Searle antwortet auf diese Frage mit Nein.

Und genau mit diesem Denkansatz kritisiert er künstliche Intelligenz. 

Kann künstliche Intelligenz Chinesisch oder eine andere Sprache sprechen? Searle sagt: Nein. Denn künstliche Intelligenz würde beim Sprechen auch nur Regeln befolgen und die Wörter nicht verstehen. 

Programme wie Siri oder der Alexa-Sprachassistent schnappen sich beim Sprechen im Sekundentakt Wörter aus Datenbanken von Wikipedia und Co – so, wie du aus den Körben die Zeichen greifst. Wenn du Alexa fragst: „Was ist deine Lieblingsfarbe?“, zieht Alexa die Antwort aus der Datenbank. Was es bedeutet, eine Lieblingsfarbe zu haben, kann Alexa nicht verstehen. 

Das Programm selbst enthält die Regeln, wie es die Wörter kombinieren kann. Es ist nichts anderes als das Buch in unserem Gedankenexperiment. Nur passen ins Programm sicherlich mehr Regeln rein, und es ist imstande, immer wieder neue Regeln aufzunehmen. Das chinesische Zimmer ist also nur eine Illustration für Kritik an der so viel gelobten künstlichen Intelligenz. Searle meint, Sprachassistenten geht es wie dir im chinesischen Zimmer. Künstliche Intelligenz kann nicht sprechen. Maschinen können nur strukturelle Regeln lernen (Syntax) und mit diesen Regeln nie auf die Bedeutungsebene von Zeichen oder Wörtern (Semantik) vordringen. Wir können auch semantische Inhalte verstehen, und das liegt an der Natur des Bewusstseins selbst. 

"Unsere geistigen Zustände haben semantischen Gehalt." 

Geistige Zustände und Sprache haben beide eine semantische Ebene. Und irgendwie ist das auch kein Wunder – schließlich hat der menschliche Geist ja die Sprachen erdacht.

Zwei Fragen bleiben jedoch offen, und so geben wir sie an dich weiter: Was soll das heißen, „unsere geistigen Zustände haben semantischen Gehalt“? Und für welche Berufe eignet sich ein Mensch deshalb besser als eine künstliche Intelligenz? 


Nota. - Semantischer Gehalt ist das, was gewöhnlich Bedeutung genannt wird. Bedeutung ist dasjenige, was mich veranlassen kann, dieses oder jenes zu tun oder zu lassen. Woraus sogleich erhellt: Irgend etwas hat nicht Bedeutung an sich, sondern für mich. Damit etwas für mich etwas bedeuten kann, muss ich handeln können, und das heißt nicht bloß: irgendwas tun, sondern willentlich etwas tun. 

Tun kann die Maschine auch dieses und jenes. Aber sie kann es nicht selber wollen. Sie kann den Willen eines Subjekts wie irgendein anderes Kommando entschlüsseln und ausführen. Aber aus freien Stücken selber etwas wollen, z. B. ein Stück Holz zu einem Kochlöffel bedeuten und im Geist bestimmen kann sie nicht.
JE

Mittwoch, 15. August 2018

Das Scheusal Schlaflosigkeit.

E. Hopper
aus scinexx

Schlafmangel macht einsam
Ein akutes Schlafdefizit verändert Sozialverhalten, Hirnaktivität und die Reaktionen anderer

Fatale Nebenwirkung: Wer zu wenig schläft, wird unsozialer und zieht sich unbewusst stärker zurück, wie nun ein Experiment bestätigt. Gleichzeitig jedoch reagieren andere Menschen auf unausgeschlafene Personen ablehnender und suchen weniger deren Kontakt – was die Einsamkeit und soziale Isolation der Betroffenen noch schlimmer macht. Schlafmangel kann damit einen wahren Teufelskreis der Einsamkeit auslösen, wie die Forscher im Fachmagazin "Nature Communications" berichten. 

Schlafmangel macht nicht nur müde, unkonzentriert und reizbar, er wirkt sich auch tiefgreifend auf unser Schmerzempfinden und unsere Gesundheit aus. Denn dem Gehirn fehlt dann die Zeit für nächtliche Aufräumarbeiten und auch der Stoffwechsel kommt aus dem Tritt. 

Schlaflos im Annäherungstest 

Doch die Folgen des Schlafmangels reichen noch weiter, wie nun Eti Ben Simone von der University of California in Berkeley und seine Kollegen herausgefunden haben. Für ihre Studie haben sie getestet, ob Schlafmangel das Sozialverhalten und das Gefühl der Einsamkeit beeinflusst. "Soziale Isolation kann Schlafstörungen hervorrufen – das ist bekannt. Ob aber umgekehrt ein Schlafmangel auch Menschen dazu bringt, sich einsamer zu fühlen, war bisher nicht klar", so die Forscher. 

Im ersten Experiment wurden einige Probanden eine Nacht lang am Schlafen gehindert, andere durften dagegen ausschlafen. Alle bekamen am nächsten Tag ein Video zu sehen, in dem Personen nacheinander direkt auf sie zukamen. Per Buttonklick sollten sie anzeigen, wann ihnen die Person gefühlt zu nahe kam. Dieser Abstand verrät einiges über die soziale Distanz und Offenheit des jeweiligen Probanden.


Ergebniuse des Annäherungstests: Probanden mit Schlafmangel bevorzugten eine größere soziale Distanz.
Ergebniuse des Annäherungstests: Probanden mit Schlafmangel bevorzugten eine größere soziale Distanz.
Soziale Distanz wächst

Das Ergebnis: Die Teilnehmer, die unter Schlafmangel litten, fühlten sich deutlich früher von den herankommenden Personen bedrängt. Sie klickten schon den Stopp-Button, wenn die Person 18 bis 60 Prozent weiter entfernt war als bei den ausgeschlafenen Probanden. "Die Teilnehmer erzwangen damit einen größeren sozialen Abstand zu anderen, wenn sie eine Nacht nicht geschlafen hatten", berichten die Forscher. 

Nach Ansicht der Wissenschaftler belegt dies, dass sich Schlafmangel direkt auf unser Sozialverhalten auswirkt: "Ein Mangel an Schlaf bringt Personen dazu, anderen eher aus dem Weg zu gehen und eine größere soziale Distanz zu wahren", erklären sie. "Ohne ausreichenden Schlaf werden wir schnell zu Sozialmuffeln und bald stellt sich dann auch die Einsamkeit ein." 

Doppelter Effekt im Gehirn
 
Dieses zurückgezogenere Verhalten spiegelte sich auch in der Hirnaktivität der Probanden wider, wie Aufnahmen mittels funktioneller Magnetresonanz-Tomografie (fMRT) enthüllten. Bei den schlaflosen Teilnehmern verstärkte sich während des Annäherungstests die Aktivität im sogenannten Nahfeld-Netzwerk ihres Gehirns – einem Schaltkreis, der vor der Annäherung potenziell bedrohlicher Mitmenschen warnt.


Bei Ausgeschlafenen ist das prosoziale Theory of Mind-Netzterrk (ToM) deutlich aktiver.
Bei Ausgeschlafenen ist das prosoziale Theory of Mind-Netzterrk (ToM) deutlich aktiver.
Gleichzeitig wurde das sogenannte 'Theory of Mind'-Netzwerk inaktiver, ein Gehirnbereich, der uns normalerweise die Intentionen und Handlungen anderer verstehen lässt und uns daher sozial zugewandter macht. Bei Menschen, die unter Einsamkeit leiden, ist dieses Netzwerk typischerweise weniger aktiv. Wie sich jetzt zeigt, gilt dies aber auch für Menschen mit akutem Schlafdefizit. 

"Sozial abschreckend"

Doch wie reagieren andere darauf? Das testeten die Forscher in einem Online-Experiment. 1.033 Teilnehmer sahen dafür vier kurze Videoclips, die eine Gruppe von Probanden in einer Diskussion über aktuelle Themen zeigte. Was die Zuschauer nicht wussten: Einige dieser Personen litten unter Schlafentzug, andere nicht. In einem Fragebogen sollten die Online-Teilnehmer anschließend ihre Einschätzung zur Stimmung und dem sozialen Status der gesehenen Personen angeben. 

Das Ergebnis: Ohne es zu ahnen, bewerteten die Zuschauer die unausgeschlafenen Probanden im Schnitt als einsamer und weniger sozial attraktiv als die ausgeschlafenen. "Die Teilnehmer gaben an, dass sie weniger geneigt waren, mit diesen Personen zu interagieren oder zu kollaborieren", berichten die Forscher. "Der Zustand des Schlafmangels wirkt demnach eher sozial abschreckend."

Fataler Teufelskreis
 
Damit könnte Schlafmangel sogar einen wahren Teufelskreis der Einsamkeit auslösen: "Je weniger Schlaf man bekommt, desto weniger will man mit anderen interagieren. Umgekehrt nehmen einen andere als unsozialer wahr und verstärken damit noch die soziale Isolation", erklärt Co-Autor Matthew Walker von der University of California. "Schlafmangel macht uns damit zu sozialen Aussätzigen." 

Hinzu kommt: Das vom Schlafmangel ausgelöste Gefühl der Einsamkeit kann ansteckend sein. Obwohl nichts in den Videos oder den dort gezeigten Diskussionsthemen mit Einsamkeit zu tun hatte, fühlten sich hinterher auch die Online-Zuschauer sozial isolierter als vorher. "Das deutet auf eine fast schon virale Übertragung des Gefühls der sozialen Isolation bei Schlafmangel hin", so Ben Simone und seine Kollegen. "Vielleicht ist es kein Zufall, dass in den letzten Jahrzehnten die Einsamkeit stark zugenommen hat und gleichzeitig die Schlafdauer drastisch zurückgegangen ist." 

Immerhin gibt es auch eine gute Nachricht: Schon eine Nacht mit ausreichend langem Schlaf reicht aus, um diese Effekte rückgängig zu machen, wie die Forscher erklären. "Danach wird man sich wieder offener und sozial zugänglicher fühlen und das wird wiederum andere anziehen", so Walker. (Nature Communications, 2018; doi: 10.1038/s41467-018-05377-0)

(University of California – Berkeley, 15.08.2018 - NPO)

Donnerstag, 9. August 2018

Wie das Hirn die Spreu vom Weizen trennt


aus scinexx

Wie das Hirn die Spreu vom Weizen trennt
Zeitpunkt der Entladung von Neuronen ist entscheidend für den "Filtereffekt"

Wichtig oder unwichtig? Wie unser Gehirn alltägliche Reize in eine dieser beiden Kategorien einordnet, haben Forscher nun im Experiment mit Affen beobachtet. Demnach nutzt das Denkorgan bestimmte Frequenzkanäle aus, um Informationen schon während der Übertragung zwischen Hirnbereichen nach ihrer Wichtigkeit zu sortieren. Entscheidend ist dabei offenbar der genaue Zeitpunkt, an dem sich bestimmte Nervenzellen entladen.

Am Arbeitsplatz, im Straßenverkehr oder inmitten einer Menschenmenge - wir alle sind tagtäglich immer wieder Situationen ausgesetzt, in denen wir mit einer Vielzahl von Reizen konfrontiert werden. Trotzdem agieren wir in solchen Situationen zielgerichtet und sicher. Unser Arbeitsgedächtnis ist scheinbar mühelos dazu in der Lage, relevante Informationen herauszufiltern und Unwichtiges einfach nicht zu berücksichtigen.
  
Entscheidende Schwingungen
 
Doch wie gelingt dem Gehirn das? Dieser Frage sind nun Wissenschaftler um Andreas Nieder von der Universität Tübingen nachgegangen. Dafür trainierten sie Rhesusaffen darauf, sich die Anzahl bestimmter Objekte kurzfristig zu merken. Im Experiment wurden die tierischen Probanden gleichzeitig aber auch mit irrelevanten Informationen konfrontiert, die für die eigentliche Aufgabe keine Rolle spielten. 

Was würde im Denkorgan passieren, wenn die Affen versuchten, die sprichwörtliche Spreu vom Weizen zu trennen? Hirnstrommessungen zeigten: Durch die gleichzeitige Entladung tausender von Nerven- zellen entstanden großflächige oszillierende Schwankungen der elektrischen Aktivität im Gehirn. Als entscheidend erwiesen sich dabei Schwingungen im niedrigen Frequenzbereich, wie die Forscher berichten: sogenannte Theta-Wellen von vier bis zehn Schwingungen pro Sekunde.
  
Sortierung nach wichtig und unwichtig 

"Wir konnten beobachten, dass sowohl die relevante als auch die störende Information in diesem Theta-Frequenzbereich übertragen wurde", sagt Nieder. "Allerdings entluden sich die Nervenzellen, die für die relevanten Informationen zuständig waren, immer wenn die Theta-Schwingung auf dem Tiefpunkt war. Dagegen feuerten die Nervenzellen, die für den störenden Reiz zuständig waren, immer zu dem Zeitpunkt, an dem die Theta-Schwingung auf dem Höhepunkt war." 

Er und seine Kollegen glauben deshalb, dass das Gehirn bestimmte Frequenzkanäle im Gehirn ausnutzt, um Informationen zwar synchron zu übertragen - zugleich aber die Fülle dieser Informationen schon während der Übertragung zwischen Hirnarealen nach wichtig und unwichtig zu sortieren. 

Nutzen für die Medizin?
 
"Unsere Ergebnisse belegen, dass kognitive Gehirnfunktionen ein präzises Zusammenspiel von Nervenzellen erfordern. Es liegt nahe, die im Tiermodell erforschten Mechanismen nun für therapeutische Zwecke bei Patienten mit Gedächtnisstörungen zu nutzen", sagt Erstautor Simon Jacob von der Technischen Universität München.

Wie er betont, werden aber weitere Studien nötig sein, um zu zeigen, ob die Ergebnisse der Studie als generelles Organisationsprinzip dafür gelten können, wie das Gehirn kognitive Information über weit getrennte Hirnareale hinweg verarbeitet. (Neuron, 2018)

(Eberhard Karls Universität Tübingen, 09.08.2018 - DAL)


Nota. - Wie das Gehirn die nach wichtig und unwichtig getrennten Informationen auszeichnet und weiter- leitet, wüssten wir nun. Das Interessntere ist aber, an welchen Merkmalen es wichtig und unwichtig unterschieden hat. Und wer hat ihm das beigebracht? 

(Man möchte es sich so vorstellen: Der Arbeitsspreicher hat etwas als 'die aktuelle Aufgabe' festgelegt. Auf die Aufgabe hin werden die Verschaltungen konstelliert. In diesem Aufmerksamkeitsnetz verfangen sich manche Informationen gut, andere weniger gut, die werden aussortiert; usw. - Das ist grob. Aber ist es falsch?)
JE 

 

Mittwoch, 8. August 2018

Weltkatzentag.

Bastet
Im Internet habe ich mich schon über vieles geärgert. Über Katzenbilder noch nie.

aus derStandard.at, 8. August 2017, 06:00 

Eine eifersüchtige Göttin
Eine religionswissenschaftliche Ehrerbietung zum Weltkatzentag

von Theresia Heimerl

Meine Katze ist die beste und pelzigste Verkörperung der These vom strengen Monotheismus des Ägyptologen Jan Assmann: Der eifersüchtige Gott, wie sich JHWH (Jahwe) in Dtn 5,9 selbst nennt, duldet keine anderen Götter neben sich, ihnen auch nur einen freundlichen Blick zuzuwerfen, ist ihm ein Gräuel, der nicht ungeahndet bleibt. Jeder zarte Streichler für die liebesbedürftige Nachbarskatze wird mit bösem Blick, Liebesentzug und nadelspitzen Krallen, die quer über den Unterschenkel gezogen werden, bestraft.

Auch wenn die These, Moses hätte den strengen Monotheismus, den er seinem Volk nach dem Auszug aus Ägypten verordnete, aus derartigen Erfahrungen mit seiner Katze im Pharaonenpalast am Nil heraus entwickelt, religionsgeschichtlich einige empirische Lücken aufweist – die Katze kann auf eine zentrale Rolle in verschiedenen Religionen zurückblicken. Diese zumindest in Auszügen zu würdigen, ist für die Religionswissenschaft am Weltkatzentag nur recht und billig.

Verehrt, geopfert, ignoriert: Katzen im alten Ägypten und in der Bibel

Im alten Ägypten zu beginnen, ist naheliegend. Bastet, mitunter auch mit Löwenkopf dargestellt und so mit der Göttin Sachmet verwechselbar (oder je nach Interpretation synkretistisch zusammenfallend), war eine in Ägypten seit der Frühzeit nachweisbare Göttin, die als Tochter des Sonnengottes Re vorgestellt wurde und den Funktionsbereich Fruchtbarkeit, Frauen und Kinder zugewiesen bekam. Ihr Kult wird mehrfach auch bei römisch-griechischen Autoren erwähnt. In ihrem Kult begegnen wir auch dem religionswissenschaftlich spannenden, für tierliebe Menschen eher schwer nachvollziehbaren Phänomen, dass Menschen rituell töten, was sie verehren: Die zahlreichen Katzenmumien waren Ergebnis von Opferungen, soll heißen, Priester im Bastettempel töteten die hierfür gehaltenen Katzen gegen entsprechendes Opfergeld.

Göttlicher Status schützt also nicht vor gewaltsamem Tod, er macht allerdings das diesseitige Leben bedeutend angenehmer als die Stigmatisierung als Inkarnation des Bösen, wie sie im Christentum ab dem 12. Jahrhundert zur weithin akzeptieren Lehre wurde. Doch zuvor sei noch darauf hingewiesen, dass die Katze in der Bibel nur einmal vorkommt und das in abwertendem Zusammenhang: Gehört sie doch in Bar 6,21 zu jenen Tieren, die sich auf den "Götzenbildern" der Babylonier niederlassen und so, für die monotheistischen Verfasser, diese Bilder als falsche Götter entlarven.



Der Teufel ist ein schwarzer Kater

Die Angst vor der Idolatrie, also der Anbetung von Götzenbildern (auch) in Tiergestalt führt auf Umwegen dann zu der höchst unrühmlichen Episode des Katzenhasses im westlichen Mittelalter. Mittelalterliche Theologen meinten, der Teufel würde bevorzugt als riesiger schwarzer Kater erscheinen, welchem die Häretiker in ihrem Glaubensabfall zur Huldigung das Hinterteil küssten und so Teufelsanbetung und die Anbetung von tierischen Götzenbildern in einem praktizierten. Einer dieser Theologen, Alanus ab Insulis, leitet sogar Katharer, aus dem das deutsche Wort Ketzer wurde, vom (vulgärlateinischen) Wort cattus (=Kater) ab. Die Katharer, die mit Katzen, egal welcher Farbe, nichts zu tun hatten, sondern ein dualistisches Weltdeutungsmodell in Nachfolge des Manichäismus pflegten, wurde dann auch zum Prototyp für alle bösen Gottesleugner. Sie alle, so die rechtgläubige Fama, versammeln sich nächtens, feiern Orgien und beten den Teufel in Katzengestalt an (mitunter auch als Kröte oder Ziegenbock, aber wir haben ja Weltkatzentag).

Von hier stammt das noch in politisch inkorrekten Kinderbüchern bis in die 1970er zu findende Bild von der Hexe mit schwarzer Katze auf der Schulter: Hexen sind aus der soeben ausgeführten Logik praktische Häretikerinnen, die ihren Paktpartner bei seinen Hausbesuchen mit sich herumtragen. Abseits dieser spekulativen Auswüchse der Häresiologie führte der Generalverdacht gegenüber Katzen zu brutalen Verfolgungen und Tötungen der Tiere bis in die Neuzeit hinein nach dem Motto: wer Katzen verbrennt, verbrennt auch Ketzer. Bei vielen Vertretern des Christentums hat die Katze heute eine Rehabilitierung erfahren, deutsche Theologen haben ihr sogar ein eigenes Buch gewidmet: "Eine seltsame Gefährtin".

Die Legende von der Katze im Ärmel des Propheten

Der Katze in islamisch geprägten Kulturen hat die verstorbene Orientalistin Annemarie Schimmel bereits 1983 das Buch "Die orientalische Katze" gewidmet, in dem sie eine beachtliche Anzahl an Überlieferungen, Legenden und Berichten aus diesem Kulturraum zusammenträgt. Hier wird ein positiveres Bild vom Verständnis der Katze vermittelt als jenes im Christentum. Ob die Legende vom Gewandärmel, den der Prophet lieber abschnitt, als die darin schlafende Katze zu stören oder die Berichte über die Heddawa Derwische in Nordafrika und ihre besondere Beziehung zu Katzen (allerdings wieder im Spannungsfeld von Verehrung und Tötung) oder das von westlichen Reisenden mit Irritation konstatierte Füttern herrenloser Katzen als Teil des öffentlichen Lebens – selbst wenn es sich um legendarische Überlieferungen und tendenziöse Berichte handelt, spiegeln sie doch andere gedankliche Voraussetzungen als der christliche Mainstream bis weit in die Neuzeit. In jüngster Zeit ist diese Tradition leider etwas ins Hintertreffen geraten: Religiöser Fanatismus und Katzen vertragen sich hier wie dort offenbar nicht.

Winkende Glückskatze und Katzendämon mit Cutenessfaktor

Aus dem fernöstlichen Raum kennen wohl alle zwei Katzenikonen: Die Glückskatze mit erhobener Pfote und Hello Kitty (die angeblich keine Katze, sondern ein Mädchen darstellen soll). Die buddhistische legendarische Tradition ist hinsichtlich der Katze ambivalent. Sie soll als einziges Tier nicht unter die Lebewesen, denen es mit Achtsamkeit zu begegnen gilt, aufgenommen worden sein, weil sie Buddhas Begräbnis verschlafen oder eine Ratte, die von einer Gottheit mit rettender Medizin gesandt worden war, getötet hätte. Andererseits gibt es zahlreiche Legenden von Katzen als Bewohner buddhistischer Klöster, vor allem westliche Neo-Buddhisten sehen in Katzen oft Meditationsmeister und Begleiter in den Buddhismus, oder was sie dafür halten.

Die winkende, vorzugsweise dreifarbige Glückskatze Maneki-Neko ist längst über ihr Heimatland Japan hinaus bekannt und ist ein kommerzialisierter Reflex auf Katzenlegenden aus der japanischen volksreligiösen Tradition, wo sich Katzen in vielen Legenden als Glücksbringer oder auch einfach Warnerinnen vor Unheil finden, aber auch als dämonische Wesen wie die Bakeneko, die ihren Weg als verführerische, tödliche Katzenfrau den Weg in Horrorfilme gefunden hat oder aber die wohlwollendere Katzendämonin Nekomata, deren visuelle Umsetzung in der Anime-Serie Inu Yasha zwar religionsgeschichtlich recht frei ist, aber das akute Katzenstreichelbedürfnis extrem erhöht.

Fazit: Der Weltkatzentag als Hochfest dieses göttlichen Wesens ist aus religionswissenschaftlicher Perspektive mehr als angebracht und wer nicht mitfeiert, den wird der Teufel in Gestalt eines schwarzen Katers holen. (Theresia Heimerl, 8.8.2017)

Literaturhinweise 

Annemarie Schimmel, Die orientalische Katze, München: Diederichs 1983.
Rainer Kampling (Hg.), Eine seltsame Gefährtin. Katzen, Religion, Theologie und Theologen, Frankfurt: Lang 2007.
Alan Scott Pate, Maneki neko, Japan’s beckoning cats. From talisman to pop icon. Mingei International Museum’s Billie Moffitt Collection. Mingei International Museum, San Diego CA 2011.
M. Oldfield Howey, Die Katze in Magie, Mythologie und Religion, Wiesbaden: Fourier 1991. -

Samstag, 4. August 2018

Singt der Buckelwal nur für sich?

 aus derStandard.at, 3. August 2018, 12:02

Haben wir die Buckelwal-Gesänge völlig falsch verstanden?
Psychologe glaubt, dass bisherige Interpretationen grundlegend falsch sind: Die Wale würden für sich selbst singen, nicht für ein Publiku

Buffalo – Zu den berühmten Gesängen von Buckelwalen gibt es mittlerweile mehr Interpretationen, als man aufzählen kann. Doch egal, ob die komplexen Lautäußerungen aus einer nüchtern-informationsgehalt- bezogenen, einer ästhetischen oder gar einer esoterischen Perspektive betrachtet werden – ein Minimalkon- sens besteht zwischen all diesen Sichtweisen: nämlich dass die Meeresriesen für ein Publikum singen.

Und genau hier widerspricht nun Eduardo Mercado III; kein Biologe, sondern ein Psychologe von der University at Buffalo im US-Bundesstaat New York. Er glaubt, dass die Wale in Wirklichkeit für sich selbst singen. Seine These stellte er im Fachjournal "Frontiers in Psychology" vor.

Ein Fall von Projektion?

Dass Wale die Gesänge ihrer Artgenossen genießen könnten, hält Mercado für einen Fall von Projektion: Wir würden lediglich unsere Annahmen einer anderen Spezies überstülpen. Zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung kam er, als er für einen Studenten-Job Walgesänge analysieren sollte.

Dabei ergaben sich für ihn Widersprüche – etwa dass viele individuelle Walgesänge fortwährendem Wandel unterzogen sind, was Kommunikation nicht eben erleichtern würde. Mercado vergleicht es damit, als hätte ein Mensch die Aufgabe, jährlich eine neue Sprache zu lernen, die eine vollkommen andere Grammatik als die eigene Muttersprache hat.


Fast schon historisch: Buckelwalgesänge auf Vinyl gepresst.

Mercado glaubt daher, dass Buckelwale ihre Gesänge ähnlich wie Sonar einsetzen. Sie schicken seiner Hy- pothese nach komplexe Klangfolgen aus, um aus den zurückkehrenden Echos akustische Repräsentationen ihrer Umwelt zu gewinnen. Dies würde ihnen im Rahmen einer "Auditory scene analysis" (einem Konzept aus der Wahrnehmungspsychologie) anzeigen, wo sich potenzielle Paarungspartner oder Konkurrenten auf- halten, wohin sich diese bewegen und ob der Sänger zu ihnen aufschließen kann.

Männliche Buckelwale singen nur während der Paarungszeit – ein Zusammenhang mit Fortpflanzungs- bemühungen ist daher kaum wegzudiskutieren, auch nicht von Mercado. Der grundlegende Unterschied ist, dass in seiner Version durch die Gesänge nicht Weibchen beeindruckt oder andere Männchen abgeschreckt werden sollen, da die Lieder nicht von Zuhörern, sondern vom Sänger selbst ausgewertet werden.

Mercado räumt ein, dass die meisten Biologen seine Hypothese für reinen Nonsens halten werden, zumal er auch nicht vom Fach kommt. Skeptikern hält er aber ein simples "Widerlegt mich" entgegen. (red, 3. 8. 2018)

Link
Frontiers in Psychology: "The Sonar Model for Humpback Whale Song Revised"