Montag, 14. August 2017

Was geht bei Halluzinationen im Gehirn vor?

Grünewald, aus Isenheimer Altar
aus scinexx

Blick ins Gehirn bei Halluzinationen
Hirnaktivität verrät, warum einige Menschen leichter Stimmen hören als andere 

Was macht einige Menschen anfälliger für Halluzinationen als andere? Eine erste Antwort hat nun ein Experiment im Hirnscanner geliefert. Es enthüllt: Bei Menschen, die häufig nichtexistente Stimmen hören, ist das Kleinhirn weniger aktiv. Dieses jedoch wirkt als "Wächter" gegen falsche Wahrnehmungen. Ist diese Prüfung geschwächt, können überstarke Erwartungen zu Halluzinationen führen, wie die Forscher im Fachmagazin "Science" berichten. 

Sie gaukeln uns geisterhafte Erscheinungen vor, lassen uns Stimmen hören oder sogar Düfte riechen, die in Wirklichkeit nicht da sind: Bei einer Halluzination nehmen wir Dinge wahr, die nur in unserem Kopf existieren. Möglich wird dies, weil unser Gehirn Reize nicht einfach naturgetreu wiedergibt. Stattdessen interpretiert es sie und gleicht sie mit unseren Erwartungen, Vorerfahrungen und unserem Wissen ab. Erst dann gelangt die Wahrnehmung in unser Bewusstsein.

Bei einer Halluzination verselbstständigt sich diese Kette der Verarbeitungsschritte – sie läuft ab, ohne dass ein Reizsignal sie angestoßen hat. Dieser "Leerlauf" kommt häufig bei Menschen mit Psychosen oder hohem Fieber vor, lässt sich aber auch bei Gesunden provozieren, beispielsweise durch länger anhaltenden Reizentzug.

Test mit Schachbrett und Ton

Aber warum neigen einige Menschen eher zu Halluzinationen als andere? Was läuft in ihrem Gehirn anders? Um das herauszufinden, haben Albert Powers von der Yale University und seine Kollegen vier verschiedenen Probandengruppen zu einem Experiment eingeladen: Gesunde Menschen, die regelmäßig Stimmen hören und stimmenhörende Psychotiker, sowie Gesunde und Psychotiker, die noch nie akustische Halluzinationen hatten.


Alle Teilnehmer blickten auf einen Bildschirm, auf dem jeweils kurz ein Schachbrett aufblitzte. Parallel dazu erklang ein eine Sekunde langer Ton – aber nicht immer: Anfangs war das Schachbrett immer vom Ton begleitet, später war der Ton mal leiser und mal gar nicht vorhanden. Immer wenn die Probanden glaubten, den Ton zu hören, sollten sie einen Knopf drücken – umso länger, je sicherer sie sich waren. Während des Versuchs zeichneten die Forscher die Hirnaktivität der Probanden mittels funktioneller Magnetresonanz-Tomografie (fMRT) auf.


(Science, 14.08.2017 - NPO)


Nota. - Halluzinationen gehren gottlob zu den ungewöhnlichen Erscheinungen. Aber unnatürlich oder gar übernatürlich sind sie nicht. Sie können mit den bildgebenden Verfahren der Hirnforschung beobachtet und physiologisch begründet werden, s. o.. 

Bei der klassischen Konditionierung - "verstärkte Taube" - tritt qua Reizgeneralisierung ein physischer Sti- mulus an die Stelle des andern. Das ist ein alter Hut und hat nie Skandal gemacht, weil für den Augenschein das Ursache-Wirkung-Verhältnis gewahrt blieb. Hier aber ist es nicht ein anderer physischer Reiz, der ur- sächlich wird, sondern lediglich seine Bedeutung: eine Vorstellung, ein Bild. 

Naturwissenschaftliche Befunde können Fragen der Philosophie so wenig beantworten, wie philosophische Sätze die Naturwissenschaften regulieren können. Mit andern Worten - so fest das realistische Vorurteil auch in die Köpfe der Denker eingeprägt sein mag: Die Tatsachenbefunde der Naturwissenschaft besagen etwas anderes.

Der springende Punkt: Unser Sehvermögen ist nicht ein Sinn wie die andern.
JE





Sonntag, 13. August 2017

Regulärer Zufall.

aus Die Presse, Wien,


 
Schimpansen können "Schere, Stein, Papier" lernen
Die Tiere brauchen zwar weit länger als Kindergartenkinder zum Lernen, doch auch die Menschenaffen meistern das Spiel - wohlgemerkt nach 307 Versuchen.

Auch Schimpansen können das Spiel "Schere, Stein, Papier" lernen. Ungeachtet von Alter oder Geschlecht begreift der nächste Verwandte des Menschen den kreuzweisen Zusammenhang der Handsymbole, ergab eine Studie unter Leitung von Jie Gao von der Kyoto Universität und der Peking Universität.

Die Tiere brauchten zwar weit länger als Kindergartenkinder zum Lernen, meisterten das Spiel am Ende aber ähnlich gut, berichten die Forscher im Fachjournal "Primaten". In dem Spiel schlägt das Symbol für Schere das Papier, das sich schneiden lässt, wickelt das Papier den Stein ein und macht der Stein die Schere stumpf. Kein Element hat damit einen gleichbleibenden Wert. Diese nicht-linearen Zusammenhänge zu erkennen, erfordert fortgeschrittene geistige Fähigkeiten und hilft, komplexe Beziehungen und Probleme zu lösen sowie bekanntes Wissen zu ergänzen.

An dem Versuch hatten sieben Schimpansen im Forschungszentrum für Primaten an der Kyoto Universität teilgenommen. In einer Box wurden sie trainiert, auf einem Computer-Touchscreen die jeweils stärkere Option auszuwählen - angefangen mit Papier und Stein, dann Stein und Schere und schließlich die Kombination von Schere und Papier.

Leistung von Schimpansen mit der Vierjähriger vergleichbar
Sobald sie die Bedeutung erfasst hatten, wurden ihnen die Paare in zufälliger Abfolge präsentiert. Fünf der sieben Schimpansen erfüllten die Aufgabe nach durchschnittlich 307 Sitzungen. Die Ergebnisse zeigten, dass die Affen wiederkehrende Muster erlernen können. Allerdings brauchten sie bedeutend länger, um auch noch die dritte Option mit Schere und Papier zu begreifen und damit die Komplexität abzurunden.

Den Lernprozess verglichen die Wissenschafter mit 38 Kindern im Alter von drei bis sechs Jahren. Die Kinder hatten wenig Probleme, das Spiel zu begreifen. Es gelang ihnen durchschnittlich in fünf Sitzungen, wobei es altersabhängig deutliche Unterschiede gab. Je älter die Kinder waren, umso genauer wurden sie. Die Kinder, die über vier Jahre alt waren, spielten überlegter und weniger auf Glück setzend.

"Das zeigt, dass Kinder im Alter von etwa vier Jahren die Fähigkeit erwerben, wiederkehrende Beziehungen zu erlernen und kreuzweise Problemmuster aufzulösen", erklärte Gao. Die Leistung der Schimpansen lasse sich mit der Vierjähriger vergleichen.
(APA/dpa)


Nota. - Die Meldung selbst ist, nach allem, was wir über tierische Intelligenz inzwischen wissen, nicht mehr überraschend. Bemerkenswert sind aber die 307 Versuche. Ohne Labor und Verhaltensforscher hätten die Affen sie nicht unternommen. Es mögen in jedem Individuum viele verborgene Reserven schlummern. Die müssen aber die Gelegenheit finden, sich zu aktualisieren. Manchmal reicht ein Zufall. In diesem Ex- periment mussten es 307 "Zufälle" sein, die von menschlicher Intelligenz vorausgeplant waren.
JE 


Mittwoch, 9. August 2017

Neue Theorie zur Dunklen Materie.


aus derStandard.at, 9. August 2017, 07:00


Forscher stellen neue Theorie zur Entstehung von Dunkler Materie vor
Hypothetische Materie könnte zu Beginn des Universums instabil gewesen sein. Neues Modell lässt sich mit Teilchenbeschleunigern testen.

Mainz – Ein internationales Team von Astrophysikern hat in der vergangenen Woche die bisher genaueste und umfassendste Karte der Verteilung von Dunkler Materie im Universum vorgestellt. In mehreren Studien bestätigten die Wissenschafter bisherige Annahmen, wonach der Kosmos von vier Prozent "herkömmlicher" Materie, 26 Prozent Dunkler Materie und 70 Prozent Dunkler Energie erfüllt ist.

Während sich über die Natur der Dunklen Energie bisher nur sehr wenig sagen lässt (außer, dass sie für die beschleunigte Ausdehnung des Universum verantwortlich ist), gibt es zur Existenz der Dunklen Materie viele Theorien und Experimente. Fakt scheint zu sein, dass dieser bisher unentdeckte mysteriöse Stoff in großem Maßstab enormen gravitativen Einfluss ausübt. So lässt Dunkle Materie etwa die äußeren Ränder naher Galaxien schneller rotieren, als man es aufgrund der dort beobachtbaren Sterne, Gas- und Staubwolken erwarten würde.

Alternative zu den WIMPs

Wissenschafter der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) haben nun einen neuen Vorschlag unterbreitet, wie die Bildung Dunkler Materie im frühen Universum abgelaufen sein könnte. Das neue Modell stellt eine Alternative zum WIMP-Paradigma dar, das in der aktuellen Forschung über verschiedene Experimente verfolgt wird.

Derzeit wird angenommen, dass es sich bei der Dunklen Materie um ein kosmologisches Relikt handelt, das seit seiner Entstehung im Wesentlichen stabil geblieben ist. "Wir haben diese Annahme auf den Prüfstand gestellt und zeigen, dass Dunkle Materie zu Beginn des Universums instabil gewesen sein könnte", erklärt Michael Baker von der Theoriegruppe am Institut für Physik der JGU. Diese Instabilität stellt wiederum einen neuen Mechanismus dar, der die beobachtete Menge Dunkler Materie im Kosmos erklärt.

Gebrochene Symmetrie

Die Stabilität der Dunklen Materie wird normalerweise mit einem Symmetrieprinzip erklärt. In ihrer Studie in den "Physical Review Letters" zeigen Baker und Joachim Kopp dagegen, dass das Universum auch durch eine Phase gegangen sein könnte, in der die Symmetrie gebrochen war. Dies würde einen Zerfall des hypothetischen Dunkle-Materie-Teilchens möglich machen. Während des elektroschwachen Phasenübergangs wurde die Symmetrie wieder hergestellt, die Dunkle Materie damit stabilisiert und ihr Vorkommen im All bis zum heutigen Tag fixiert.

Baker und Kopp führen damit ein neues Prinzip in die Diskussion um die Natur der Dunklen Materie ein, das eine Alternative zu der verbreiteten WIMP-Theorie darstellt. WIMPs, vom englischen Weakly Interacting Massive Particles, also schwach wechselwirkende massereiche Teilchen, galten bislang als hoffnungsvolle Kandidaten bei der Suche nach den Bestandteilen der Dunklen Materie. Nach ihnen wird insbesondere in gut abgeschirmten Untergrunddetektoren gesucht. "Die Abwesenheit von überzeugenden Signalen motivierte uns, nach Alternativen zum WIMP-Paradigma zu suchen", so Kopp.

Ungleichgewicht zwischen Materie und Antimaterie

Der jetzt vorgestellte Mechanismus könnte auch, so die beiden Physiker, in Verbindung zu dem offensichtlichen Ungleichgewicht zwischen Materie und Antimaterie im Kosmos gebracht werden, wie auch zu Signalen, die bei den anstehenden Experimenten zu Gravitationswellen aufkommen. Baker und Kopp sehen auch Möglichkeiten, wie das neue Prinzip am Teilchenbeschleuniger LHC und anderen Einrichtungen nachgewiesen werden könnte. (red, 8.8.2017)


Abstract
arXiv.org: "Dark Matter Decay between Phase Transitions at the Weak Scale."




Nota. - Die Vorstellung, dass das Universum aus drei verschiedenen Grundsubstanzen in unterschiedlichem und gar wechselndem Verhältnis zueinander besteht, passt intuitiv nicht gerade für die Annahme, dass eine (eine) Gesetzlichkeit dahinter steckte.
JE



Dienstag, 1. August 2017

Wie findet der Vogel seine beste Tarnung heraus?

aus diePresse.at, 1.8.2017                                 In der Mitte eine Nachtschwalbe, die eine  perfekte Umgebung gefunden hat

Wo ist das Vogerl?
Die Camouflage bei Vögeln ist individueller als bisher angenommen. Unklar ist, wie die Tiere wissen, wo sie am wenigsten auffallen

Cambridge/Wien – Um sich vor ihren Feinden zu schützen, haben viele Tiere eine perfekte Tarnfärbung: Mit ihrer speziellen Musterung verschmelzen sie geradezu mit der Umgebung. Viele Vogelarten – zumal solche, die am Boden brüten – haben es bei der Camouflage zur Meisterschaft gebracht.

Ein Forscherteam um Claire Spottiswoode (Uni Cambridge) hat nun die Tarnstrategien von Nachtschwalben, Rennvögel und Regenpfeifern in Sambia untersucht und kam im Fachmagazin "Nature Ecology & Evolution" zu einem erstaunlichen Resultat: Die Camouflage der Tiere ist individueller als bisher gedacht.

"Wir neigen dazu, bei der Tarnung von Tieren an eine allmähliche evolutionäre Anpassung der Arten zu denken", so Spottiswoode. Tatsächlich aber scheinen die Vögel, die alle etwas anders aussehen, jenen für sie optimalen Nistplatz zu finden. Wie sie das machen, ist nach wie vor unklar. Die Forscher vermuten, dass die Vögel auf irgendeine Weise über ihr eigenes Aussehen und das ihrer Eier Bescheid "wissen".


Zum Vergleich eine etwas anders gefärbte Nachtschwalbe, die ebenfalls den für sie idealen Brutort wählte.

Für Spottiswoode würde die neue Studie dennoch zum besseren Verständnis dessen beitragen, wie Verhalten und Aussehen zusammenhängen. Und sie bedankt sich schließlich auch noch bei den Nest-Findern aus Sambia, die diese Untersuchung erst möglich machten, weil sie hunderte von perfekt getarnte Nester aufspürten, die von den Forschern eher übersehen worden wären. (tasch.) 


Abstract
Nature Ecology & Evolution: "Improvement of individual camouflage through background choice in ground-nesting birds"


Nota. - Die Bedeutung der Untersuchung kann man kaum Überschätzen: Nicht nur müssen die Vögel einen präzisen Überblick über ihre Umgebung haben, sondern auch über eine genaues Bild von sich selbst verfügen - und schließlich dieses in jenen einpassen. Sie müssen in einem spezifischen Sinn re- flektieren.
JE 

Montag, 31. Juli 2017

Haben die Sprachen aller Landbewohner einen gemeinsamen Ursprung?

Ob Berberaffe wie hier oder Frosch und Meise: Ob ein Tier emotional erregt ist oder nicht, erkennne wir erstaunlich gut allein an seinen Lauten.
aus scinexx                                                                                Berberaffe
  
Tiersprache: Gibt es einen Universalcode? 
Wir erkennen Erregung selbst bei Reptilien, Fröschen oder Vögeln

Wir verstehen Tiere besser als wir glauben: Ein Experiment belegt, dass der Mensch instinktiv die Emotionen von ganz verschiedenen Tierarten erkennen kann. Tonhöhe und Klang der Tierstimmen verraten uns, ob Frosch, Hund oder Vogel entspannt oder aufgeregt sind. Dies könnte darauf hindeuten, dass es unter den Landwirbeltieren eine Art Universalcode für den Ausdruck von Gefühlen gibt, wie die Forscher berichten.
 
Ob unser Hund traurig, entspannt oder glücklich ist, erkennen wir sofort – und umgekehrt kann auch er an unserer Stimme ablesen, wie wir uns fühlen. Auch mit Affen, Pferden, Katzen und anderen Säugetieren klappt die Kommunikation oft ganz gut, zumindest was das Grundgefühl angeht.
 
Instinktives Verständnis?
 
Aber wie sieht dies mit Tieren aus, die nicht so eng mit uns verwandt sind, wie den Echsen, Fröschen oder Vögeln? "Vor mehr als einem Jahrhundert stellte Charles Darwin die Hypothese auf, dass der stimmliche Ausdruck von Emotionen bis auf unsere frühesten landlebenden Vorfahren zurückgeht", erklären Piera Filippi von der Freien Universität Brüssel und ihre Kollegen.
 
Das jedoch würde bedeuten, dass alle Wirbeltiere über eine Art Universalcode verfügen: Instinktiv erkennen sie über alle Artgrenzen hinweg, welche Emotionen ein anderes Tier mit seinen Lauten gerade ausdrückt. Ob dies stimmt, haben die Forscher nun überprüft. Dafür spielten sie 75 Probanden Tonaufnahmen von Schweinen, Berberaffen, Elefanten, Pandas, Fröschen, Alligatoren, Raben und Meisen vor.
 
Ob dieser Baumfrosch erregt ist oder nicht, erkannten die Probanden sogar zu 90 Prozent korrekt.
 
Die Laute stammten von Tieren in entspannter, neutraler Stimmung oder in Erregung wie Angst oder Wut. Die menschlichen Probanden sollten angeben, wie hoch der Grad der Erregung bei den gehörten Lauten war.
 
Hohe Trefferquote
 
Das Ergebnis: Die Probanden schätzten den emotionalen Gehalt bei fast allen Lauten korrekt ein – und dies unabhängig davon, wie eng verwandt die Tierart mit uns ist. Bei Panda und Baumfrosch lagen sie in gut 90 Prozent der Fälle richtig, bei Alligator, Elefant und Meise in mehr als 80 Prozent. Die Laute von Rabe, Schwein und Berberaffe erreichten mehr als 60 Prozent Treffer.
 
"Damit war die Trefferquote für alle Arten signifikant höher als der Zufall", konstatieren Filippi und ihre Kollegen. Nähere Analysen zeigten, dass sich die Emotion in den Lauten vor allem in zwei Merkmalen verrät: einem erhöhten Grundton der Laute und der Lage des Mittelpunkts des Klangspektrums.


 
"Das belegt, dass Menschen dazu fähig sind, eine erregte Stimmung in den Lauten von Tierarten aller Klassen von Landwirbeltieren zu erkennen." Da die Probanden aus dem deutschen, englischen und chinesischen Sprachraum stammten, halten die Forscher dies zudem für eine grundlegende menschliche Fähigkeit.
 
Darwin könnte demnach mit seiner Hypothese durchaus richtig liegen. Nach Ansicht von Filippi und ihren Kollegen spricht ihr Ergebnis dafür, dass es im Tierreich tatsächlich eine Art Universalcode für den stimmlichen Ausdruck von Emotionen geben könnte. Die Fähigkeit, diesen "Gefühlscode" zu entschlüsseln, reicht dann womöglich tief in unsere evolutionäre Vergangenheit zurück. (Proceedings of the Royal Society B – Biological Sciences, 2017; doi: 10.1098/rspb.2017.0990)
 
(Ruhr-Universität Bochum, 28.07.2017 - NPO)

Sonntag, 30. Juli 2017

Optobow: Direkt ins Gehirn sehen.

aus derStandard.at, 30. Juli 2017, 11:49                                              aktivieret: magenta; verbunden. gelb

Neue Methode macht mithilfe von Licht Nervenverbindungen im lebenden Gehirn sichtbar
Verfahren zeigt, welche Nervenzelltypen wann und wo aktiviert werden

Martinsried – Deutsche Forscher haben eine Möglichkeit entwickelt, allein mittels Licht miteinander verbundene Nervenzellen im lebenden Gehirn zu entdecken. Mit der nun in "Nature Communications" präsentierten Optobow-Methode können einzelne Nervenzellen unter dem Mikroskop aktiviert werden; das Aufleuchten benachbarter Zellen zeigt dann den Weg des Informationsflusses. Damit werden selbst im Dickicht des Nervensystems Form und Verbindungen der Zellen sichtbar.

Moderne Methoden geben immer detailliertere Einblicke in den Aufbau und die Funktionen des Gehirns. Durch das Mikroskop zeigt sich, wann und wo Nervenzellen bei einer bestimmten Aktion aktiv sind. Ob die aktiven Zellen jedoch untereinander verbunden sind, oder in welcher Reihenfolge sie Informationen austauschen, bleibt dabei meist unsichtbar. Solche Informationen konnten bisher nur teilweise und mit großem Aufwand mit Methoden der Elektrophysiologie oder der Elektronenmikroskopie gewonnen werden.

Durchsichtige Fischgehirne

"Wir haben nach einem Weg gesucht, um die Verbindungen und Informationsweitergabe von Nervenzellen im aktiven Gehirn beobachten zu können, ohne das Gehirn zu schädigen, ja, es nicht einmal zu berühren", erklärt Dominique Förster. Mit dieser Motivation entwickelten Förster und seine Kollegen vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried die Optobow-Methode, bei der mit Hilfe gentechnischer Verfahren der lichtempfindliche "ChrimsonR"-Ionenkanal in einzelne Nervenzellen im Gehirn von Zebrafischlarven eingeschleust wurde. Da Zebrafischlarven und auch ihr Gehirn durchsichtig sind, konnten die Forscher die ChrimsonR-Zellen allein durch das Anstrahlen der Fische mit Licht aktivieren.

Wie nützlich die neue Methode ist, konnten die Forscher bereits in ihren ersten Versuchen belegen: Im untersuchten Bereich des Zebrafischgehirns konnten sie zeigen, dass eine Information als Abbild in dem Gehirnbereich bleibt, bevor sie an andere Bereiche weitergeleitet wird. "Ich wüsste nicht, mit welcher anderen lichtmikroskopischen Methode wir diese Verbindung hätten entdecken können", meint Herwig Baier, der Leiter der Studie. "Mit Optobow können wir nun erstmals im Gehirn eines lebenden, aktiven Tiers beobachten, welche Nervenzellen untereinander verschaltet sind, wenn zum Beispiel ein Verhaltenskommando im Gehirn generiert wird." (red.)

Dienstag, 25. Juli 2017

Sprachgewalt.

aus scinexx                       

Kommunizieren synchronisiert die Gehirne
Verbaler Austausch bringt Gehirnaktivität der Gesprächspartner in Gleichtakt 

Gleichtakt der Wellen: Wenn wir uns mit jemandem unterhalten, verbindet uns dies nicht nur auf der bewussten Ebene. Die Kommunikation synchronisiert auch unsere Gehirnwellen, wie ein Experiment enthüllt. In mehreren Frequenzen gleicht sich die Hirnaktivität der Gesprächspartner aneinander an – und dies mehr, als nur durch das bloße Hören oder Sprechen erklärbar wäre, wie die Forscher im Fachmagazin "Scientific Reports" berichten.
 
Sprache ist für uns Menschen eines der wichtigsten Mittel zur Kommunikation. Entsprechend komplex ist das Muster der Hirnareale, die bei der Verarbeitung und Erzeugung der Sprache aktiv werden. Studien zeigen zudem, dass wir Sprache immer dann am besten verstehen, wenn unsere Gehirnwellen im Takt des gehörten Schalls schwingen.

Dialog mit Elektrodenkappe

Doch wie ist das bei einem Gespräch? Lässt sich am Gehirn ablesen, wie gut der verbale Austausch mit einem Gegenüber funktioniert? Das haben Alejandro Pérez und seine Kollegen vom Baskischen Zentrum für Kognition, Gehirn und Sprache in einem Experiment getestet. Dafür bekamen jeweils zwei Männer oder zwei Frauen die Aufgabe, sich durch einen Sichtschutz hindurch zu unterhalten.

Als Dialoghilfe bekamen die Probanden Fragen über die Themen Sport, Filme, Tiere, Reise und Musikvorlieben, die sie ihrem jeweiligen Gegenüber stellen sollten. Sie wurden zudem angewiesen, möglichst intensiv zuzuhören und sich die Antworten zu merken, weil diese später abgefragt werden würden. Während des Dialogs leitete die Forscher die Hirnwellen der Probanden mittels Elektroenzephalografie (EEG) ab.


Das Spannende daran: Nur ein Teil dieses Gleichtakts ließ sich durch die normale Reaktion des Gehirns auf die gehörte oder gesprochene Sprache erklären. Als die Forscher diesen bereits bekannten Effekt der akustischen Taktung ausschlossen, zeigten sich noch immer klare Indizien für eine Synchronität. "Demnach gibt es einen Gehirn-zu-Gehirn-Effekt, der von den auditorischen Prozessen unabhängig ist", sagen Pérez und seine Kollegen.

Gleichtakt über die bloße Sprache hinaus

Bei der Kommunikation mit anderen Menschen scheinen sich unsere Gehirne demnach in hohem Maße auf das jeweilige Gegenüber "einzuschwingen" – selbst wenn wir unser Gegenüber nur hören und nicht sehen. "Es gibt demnach eine Verbindung zwischen den Gehirnen, die über die bloße Sprachverarbeitung hinaus geht", sagt Koautor Jon Andoni Dunabeitia.
Beim Gespräch synchronisieren sich die Hirnwellen der Partner - über die bloße Sprachverarbeitung hinaus.
Beim Gespräch synchronisieren sich die Hirnwellen der Partner - über die bloße Sprachverarbeitung hinaus.

Nach Ansicht der Forscher könnte diese Synchronisierung der Hirnwellen sogar ein Schlüsselfaktor für eine erfolgreiche Kommunikation sein. Dies wiederum eröffnet ganz neue Möglichkeiten: "Wir könnten allein durch die Analyse ihrer Gehirnwellen herausfinden, dass zwei Menschen sich gerade unterhalten", sagt Pérez. "Das könnte sehr nützlich sein, beispielsweise bei Menschen, die Probleme mit der Kommunikation haben." (Scientific Reports, 2017; doi: 10.1038/s41598-017-04464-4)

(Plataforma SINC, 25.07.2017 - NPO)