Wissenschaft ist öffentliches Wissen; punctum.


Anatomiesaal der Universität Padua                                                                                                                                  aus Die Wendeltreppe

Dass also Galileo sich (gegen die aristotelische mittelalterliche Scholastik) ausdrücklich auf die Philosophie Platos zurück besann und dessen Lehre von den ewigen “Ideen” umformte in die Vorstellung von “Naturgesetzen”, das war die materiale Voraussetzung der modernen Wissenschaften. Die formale Voraussetzung war: Kritizität, und auch die hatte die Philosophie begründet. Der Rahmen, in dem Philosophie seit ihren Anfängen Statt findet, ist Öffentlichkeit.

Öffentlichkeit und Kritik, Kritik und Öffentlichkeit, das ist schlechterdings dasselbe. Philosophie wird nicht privat betrieben, sondern im Dialog mit dem anders Denkenden. Heraklit polemisierte gegen den gesunden Menschenverstand, Parmenides polemisierte gegen Heraklit, die Sophisten gegen Parmenides, Plato gegen die Sophisten. Und immer so weiter. Es entstehen Schulen, Akademien und freilich auch geheime Orden und Sekten wie Stoiker und Pythagoreer. Aber das Entscheidende: Sie alle konkurrieren auf dem freien Markt der Ideen.

Das gilt auch, allen Vorurteilen zum Trotz, von der Philosophie des “finsteren” Mittelalters. Zwar galt sie damals als “Magd der Theologie” (ancilla theologiae), aber es kommt schon darauf an, wie Kant später bemerkte, ob die Magd der gnädigen Frau die Schleppe hinterher trägt oder ihr mit dem Licht voran den Weg weist! Und der wesentlich Beitrag der Scholastiker zum Aufkommen der modernen Wissenschaften war, dass sie ihnen ihr Medium geschaffen haben: die “Gelehrtenrepublik” (res publica eruditorum) an den Universitäten von Palermo bis Uppsala, von Dublin bis Wilna, wo nur eine Sprache, Latein, gesprochen wurde, und keiner etwas von sich geben konnte, ohne dass es nicht gleich auf dem (damals) schnellsten Wege von allen andern einer kritischen Sichtung unterzogen wurde. Und die waren in ihrer Kritik nicht zimperlich! Erst so ist das Wissen zu einer gesellschaftlichen Instanz geworden. Erst durch diesen Vorlauf konnten die Akademien und wissenschaftlichen Societäten entstehen, in denen Newton und Leibniz das, was wir heute als “Wissenschaft” kennen, gründen konnten.

Dabei war das Bewusstsein, dass wahres Wissen immer von der Möglichkeit der Letztbegründung abhängt, Newton ebenso gegenwärtig wie Leibniz. Philosophiae naturalis principia mathematica heißt sein Hauptwerk, und Leibniz ist bis heute selbst in der Umgangssprache als der Denker der “prästabilierten Harmonie” präsent.

Aber das war eben jene Metaphysik, der die Drei Kritiken von Immanuel Kant für immer den Garaus gemacht haben. Verzichtet also die Wissenschaft seither auf einen ‘letzten Grund’ ihres Wissens? Auf die Frage nach Wahrheit? Na ja. Wir können sehr wohl erkennen, was unter gegebenen Prämissen wahr ist. Freilich: Wahr ist es nur so fern, wie ich die Prämissen ausdrücklich mit denke. Und wer verbürgt nun die Richtigkeit dieser Prämissen? Kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Es ist die Republik der Wissenschaftler, die das tut, Tag für Tag aufs Neue, und ihr gehört jeder an, der am Werk der unablässigen Überprüfung mit arbeitet (auf das Risiko hin, dass ihm alle andern in die Waden beißen: Das gehört dazu.)

Der Wahrheitsbegriff der modernsten Wissenschaften beruht auf einem Modus, den der Wiener Volksmund umschreibt als “einstweilen definitiv”. Die ‘letzten Gründe’, von denen sie ausgeht, sind dasjenige, was seit nunmehr vierzig Jahren als ihre Paradigmen bekannt ist, und wie sehr es in der Wissenschaft heute wie eh um Wahrheit zu tun ist, erkennt man an den so genannten “Paradigmenwechseln”, die das Unterste zu oberst kehren und der Nachwelt jeweils wie eine ‘wissenschaftliche Revolution’ erscheinen.

Glauben kann man das, was wahr ist, und was unwahr ist. Wissen kann man nur, was wahr ist. Alles andre müsste man glauben. 

Wissen ist das, was der öffentlichen Prüfung durch die Gemeinschaft aller Denkenden Stand gehalten hat.Das ist “Maß und Substanz” der Wissenschaft. Es ist ein pragmatischer Begriff. Er muss sich jedesmal bewähren. So wie sich in der Öffentlichkeit ein Jeder jedesmal bewähren muss.


Exkurs

Im Schulunterricht wird es oft so dargestellt, als habe Galileo durch die Einführung des Experiments die Naturkunde zu einer Erfahrungswissenschaft umgestaltet. Das muss man mit den Worten Albert Einsteins relativieren: dass die Erfahrung eine Theorie bestätigen oder widerlegen könne; doch führt keine Weg aus der Erfahrung zur Theorie. Anders gesagt: Das Experiment dient dazu, eine Theorie zu überprüfen, aber ersonnen muss man sie vorher haben. Steven Weinberg [Physik-Nobelpreis 1979] nennt es ein Vorurteil, dass es in der Wissenschaft darauf ankomme, keine Vorurteile zu haben. Es kommt darauf an, die richtigen Vorurteile zu haben. 

Und hier kommt Galileo wieder ins Spiel! Er hat nämlich (auf die Philosophie Platos zurückgreifend) in die Physik das Vorurteil eingeführt, “das Buch der Natur ist in mathematischer Sprache geschrieben”. Indem die Mathematik eine jedermann zugängliche, für jedermann zwingend beweisbare Methode der gedanklichen Konstruktion ist, hat er so die Naturwissenschaft zu einer allgemein zugänglichen Öffentlichkeit gemacht. Und hier kommt nun auch das Experiment zu seinem Recht, denn es hat dieselbe Funktion: Indem die Versuchsanordnungen von jedermann allerorten jederzeit nachgestellt werden können, macht er nicht mehr nur die Erarbeitung, sondern auch die Überprüfung der Theorie zu einer öffentlichen Angelegenheit. 

Der Empirismus im engeren Sinn ist eine durch Francis Bacon begründete Unterströmung in der (insgesamt von Isaac Newton’s mathematischem Rationalismus beherrschten) englischen Naturwissenschaft des 17. und 18. Jahrhundert. Ihm diente das Experiment hauptsächlich dazu, Alchemie und ärztliche Kunst aus dem Dunst des Okkulten zu holen und öffentlicher Erörterung allererst zugänglich zu machen.

Merke: Der Naturwissenschaftler beobachtet keines Wegs “die Natur” so lange, bis sie ihm von allein ein Lied singt. Vielmehr reißt er vorsätzlich ein winziges Stückchen aus ihr heraus, zwingt es in die Folterkammer seines Labors und quält es kunstvoll so lange, bis es auf seine gezielten Fragen mit Ja oder Nein antwortet.
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Wissenschaft ist öffentliches Wissen, II.

die Agora von Athen; Zeichnung ausd dem 19. JahrhundertAgora in Athen

Frage ich einen Wissenschaftler, wodurch Wissenschaft sich von andern Arten des Wissens unterscheidet, wird er mir sagen: Wissenschaft ist begründetes Wissen. Wenn ich ihn dann frage, was das bedeutet, fangen die Pro-bleme überhaupt erst an… Es wird sich finden, dass er „im Grunde“ der Überzeugung ist, nichtwissenschaft-liches Wissen sei „eigentlich“ überhaupt kein Wissen (sondern bloßes “Meinen“)… Dann wird er Wissenschaft immanent zu erklären versuchen, anhand ihrer Verfahren, und es läuft darauf hinaus: Wissenschaft ist „wahres“ Wissen, anderes Fürwahrhalten ist kindisch…

Also Wissenschaft habe im Vergleich zu andern Arten des Wissens eine quasi onto-logisch höhere Qualität. Aber Wissen ist doch gar kein Sein, sondern ein Verhältnis zwischen (zwei oder mehreren) Seienden! Was könnte das aber heißen: ein „wahreres Verhältnis“?! Unterscheiden lässt sich nur ein Privatverhältnis von einem allgemeinen Verhältnis und ein notwendiges Verhältnis von einem zufälligen Verhältnis. Und so ist das Spezi-fikum der Wissenschaft auch schon erschöpfend umschrieben: Es ist Wissen, das allgemein und notwendig ist, im Unterschied zu Wissen, das privat und zufällig ist – wenn auch „das Gewusste“ in beiden Modis zufällig ganz und gar dasselbe wäre.

Allgemein und notwendig: ist das eine additive Definition? Oder eine explikative (analytische: ‚zwei Seiten einer Medaille’)?! 

Eben so: Nur ein Wissen, das sich als notwendig erweist, taugt dazu, allgemein zu werden. Dieser Prozess: ‚sich als notwendig erweisen’, heißt Reflexion/Kritik. Es ist die Verallgemeinerung dieses Prozesses, durch den Notwendigkeit sich erweist. Summa summarum: Wissenschaft ist öffentliches Wissen; im Unterschied zu privatem. Die Form ist in diesem Fall die Sache selbst. Oder: der historische Unterschied ist zugleich der logische.

Civil society essentially is public space. But public opinion, by its nature, is divided. Science is able to reduce that domain of dissent; it is public knowledge. Its apogee in modern times was the political event par excel-lence. Its coercive power resides in its systematic proceeding from assuring its logical foundation, to the conceptual seizure of its object.





Wissenschaftlichkeit, Begründung, Mitteilbarkeit, Diskursivität...

Sebastian Bremer, pixelio.de

'Wissenschaft' unterscheidet sich von andern Weisen des Meinens darin, daß sie ein auf seine Grnde hinberprüftes Wissen ist... Die Überprfbarkeit ("Falsifizierbarkeit", nach Popper) ist ihr kardinaler pragmatischer Unterschied zu anderem Meinen: Sie ist Bedingung der Mitteilbarkeit. Nur wenn mein Wissen auf 'Gründen' beruht, kann ich es einem andern ver"mitteln": ihm die Gültigkeit meines Wissens "andemonstrieren"! Ich muß in der Begrndungskette meines Wissens einen 'Punkt' ausmachen, der dem andern bereits 'als gewiß bekannt' ist (Wittgenstein). Daran kann ich anknüpfen und aus ihm Schritt vor Schritt mein Wissen "her leiten". Daher sind die Sätze 'Wissenschaft ist begründetes Wissen' und 'Wissenschaft ist diskursives Denken' [nicht umkehrbar] gleichbedeutend. D.h. wirkliche Wissenschaft ist schlechterdings nie "voraussetzungslos", sondern argumentiert immer ex concessis; denn "irgendwo muß man ja anfangen". [nach Kant: wirkliches Wissen ist immer dogmatisch; aber noch lange nicht dogmatistisch]

Das heißt aber auch, daß 'wissenschaftliches Denken' die Gegebenheit von Wissenschaft als einer kulturellen Dimension (gesellschaftliches Institut) allbereits voraussetzt; d.h. die Vorhandenheit einer wissenschaftlichen Öffentlichkeit. Denn wenn mein Anderer, dem ich das Wissen, das ich selber 'eingesehen' habe, andemonstrieren will, mir bereits solche 'Gründe' konzediert, die lediglich plausibel sind, dann enthebt er sich und ipso facto mich der Prüfung (wiss.: Begründung) der einander zugebenen Grnde; so ist das vielleicht immer noch 'wahres' Wissen; aber nicht Wissenschaft: Wissenschaftlichkeit ist eine Weise der Darstellung - Darstellung "für" einen Andern (und wenn der 'Andre' auch ich selbst: mein kritisches Alter ego wäre...) 

  aus e. Sudelbuch; 7. 6. 92 





Wissenschaft und gesunder Menschenverstand.

Rembrandt oder Schüler, Ein Gelehrter in luftiger Stube

Nicht das wissenschaftlich Denken unterscheidet sich vom gesunden Menschenverstand. Die Aufmerksamkeit des Wissenschaftlers unterscheidet sich vom Alltagsbewusstsein. Während der Alltagsmensch nach Gründen nur fragt, wenn etwas anders ist als normal, will der Wissenschaftler gerade die Normalität erklären; und einige bohren tiefer als die andern.

Während im 17. Jahrhundert die Annahme von ehern waltenden Naturgesetzen das auszeichnende Merkmal einer Handvoll Wissenschaftler war, ist sie heute ein "allgemeines Volksvorurteil", wie Marx sagen würde. Wer heute nicht das Prinzip von Ursache und Wirkung allezeit gewärtig hat, steht am Rande der bürgerlichen Ge-sellschaft. In der Wissenschaft dagegen gilt es nicht mehr dogmatisch, sondern nur noch regulativ.

So wie Kunst das ist, was Künstler tun, ist Wissenschaft das, was Wissenschaftler treiben. Der Phänotyp des Wissenschaftlers und der Phänotyp des Künstlers liegen an den beiden entgegegesetzen Polen der Normalität; dort aber in aller Öffentlichkeit.




Konsens und öffentliches Wissen.

nationalgeographic

Wissenschaft ist öffentliches Wissen, habe ich gesagt. Wissenschaftlich ist ein auf seine Gründe geprüftes Wissen. Das Medium der Prüfung ist Kritik. Öffentlichkeit ist eo ipso Kritik; eine ununterbrochene, immer wieder neu beginnende Überprüfung von Gründen.

Das ist keine Konsensfindung, sondern geradezu das Gegenteil. Der Konsens ist eine zufällige Anhäufung. Zufällig ist die Anzahl der Übereinstimmenden, zufällig ihre Zusammensetzung, zufällig sind die Meinungen, die sie mitbringen, zufällig sind die Meinungen, auf die sie sich verständigen. Da Verständigung gesucht wurde, blieb Kritisches unbenannt. Was richtig und was falsch ist, ist eine Sache bloßer Meinung, eine prüfende In-stanz gibt es nicht. Konsens ist angehäufte Privatmeinung. Sie können sich über lauter Falsches einig sein. Wenn sich eine Prüfung an der Realität ergibt, stieben sie auseinander.

Wissenschaftliche Öffentlichkeit verfährt nach dem Prinzip der biologischen Auslese. Erhalten bleibt nur, was sich bewährt, was sich nicht bewährt, wird ausgemustert. Allerdings nur, was sich nicht bewährt: was der Kritik nicht standhält. Nicht das, was nur momentan nicht verwendbar ist: In der Natur wird auch das ausgeschieden, obwohl es unter neuen Bedingungen – veränderten Auslesekriterien – vielleicht noch brauchbar werden konnte. In der Schriftkultur der Wissenschaft fällt das schlimmstenfalls in Vergessenheit; kann und wird wiedergefunden werden, weil die Wissenschaftler konkurrieren und auch das Fernstliegende für die Karriere verwertet wird. Und selbst was einmal als endgültig widerlegt erschien, kann wieder zum Vorschein kommen - gerade weil seine Überwindung einmal als ein großer Sieg der Wissenschaft ins Kollektivgedächtnis eingegangen ist. Zum Beispiel die Wiederauferstehung von Lamarck im Zeichen der Epigenetik.

Konsensbildung ist eine zufällige Kumulation auf Widerruf, Öffentlichkeit ist systematische Reduktion und Revision auf Dauer.







Wissenschaft ist öffentliches Wissen, III.

jpricemcnamara

215. Ein regelmässiger und schneller Fortschritt der Wissenschaften ist nur möglich, wenn der Einzelne nicht zu misstrauisch sein muss, um jede Rechnung und Behauptung Anderer nachzuprüfen, auf Gebieten, die ihm ferner liegen: dazu aber ist die Bedingung, dass Jeder auf seinem eigenen Felde Mitbewerber hat, die äusserst misstrauisch sind und ihm scharf auf die Finger sehen. Aus diesem Nebeneinander von "nicht zu misstrauisch" und "äusserst misstrauisch" entsteht die Rechtschaffenheit in der GelehrtenRepublik
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Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches, N° 215 






Der Schein von einem Knoten.

photocase


203. Im Augenblicke vor der Lösung. — In der Wissenschaft kommt es alle Tage und Stunden vor, dass Einer un-mittelbar vor der Lösung stehen bleibt, überzeugt, jetzt sei sein Bemühen völlig umsonst gewesen, — gleich Einem der, eine Schleife aufziehend, im Augenblicke, wo sie der Lösung am nächsten ist, zögert: denn da gerade sieht sie einem Knoten am ähnlichsten. 
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Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches. N° 203


Nota. - Dann ist es gut, wenn ihm ein eifersüchtiger Mitbewerber auf die Finger sieht und ruft: "Na los, zieh weiter, hähä!" 
JE

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