Montag, 19. August 2013

Fromme Wünsche zum Informationszeitalter.

aus NZZ, 19. 8. 2013

Sozial orientierte Technologie

Das Informationszeitalter kann dem totalitären Überwachungsstaat Vorschub leisten. Es kann aber auch eine kreative, partizipative Zivilisation ermöglichen. Das ist unsere Entscheidung.  

Von Dirk Helbing

Unsere Gesellschaft befindet sich im Umbruch. Ohne Computer funktioniert nichts mehr; alle 18 Monate verdoppelt sich die Rechenleistung. In zehn Jahren spätestens werden sie die Fähigkeiten des menschlichen Gehirns übertrumpfen. Vor Jahren schon schlug der Computer Deep Blue bekanntlich den besten Schachspieler. Inzwischen führen Computer bereits rund 70 Prozent aller Finanztransaktionen durch, und IBMs Watson berät Kunden besser, als das menschliche Telefon-Hotlines können. Der bevorstehende wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbruch wird bedeutsamer sein als die Erfindung des Webstuhls und der Dampfmaschine zusammen

Explodierende Cyber-Kriminalität, die Wirtschaftskrise und soziale Proteste zeigen, dass sich die hypervernetzte Welt destabilisiert. Aber ist der Überwachungsstaat die richtige Antwort darauf?

Schneller noch als die Rechenkapazität wächst die Speicherkapazität für Daten. Innerhalb weniger Jahre werden wir mehr Daten generieren als in der gesamten Menschheitsgeschichte. Das «Internet der Dinge» wird bald Billiarden von Sensoren miteinander vernetzen - im Kühlschrank, in der Kaffeemaschine, an der Zahnbürste, unseren Kleidungsstücken. Es werden unvorstellbare Mengen an Daten anfallen. Big Data wird bereits als Öl des 21. Jahrhunderts gepriesen. Aber es macht uns auch verwundbar. Wenn alle unsere Abfragen im Internet gespeichert werden, wenn unsere Einkäufe und sozialen Kontakte ausgewertet werden, wenn unsere E-Mails und Dateien nach Tausenden verschiedenster Suchbegriffe durchforstet werden und Millionen Bürger als mögliche Terroristen oder Kriminelle klassifiziert werden, wo soll das hinführen? Droht die Entmündigung des Menschen durch Maschinen? Führt Überwachung zur Selbstzensur und zur Diskriminierung von Minderheiten - ausgerechnet in Zeiten des Umbruchs, wo Querdenker und Innovationen besonders nötig sind, damit Wirtschaft und Gesellschaft mit dem Wandel Schritt halten können?

Welche Konsequenzen hat es, wenn selbst Schweizer Banken und der amerikanische Staat ihre bestgehüteten Geheimnisse nicht mehr schützen können und wenn Gesundheits- und andere heikle Daten heute bereits von Firmen verkauft werden? Wenn politische Strategien sowie Betriebsgeheimnisse mitgelesen werden können, noch während sie entstehen? Wenn Insiderwissen den fairen Wettbewerb untergraben kann und auch die Möglichkeit, sich Gerechtigkeit zu verschaffen? Der nun vieldiskutierte Skandal um «Prism» und «Tempora», die im Namen der Sicherheit die Aktivitäten unschuldiger Bürger und vieler Firmen erforschen, hat uns endlich wachgerüttelt.

Es ist mittlerweile offenbar geworden, dass wir keine technologiegetriebene Gesellschaft, sondern eine sozial orientierte Technologie benötigen, dass Technologie ohne Berücksichtigung ethischer Fragen, ohne öffentliche Diskussion und Transparenz in die Irre führt. Ein neuer Denkansatz ist somit nötig. Er impliziert auch zahlreiche neue wirtschaftliche und gesellschaftliche Chancen.

Zunächst benötigen wir eine öffentliche ethische Debatte über diese Thematik - dringender noch als bei der Bioethik: Brauchen wir wirklich so viel Sicherheit, dass wir uns davor fürchten müssen, weil Machine-Learning-Programme Millionen unschuldiger Menschen verdächtigen? Wie können wir die Chancen des Informationszeitalters für alle erschliessen und die Risiken beherrschen - von der Cyber-Kriminalität bis zur Aushöhlung der demokratischen Rechte? Welche neuen Institutionen brauchen wir im 21. Jahrhundert?

In der Vergangenheit haben wir öffentliche Strassen, Parks und Museen, Schulen, Bibliotheken und Universitäten gebaut. Was benötigen wir nun? Muss sich Europa allenfalls bei Google, Facebook und anderen Hightech-Giganten einkaufen, um ein gewisses Mass an Übersicht und Kontrolle zu gewinnen? Besser wäre es. Aber nötiger noch sind Strategien, die vor Missbrauch von Daten und Diskriminierung schützen, die Transparenz und Vertrauen schaffen und den Nutzen der Bürger und die Selbstbestimmung ins Zentrum stellen. Wir brauchen Strategien, die Innovationen und neue Unternehmen bzw. Projekte ermöglichen, die auch unter Echtzeit-Beobachtung noch Konkurrenzvorteile erzielen. Hier einige Vorschläge:
 

Selbstbestimmter Umgang mit persönlichen Daten. Schon vor einiger Zeit hat das World Economic Forum (WEF) einen «New Deal on Data» verlangt. Um die wirtschaftlichen Chancen persönlicher Daten nachhaltig zu nutzen, müsse ein fairer Ausgleich zwischen wirtschaftlichen, staatlichen und individuellen Interessen gefunden werden. Voraussetzung dafür sei die Rückgabe der Kontrolle über persönliche Daten an die betroffenen Individuen und ihre Beteiligung an den wirtschaftlichen Profiten, die mit den Daten gemacht werden. Dies erfordert neuartige Datenprotokolle und gesetzliche Regulierungen.
 

Vertrauenswürdiger Informationsaustausch. Wie die Verbreitung von Cyber-Kriminalität zeigt, ist eine neue Netzwerkarchitektur dringend nötig. Der Umgang mit heiklen Daten erfordert die sichere Verschlüsselung, Anonymisierung und geschützte Pseudonyme, dezentrale Speicherung, einsehbare Software-Codes, Transparenz bei der Verwendung der Daten, Korrekturmöglichkeiten, Mechanismen des Vergessens und ein «digitales Immunsystem». 

Glaubwürdigkeits-Mechanismen. Auch soziale Mechanismen wie Reputation - etwa die Bewertung von Informationen und Informationsquellen im Netz - können eine grössere Rolle spielen, um Missbrauch in Grenzen zu halten. Es sollte aber nicht von Firmen oder Institutionen vorgegeben werden, wie die Reputation von Produkten, Firmen, News, Meinungen und politischen Programmen erworben wird. Den Nutzern selber muss die Kontrolle über Empfehlungsmechanismen, Datenfilter und Suchroutinen gegeben werden.
 

Partizipative Plattformen. Überall auf der Welt verlangen Bürger mehr Partizipation. Endlich ermöglichen moderne Informationssysteme die direkte soziale, ökonomische und politische Beteiligung engagierter Individuen. Ein basisdemokratischer Ansatz wie in der Schweiz wäre auch im Grossen umsetzbar. Analog sehen wir in der Wirtschaft einen Trend von der Demokratisierung des Konsums zur Demokratisierung der Produktion. Von Solarpaneelen bis zum 3-D-Drucker - lokale Produktion ist auf dem Vormarsch.
 

Open Data. Damit das Innovations-Ökosystem wachsen und gedeihen kann, benötigt es einen Dünger, offene Daten. Sie bewirken, dass neue Produkte schnell gedeihen können. Je mehr es von ihnen gibt, desto mehr werden möglich. Informationen sind der beste Katalysator für Innovation.
 

Innovationsbeschleuniger. Um mit der Änderungsgeschwindigkeit der Welt Schritt halten zu können, müssen wir auch den Innovationsprozess selber neu erfinden. An die Stelle von Geheimhaltung und Patenten könnten partizipative Innovationsprozesse treten, die Ideen schneller umsetzbar machen und externe Kompetenzen optimal einbinden. Information ist eine besondere Ressource: Sie wird nicht weniger, wenn man sie teilt, und sie kann beliebig reproduziert werden. Machen wir uns das zunutze!
 

Soziales Kapital. Warum erfinden wir nicht neue Arten der Wertschöpfung? «Qualifiziertes Geld» zum Beispiel, dessen Wert von der Vorgeschichte abhängt. Oder soziales Kapital wie Vertrauen, Reputation und Kooperationsbereitschaft. Sie sind die Grundlage einer funktionierenden Wirtschaft und Gesellschaft und beruhen auf sozialen Netzwerken.
 

Soziale Technologien. Nicht zuletzt müssen wir lernen, wie man Informationssysteme mit unseren individuellen, sozialen und kulturellen Werten kompatibel macht. Wie sie gestaltet sein müssen, damit die Privatsphäre des Bürgers respektiert wird. Wie Diskriminierung vermieden, aber Toleranz und Fairness gefördert werden können. Und welche Wahlmöglichkeiten man Nutzern geben muss, damit Informationssysteme nicht zu Überwachungs- und Manipulationsinstrumenten werden. Für eine funktionsfähige Wirtschaft muss Soziodiversität (Pluralität) genauso geschützt werden wie Biodiversität. Sie bestimmt das Innovationspotenzial mit. Es liegt an uns, es zu nutzen.

Dies sind nur einige Beispiele der Möglichkeiten, die wir mit dem Internet der Dinge und Big Data zukünftig erschliessen können. Unter allen ist die Überwachungsgesellschaft die schlechteste aller Nutzungen von Informationstechnologie. Eine sichere und nachhaltige Informationsgesellschaft muss auf Reputation, Transparenz und Vertrauen bauen, nicht auf Überwachung.

Wenn wir unseren Telefonen, Computern und dem Internet nicht mehr vertrauen können, dann werden wir entweder die Geräte abschalten, oder Bürger werden beginnen, wie Geheimdienste zu agieren: so wenig Informationen wie möglich preisgeben, Daten verschlüsseln, Scheinidentitäten aufbauen, falsche Fährten legen. Letztgenanntes wird aber nicht den normalen Bürgern nutzen, sondern vor allem den Kriminellen.

Es wäre schade, wenn wir die Chancen des Informationszeitalters verschenken würden, nur weil wir nicht gründlich genug darüber nachgedacht haben, welche technologischen und gesetzlichen Schranken und Institutionen nötig sind.

Das Informationszeitalter kann dem totalitären Überwachungsstaat Vorschub leisten oder aber eine kreative, partizipative Zivilisation ermöglichen. Es ist unsere Entscheidung.

Wir sollten sie nicht anderen überlassen. Und wir sollten jetzt beginnen, gemeinsam die richtigen Plattformen für eine globalisierte Informationsgesellschaft zu bauen, statt einen Krieg der Informationssysteme zu führen.

Dirk Helbing ist studierter Physiker, Professor für Soziologie an der ETH Zürich und Initiator der FuturICT Initiative (www.futurict.eu). Er ist Mitbegründer des Risk-Centers der ETH Zürich sowie gewähltes Mitglied der Deutschen Akademie der Wissenschaften «Leopoldina» und des WEF Global Agenda Council für komplexe Systeme.


Nota.

Ist das ein Wunschzettel für den Weihnachtsmann? Auf der einen Seite klingt es so, als sei die Problematik der neuen Technologien ihrerseits auf technologischem Weg zu lösen - Verschlüsselung usw.; andererseits fragt er fromm: "Warum erfinden wir nicht neue Arten der Wertschöpfung?" Ja, warum wohl nicht? Weil sowas nicht 'erfunden' wird, sondern sozusagen naturwüchsig aus dem Marktgeschen hervorgeht - oder eben nicht. Andernfalls wäre der Kapitalismus - das "Wertgesetz" - schon vor zweihundert Jahren hinwegerfunden worden.

Mit andern Worten: Mehr als ein Beitrag zur Verbreitung von "Problembewusstsein" ist auch dieer Text nicht. 

Wenn man allerdings bedenkt, wie arglos die Technik selbst von denen vergötzt wird, die ihre Risiken am besten kennen müssten, etwa in der Piratenpartei, dann ist ein solcher, wenn auch fad, doch nicht überflüssig.
J.E. 

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