Sonntag, 12. April 2015

Die Farbe der Lichts und das Auge des Betrachters.

aus Der Standard, Wien, 8. 4. 2015

Wie Blaumeisen sehen und Meerbewohner leuchten
Licht spielt in der Tierwelt eine vielfältige Rolle - Dabei zeigt sich, dass jede Tierart und jeder Mensch anders sieht

von Susanne Strnadl

Wien - Auch wenn es schwer vorstellbar ist: Die Welt ist nicht so, wie wir sie sehen. Da ist zuerst einmal der Umstand, dass wir nur einen Teil des Sonnenlichts wahrzunehmen imstande sind. Viele Tiere hingegen können auch UV-Licht, also Wellenlängen unter 400 Nanometern erfassen, wie viele Insekten, Vögel, Fische, Reptilien und Amphibien. Von manchen Vögeln, wie dem Wellensittich, weiß man, dass sie nicht nur unser Farbspektrum sehen, sondern die einzelnen Farben, die wir jeweils als nur eine erleben, nach ihrem UV-Anteil in verschiedene zerlegen. Auch die Honigbiene sieht UV - und lebt damit in einer anderen optischen Welt als wir. In Australien, wo sie vor 200 Jahren eingeführt wurde, fällt sie häufig der dort heimischen Krabbenspinne Thomisus spectabilis zum Opfer. Diese weißen oder gelben Tiere sitzen auf gleichfarbigen Blüten und lauern auf Beute. Für das menschliche Auge sind sie dabei kaum vom Untergrund zu unterscheiden, was sie zu einem Schulbeispiel für Tarnung machte.

Zwei Typen von Sinneszellen

Wie die österreichischen Forscherinnen Astrid Heiling und Marie Herberstein jedoch zeigen konnten, ist das Gegenteil der Fall: Die weißen Spinnen reflektieren UV-Licht stärker als die weißen Blüten und werden von den Bienen als hervorstechender Fleck gesehen. Kontrastreiche Blüten sind für sie besonders attraktiv.



Prinzipiell braucht es zur Wahrnehmung von Farbe mindestens zwei Typen von Sinneszellen im Auge, die auf unterschiedliche Wellenlängen reagieren, deren Empfindlichkeitsbereiche einander überlappen. Beuteltiere, Vögel und die meisten Fische verfügen über vier solcher Rezeptoren (Gelb, Grün, Blau und UV), während der Großteil der Säuger nur Blau- und Grün-Rezeptoren aufweist und daher quasi rot-grün-blind ist. Eigner eines Rot-Rezeptors sind dagegen nur wenige Arten, so vor allem Primaten, darunter auch wir. Allerdings sind diese Sinneszellen nur der Einfachheit halber nach den Grundfarben benannt - in Wirklichkeit variiert ihre Empfindlichkeit in einem bestimmten Farbbereich nicht nur von Art zu Art, sondern auch zwischen den Individuen.

"Eigentlich kann man überhaupt nicht sagen, wie ein anderes Wesen Farbe wahrnimmt", sagt Axel Schmid vom Department für Neurobiologie der Uni Wien. So entsteht etwa in der Mitte der Überschneidungszone der Blau- und Grün-Rezeptoren Türkis, aber "der Grün-Rezeptor variiert bei den Männern stärker als bei den Frauen", sagt Schmid, "und das gibt dann Diskussionen, ob das Ding blau oder eher grün ist." Doch auch Organismen, die über die Fähigkeit zur Farbwahrnehmung verfügen, nutzen diese nicht immer. So hat die Jagdspinne Cupiennius salei, an der Schmid und seine Mitarbeiter Aspekte der visuellen Wahrnehmung untersuchen, drei Farbrezeptoren, nimmt aber keine Farben wahr. "Offenbar spielt Farbe in ihrem Leben keine Rolle."

Nicht alle Tiere jedoch sind zum Sehen auf das Licht der Sonne angewiesen - manche können ihre Umwelt selbst erleuchten. Bei diesem Biolumineszenz genannten Phänomen wird ein Leuchtstoff mittels eines Enzyms oxidiert und die dabei entstehende Energie in Form von Licht freigesetzt.

An Land ist diese Fähigkeit selten: Neben den Glühwürmchen tritt sie vor allem noch bei Tausendfüßern und Schnecken auf. In der lichtlosen Tiefsee jedoch sind rund 90 Prozent der Arten imstande, selbstständig zu leuchten.

Lichtblitz bei Stößen

Auch dass das Meer in manchen Nächten blaugrün schimmert, ist eine Biolumineszenz-Erscheinung: Verantwortlich dafür sind Dinoflagellaten, eine Gruppe der Einzeller. Manche Arten davon reagieren mit Lichtblitzen, wenn sie von Wellen oder Schwimmern angestoßen werden. Zu den biolumineszenten Dinoflagellaten gehört auch Lingulodinium polyedrum, das bei seiner Lichtproduktion einen ausgeprägten Rhythmus zeigt: Geleuchtet wird nur nachts - vermutlich zur Feindabwehr.

Solche zyklischen Verhaltensweisen gibt es vom Einzeller bis zum Menschen, und die meisten werden von "inneren Uhren" gesteuert, Gruppen von Nervenzellen, die Gene für die Produktion bestimmter Hormone an- und ausschalten. Dabei laufen sie häufig auch ohne äußere Einflüsse ab - etwa im Labor oder in Dunkelheit. Um mit ihrer Umwelt in Einklang zu bleiben, brauchen sie jedoch einen externen Reiz, sozusagen als Taktgeber, oft ist es Licht.

Allerdings gilt aufgrund künstlicher Beleuchtung nicht mehr unbedingt, dass es nur am Tag hell und in der Nacht dunkel ist. Katharina Mahr und Herbert Hoi vom Konrad-Lorenz-Institut der Veterinärmedizinischen Uni Wien untersuchen derzeit, wie sich Lichtverschmutzung auf die Fortpflanzung von Blaumeisen auswirkt. Die Auswertung ist noch im Gange, die Befürchtung, dass die Fitness der Jungen durch die verkürzte Ruheperiode sinken könnte, scheint sich zu bestätigen.

Bei der Partnerwahl der Blaumeisen spielt auch die UV-Wahrnehmung eine Rolle: Je mehr UV-Licht die (für uns) hellblaue Kopfpartie der Vögel reflektiert, desto attraktiver sind sie fürs andere Geschlecht. Wie Mahr und Kollegen herausfanden, kann sich das auf die Jungen auswirken. Die Biologen bestrichen die Köpfe einer Weibchengruppe mit Sonnenöl und senkten so ihre UV-Reflexion. Wie sich zeigte, erwarteten die zugehörigen Männchen in der Folge nicht viel vom gemeinsamen Nachwuchs: Sie fütterten diesen signifikant weniger als Partner "schönerer" Blaumeisendamen.


Nota. - Eigentlich wissen wir das: Nicht die schöne Donau ist blau, sondern der Anteil des Lichts, den ihre Oberfläche reflektiert, statt sie zu verschlucken. Aber es spielt im Leben keine Rolle, also denken wir nicht dran. (Dass sich die Erde um die Sonne dreht statt umgekehrt, spielt im Leben auch kaum mal eine Rolle, aber wir denken öfter daran.) Dass nicht das Licht diese oder jene Farbe, sondern nur diese oder jene Wellenlänge hat, müssten wir eigentlich auch wissen, und dass der sinnliche Eindruck blau in meinem Gehirn entsteht, weil die Rezeptoren in meinem Auge es so gemeldet haben - das sollten wir uns denken können. 

Denken ja; aber vorstellen? Ich kann schlechterdings nicht wissen, ob nicht vielleicht mein Nachbar das Farbenspektrum genau andersrum wahrnimmt als ich - unten violett und oben rot statt unten rot und oben violett, und ob er das, was ich gelb nenne, nicht so wahrnimmt wie das, was ich blau nenne. 

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so ist, aber wissen kann ich schlechterdings nichts darüber. Ich kann wissen, dass in der Zone, wo sich die Farben, die ich als Grün und Blau wahrnehme, überschneiden, bei Männern die Rezeptoren variabler reagieren als bei Frauen. Aber ob sie dabei Türkis wahrnehmen - die Farbe, die ich so nenne - oder vielmehr die Farbe, die ich Orange nenne, wird ewig im Dunkeln bleiben.

Kurz gesagt, ästhetische Qualitäten sind Beiträge eines Subjekts. Streng genommen sind alle Qualitäten ästhetisch.
JE




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Samstag, 11. April 2015

Wird das Licht ein Mysterium bleiben?

aus Der Standard, Wien, 8. 4. 2015

Das Wesen des Lichts und die Grenzen der Wissenschaft
Seit 110 Jahren dominieren Albert Einsteins Theorien unsere Vorstellungen über das Licht. Noch immer bleiben viele Fragen ungeklärt.

von Tanja Traxler

Wien - Was ist Licht? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch die Geistesgeschichte der Menschheit. Und wenngleich die Wissenschaft schon einiges über das Licht herausgefunden hat, birgt es immer noch viele ungelöste Fragen. Die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) hat das Jahr 2015 dem Licht gewidmet - ein Anlass, dem alltäglichen wie unbekannten Phänomen nachzugehen.
Schon die antiken Denker versuchten, das Wesen des Lichtes zu ergründen und stellten widersprüchliche Theorien zum Sehen auf. Während Empedokles das Auge mit einer Laterne verglich, das Lichtstrahlen aussendet und so zur Wahrnehmung fähig ist, gingen andere davon aus, dass sich beim Sehen minimale Schichten der Gegenstände ablösen und ins Auge eintreten.
Der Vater der naturwissenschaftlichen Methode war schließlich einer der Ersten, der versuchte, die Geschwindigkeit des Lichts zu messen. Galileo Galilei blieb zumindest dabei aber erfolglos - seine Apparaturen waren schlicht zu ungenau.


Mitte des 17. Jahrhunderts erzielte der dänische Astronom Olaf Römer einen wichtigen Durchbruch, indem er nicht nur die Lichtgeschwindigkeit auf bis zu 30 Prozent genau messen konnte, sondern vor allem, indem er damit nachwies, dass sich Licht mit endlicher Geschwindigkeit bewegt.
Schon damals zeigte sich, dass Licht in der modernen Naturwissenschaft einen besonderen Stellenwert einnimmt: Es trägt gewissermaßen eine Doppelfunktion, indem es zugleich Gegenstand der Forschung wie auch deren notwendiges Hilfsmittel ist.

Doppelrolle

"Licht ist immer schon notwendig, um zu erkennen. Zugleich ist es ein Gegenstand, der erkannt werden soll", sagt der Astrophysiker Thomas Posch von der Universität Wien. "Möglicherweise ist in dieser erkenntnistheoretischen Doppelfunktion angelegt, dass es schwierig ist, sich der Natur des Lichts zu nähern." Tatsächlich zählt Licht wohl zu den Lieblingsstreitthemen der Wissenschaft.
Schon im 17. Jahrhundert gerieten darüber der englische Naturforscher Isaac Newton und der niederländische Astronom Christiaan Huygens aneinander. Während Newton, der als Begründer der klassischen Mechanik als wissenschaftliches Schwergewicht galt, die These vertrat, dass sich Licht aus Teilchen zusammensetzt, begründete Huygens die Wellentheorie des Lichts.
Auf den ersten Blick widersprechen diese beiden Modelle einander, was sich etwa darin zeigt, dass Teilchen stets an einem bestimmten Ort im Raum lokalisiert sind, wohingegen Wellen räumlich ausgedehnt sind. Ein Konsens schien daher unmöglich, zumal in der Naturwissenschaft immer versucht wird, "alles auf Eindeutigkeit und Widerspruchsfreiheit hinzutrimmen", sagt Posch.
Im 18. Jahrhundert mehrten sich die experimentellen Indizien dafür, dass Licht eine Welle ist, und bestätigten Huygens Thesen posthum. Spätestens das sogenannte Doppelspalt-Experiment, das der englische Augenarzt und Physiker Thomas Young 1802 durchführte, verhalf der Wellentheorie endgültig zum Durchbruch. Young nützte darin eine wichtige Eigenschaft von Wellen aus, die sie gegenüber Teilchen auszeichnen: die Möglichkeit der Überlagerung.
Ein weiterer Durchbruch in der Beschreibung des Lichts gelang dem schottischen Physiker James Clerk Maxwell vor ziemlich genau 150 Jahren. Er fand heraus, dass Licht ein Spezialfall eines allgemeineren Phänomens ist: der elektromagnetischen Strahlung.
Maxwells Modell überzeugte durch die Eleganz seines mathematischen Formalismus und die Vielzahl der experimentellen Befunde, die damit beschrieben werden konnten. Dennoch war damit das letzte Wort in der Erforschung des Lichts noch nicht gesprochen. Mit seiner Erklärung des sogenannten photoelektrischen Effekts, bei dem unter Einstrahlung von Licht Elektronen aus einer Metallplatte gelöst werden, brach Albert Einstein 1905 erneut eine Lanze für die Teilchentheorie des Lichts. Zwar schrieb er dem Licht Welleneigenschaften wie Wellenlängen zu, er schlug aber auch vor, dass Licht aus unteilbaren Paketen, den Lichtquanten genannten Photonen, zusammengesetzt ist.

Zugleich Teilchen und Welle

Der Welle-Teilchen-Dualismus des Lichts war damit begründet und Newton und Huygens damit doch noch in einem Konzept vereint: Seit Einstein gehen die Physiker davon aus, dass Licht eine Doppelnatur hat - in bestimmten Phänomenen tritt eher sein Wellencharakter in Erscheinung, in anderen seine Teilchennatur.
In den darauffolgenden Jahren erkannten die Physiker in der Quantenphysik, dass nicht nur Licht dem Welle-Teilchen-Dualismus unterliegt, sondern dieser ebenso ein grundlegendes Prinzip für Teilchen mit Masse ist. So hatte die Frage "Was ist Licht?" auch Anteil an der Geburtsstunde der Quantenphysik. In seiner Allgemeinen Relativitätstheorie zeigte Einstein zudem vor 100 Jahren, dass es sich bei der Lichtgeschwindigkeit um eine Maximalgeschwindigkeit handelt: Kein materielles Teilchen kann sich schneller bewegen.
Der Welle-Teilchen-Dualismus gilt immer noch als die aktuelle Theorie, und sie schafft ebenso viele neue Erkenntnisse, wie sie offene Fragen hinterlässt. Zunächst besteht das Problem, dass Einsteins Theorie kein anschauliches Bild von Licht zulässt. "Bis heute beißen sich die Leute am Dualismus die Zähne aus", sagt Posch.
Weiters sind da Dunkle Energie und Dunkle Materie, die 95 Prozent des Universums ausmachen. "Sie sind möglicherweise Daseinsformen, die mit Licht offenbar nicht in eine uns bekannte Wechselwirkung treten", sagt Rolf Heilmann, Professor für Physik und Photonik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften München, der 2013 ein Buch über Licht veröffentlicht hat. "Insofern ist das Licht, das wir kennen und nutzen, vielleicht nur eine Existenzform von etwas Unbekanntem, das wir in seiner Ganzheit noch erforschen müssen."
Obwohl noch so vieles über das Licht nicht verstanden ist, laufen moderne Kommunikationstechnologien auf Basis von Lichttechnologie. "Wir benutzen Bilder, die wir nicht bis ins Tiefste verstehen, und sind bei der Anwendung von Licht dennoch sehr erfolgreich", sagt Heilmann. So führt uns das Nachdenken an Licht über Grenzen dessen, was wir überhaupt verstehen können. Heilmann: "Licht erinnert uns daran, dass man nicht alles in der Welt verstehen kann."


Nota. - Unter Verstehen versteht er offenbar: als Wirkung einer Ursache erklären können. Einen Anfang kann es dann nicht geben, und etwas, das von Anfang an so ist, wie es ist, schon gar nicht. Es ist wahr, dass das unsere Vorstellungskraft überfordert. Die hat sich in Millionen Jahren in unserem Mesokosmos ausge- bildet, wo tatsächlich alles, was ist, auf Ursachen zurückführbar ist; oder doch, vorsichtiger gesagt, für jeden Zustand, der ist, ein Zustand nachweisbar ist, der vor ihm da war. Für das, was im Mikrokosmos vor- geht, ist unsere Vorstellungskraft ebensowenig ausgerüstet und eingerichtet, wie das, was im Makrokomos vorgeht; und schon gar nicht für den Urknall, wo die beiden eins waren und ein Mesokosmos noch gar nicht existierte.
JE 


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Mittwoch, 8. April 2015

Goldmachen: So Unrecht hatten die Alchimisten gar nicht.

aus scinexx

Kein Gold ohne Mikroben?
Cyanobakterien könnten Goldlagerstätten vor drei Milliarden Jahren gebildet haben

Bakterien als Goldsammler: Die ersten Sauerstoff-produzierenden Mikroorganismen könnten verantwortlich für die Entstehung der größten Goldlagerstätten in der Erdkruste sein. Vor drei Milliarden Jahren hat dieser Sauerstoff das damals noch reichlich gelöste Gold fixiert, meint ein deutscher Experte. Seine Theorie könnte die Lösung des Rätsels um die Goldvorkommen näher bringen. 

 
Überbleibsel von Bakterien: Kohleartige Lage aus Sedimentgesteinen mit Gold-Einschlüssen.

An Schmuck und anderen Stücken aus Gold erfreuen sich viele Menschen. Das Edelmetall ist aber auch wichtig für die Industrie und nicht zuletzt für die Finanzwelt. Seine Seltenheit macht das Gold jedoch genauso teuer wie begehrt. Warum Gold in der Erdkruste einerseits so selten ist, andererseits aber in großen und reichen Lagerstätten vorkommt, ist bislang rätselhaft. Unter anderem könnten sogar Erdbeben für die Entstehung solcher Goldvorkommen sorgen.

Wo viel Gold ist, sind auch Relikte von Bakterien

Hartwig Frimmel von der Universität Würzburg vertritt hingegen die Ansicht, Mikroorganismen hätten einst die großen Goldlager geschaffen: "Überall dort, wo es große Mengen Gold gibt, findet man auch lagenweise geschichtete kohleartige Substanzen, die biologischen Ursprungs sind", so Frimmel. "Wir haben Hinweise darauf, dass es sich dabei um Relikte von Cyanobakterien handelt."

Diese ursprünglichen Mikroben besiedelten die Küstenregionen der Erde schon vor drei Milliarden Jahren. Die Cyanobakterien waren die ersten Lebewesen, die Photosynthese betrieben und Sauerstoff ausatmeten. Die Erde war damals noch weitgehend lebensfeindlich: Der Regen hatte in etwa den Säuregrad von Essig. Im Oberflächenwasser war reichlich Schwefelwasserstoff vorhanden, welcher für die meisten heutigen Lebewesen hochgiftig ist.

Erster Sauerstoff als Gold-Falle

"Aber unter genau diesen Bedingungen ist die Löslichkeit von Gold in Wasser sehr hoch", erklärt Gold-Experte Frimmel. Die Flüsse und auch andere Gewässer müssen damals sehr reich an gelöstem Gold gewesen sein. Der Sauerstoff änderte dies jedoch: Traf das goldreiche Wasser auf die mattenartigen Kolonien von Cyanobakterien, wurde das Edelmetall vom Sauerstoff an der Oberfläche der Mikroben chemisch sofort festgehalten.

Vor drei Milliarden Jahren fand also eine Art "Gold-Mega-Event" statt, meint Frimmel: "Die chemischen Bedingungen waren damals perfekt, um Gold zu binden und Lagerstätten entstehen zu lassen." Im Lauf der Zeit seien auf diese Weise zum Beispiel die riesigen Goldvorkommen entstanden, wie etwa die weltweit größte Goldanreicherung in der Erdkruste in der südafrikanischen Region Witwatersrand. Dort lagerten einmal 100.000 Tonnen des begehrten Metalls. Mehr als die Hälfte davon ist bereits abgebaut. (doi: 10.1007/s00126-014-0574-8)

(Julius-Maximilians-Universität Würzburg, 08.04.2015 - AKR)


Nota. - Es ist keine zweihundert Jahre her, dass sich die Chemie zu einer Naturwissenschaft von derselben Exaktheit entwickelt hat wie die Physik. Noch zu Goethes Zeiten herrschten Vorstellungen, wie sie unter den goldmachenden Alchimisten des 17. und 18. Jahrhunderts verbreitet waren. Der eigentliche Durch- bruch war die Erkenntnis des grundlegenden Unterschieds zwischen organischer und anorganischer Chemie, und das geschah erst im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Bis dahin war die Vorstellung, im Innern des Berges wüchse Gold in Knollenform aus dem Gestein heraus, überhaupt nicht absurd. Wachs- tumsprozesse schienen ein allgemeines Merkmal natürlicher Prozesse zu sein.

Isaac Newton, der die Physik zu einer exakten Wissenschaft geformt hat, war von Beruf Chef der Londoner Münze. Ebenso viel Zeit und Energie, wie er auf die Physik verwendete, verbrachte er mit alchimistischen Experimenten. Denn von berufswegen war ihm die Möglichkeit des Goldmachens ein Stachel im Fleisch.
JE



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Dienstag, 7. April 2015

Reflektierender Roboter?

aus Der Standard, Wien, 30. 3. 2015

Laufroboter mit reflexivem Bewusstsein

Vor einem Jahr haben Wissenschafter der Universität Bielefeld dem Laufroboter Hector mit einer speziellen Software eine einfache Art von Bewusstsein verliehen. Die Programm-Erweiterung "reaCog" wird immer dann aktiv, wenn der Roboter nicht mehr weiter weiß. Diese Erweiterung befähigt den Roboter zum Probehandeln – er sucht zunächst neue Lösungen für das Problem und wägt dann ab, welche Handlung sinnvoll ist, statt automatisch eine festgelegte Handlung vorzunehmen. 

Die Möglichkeit zum Probehandeln ist zentrales Merkmal einer einfachen Form von Bewusstsein. Nun sind die Forscher in ihren Experimenten einen Schritt weiter gegangen: Sie haben eine Software-Architektur entwickelt, die Hector in die Lage versetzt, sich aus der Sicht von anderen zu sehen - ihm also die Fähigkeit zur Reflexion vermittelt. "Das Besondere ist, dass der Roboter durch unsere Software-Erweiterung nun Annahmen über psychische Zustände von anderen vornehmen kann. Er wird dann Absichten oder Erwartungen von Personen vermuten und dementsprechend handeln können", erklärt Malte Schilling von der Uni Bielefeld.


Nota. - Damit er Annahmen über die psychischen Zustände Anderer machen kann, wird man ihm die möglichen psychischen Zustände ins Programm schreiben müssen. Darauf kann er dann re agieren. Wo und wie bekommt er dabei aber sich selbst in den Blick? Dazu müsste er mindestens dieses Programm selbst erarbeitet haben, indem er die möglichen psychischen Zustände selber erlebt hätte: Dann könnte er etwas 'wieder erkennen' und womöglich 'sich' dahinter spüren. Ohne dies erkennt er nicht 'sich', sondern bloß - das Programm.
JE



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Montag, 6. April 2015

Von Talaren und Perücken.

aus Süddeutsche.de, 31. März 2015, 18:57 Uhr

Debatte um Heidegger-Lehrstuhl
Große Chance statt Skandal
Von "Skandal" bis "Austreibung des Geistes": In die Diskussion um die Umwidmung des sogenannten Heidegger-Lehrstuhls in Freiburg mischt sich ein erstaunliches Maß Empörungsbereitschaft und Parteilichkeit. Warum die Debatte falsch verläuft.

Von Markus Wild

In drei großen Tageszeitungen stand jüngst zu lesen, dass am Philosophischen Seminar der Universität Freiburg der Lehrstuhl 1 in Philosophie, derzeitig besetzt mit einer Professur mit Schwerpunkt in Neuzeit und Moderne, zu einer Juniorprofessur mit neuer Ausrichtung umgewidmet werden solle. Das ist an Universitäten schon vorgekommen. Danach würde auch kein Hahn krähen, wenn es sich nicht um den "Heidegger-Lehrstuhl" handelte, den Lehrstuhl, den Martin Heidegger von 1928 bis 1947 innehatte. Ah, Heidegger! Nun krähen die Hähne drei Mal "Verrat!". Was ist davon zu halten, dass man den "Heidegger-Lehrstuhl" umwidmet? Viele sagen, es sei ein schlimmes Zeichen für eine schlimme Tendenz in einer schlimmen Zeit. Ich kann mich dieser Auffassung nicht anschließen.

Lesen konnte man, dass der ehemalige Lehrstuhl des umstrittenen Denkers in eine Juniorprofessur für "Logik und sprachanalytische Philosophie" umgewandelt werde. Damit sei ein allzu deutlicher Schlussstrich beabsichtigt, weil die "Schwarzen Hefte" Heidegger noch stärker als bislang einer nationalsozialistischen und antisemitischen Weltanschauung überführt haben.

Die Universität wurde dafür kritisiert, sich von ihrer phänomenologischen Tradition abzuschneiden, was umso bedauerlicher sei, weil gerade heute die kritische Auseinandersetzung mit Heidegger dringlicher sei als je. Weiter befördere die Universität die fatale Tendenz, die "kontinentale" Philosophie zu Ungunsten der "analytischen" Philosophie zu verdrängen, die sich angeblich in Argumentationstechnik und Sprachanalyse erschöpfe. Damit betreibe man den Import einer fremden angelsächsischen Tradition, während die einheimische deutsche Tradition zusehends an Universitäten in den USA exportiert werde. Schließlich sei die Aufgabe eines Lehrstuhls zugunsten einer Juniorprofessur nur eine schlecht verdeckte Sparübung. Aufgrund solcher Berichte hat der Bonner Philosoph Markus Gabriel eine weltweite Online-Petition "Save Phenomenology and Hermeneutics in Freiburg" lanciert, um die von "Machenschaften" bedrohte Freiburger Tradition zu retten.

Mit der analytischen Philosophie wird eine fremde Tradition importiert? Im Gegenteil!

Mittlerweile hat die Universität Freiburg einige der Behauptungen richtig gestellt: Die Juniorprofessur wird nicht für "sprachanalytische Philosophie" ausgeschrieben, sondern für "Sprachphilosophie". Eine solche Ausschreibung ist offen und könnte auch von einer Spezialistin für Leibniz oder Phänomenologie besetzt werden. Weiterhin war gar nicht die Problematik der nationalsozialistischen "Verstrickung" Heideggers (so die halboffizielle, exkulpierende Sprachregelung) Anlass der Umwidmung. Man will also keinen Schlussstrich unter Heidegger ziehen oder auf kritische Auseinandersetzung verzichten. Auch verschwindet die Phänomenologie nicht aus Freiburg, das Husserl- und das Waldenfels-Archiv bleiben Orte phänomenologischer Forschung.

Der Lehrstuhl wird auch nicht zugunsten einer ephemeren Juniorprofessur aufgegeben, sondern eine gut ausgestattete Juniorprofessur mit Tenure-Track wird geschaffen, die später in eine Professur überführt werden soll. Dieser Umstand entzieht der Angst, die Universität könnte die Philosophie in Freiburg dauerhaft reduzieren, den Boden. Die Mitteilungen der Universität Freiburg zeigen, dass die Vorwürfe auf wackligen Beinen stehen. Die alarmistische Berichterstattung - "Ein Skandal" (SZ), "Austreibung des Geistes" (NZZ) - beruht auf einer schiefen Informationsgrundlage. Dennoch wird die Petition weltweit fleißig unterzeichnet. Der Diskussion scheint ein erstaunliches Maß Empörungsbereitschaft und Parteilichkeit beigemischt.



Nehmen wir dennoch an, die Universität Freiburg habe tatsächlich einen Schlussstrich unter den "Heidegger-Lehrstuhl" setzen wollen. Wäre dies verwerflich, unverständlich? Wie bereits Jürgen Kaube in der FAZ bemerkt hat, sollte man aufhören von Heideggers Lehrstuhl zu sprechen, denn dieser Lehrstuhl ist ebenso derjenige von Edmund Husserl. Husserl, nicht Heidegger, ist der Begründer der Phänomenologie. Weiterhin ist zu bedenken, dass der jetzige Inhaber des Lehrstuhls 1, Günter Figal, unlängst den Vorsitz der Martin-Heidegger-Gesellschaft niedergelegt hat, weil er nach den antisemitischen Auslassungen Heideggers in den "Schwarzen Heften" - die nicht allein die Person Heidegger, sondern eben auch Teile seiner Philosophie direkt betreffen - für eine Gesellschaft dieses Namens nicht mehr einstehen möchte. Ich verstehe die Entscheidung Figals. Doch aus demselben Grund darf man auch damit aufhören, den Lehrstuhl 1 Heidegger zu überlassen und mit der Bürde einer vermeintlichen Nachfolge zu belasten.

Drückt sich Freiburg um die Aufarbeitung Heideggers?

Selbst wenn es stimmen sollte, dass der Lehrstuhl zu Logik und sprachanalytischer Philosophie umgewidmet wird, würde damit die einheimische Tradition nicht aus den deutschsprachigen Universitäten verdrängt. Es hat an mehreren Instituten Neubesetzungen mit jungen Forschern und Forscherinnen gegeben, die über die Klassische Deutsche Philosophie von Kant bis Hegel und Heidegger arbeiten und auch Husserls Phänomenologie ist an deutschsprachigen Instituten durchaus präsent. Ich bestreite nicht, dass Lehre und Forschung in Sachen Phänomenologie und Hermeneutik in deutschsprachigen Universitäten im Rückgang befindlich sind. Eine völlige Verdrängung wäre zu bedauern, denn für die Philosophie vital ist eine Vielstimmigkeit methodischer Zugänge zu den großen und kleinen Fragen.

Allerdings darf man die Frage aufwerfen, ob sich Freiburg nicht um die historisch-kritische Aufarbeitung Heideggers drückt und eine lokale Tradition abschneidet. Wäre das nicht "nahezu dämlich" (Axel Honneth) und "beschränkt" (Rüdiger Safranski)? Nein, wenn es klug gemacht wird, ist die Entscheidung weder dämlich noch beschränkt, denn sie öffnet wissenschaftlich und institutionell Chancen. Um dies zu sehen, muss man etwas ausholen und einem verbreiteten historischen Missverständnis entgegentreten. Selbst wenn die Umwidmung sich auf die analytische Philosophie beschränkt hätte, würde dadurch keineswegs eine fremde Tradition importiert und eine historische Auseinandersetzung verhindert. Im Gegenteil!

Als Begründer der analytischen Philosophie werden in der Regel deutsche und englische Denker wie Gottlob Frege oder Bertrand Russell genannt. Aber wie ist die analytische Philosophie in die USA gekommen? Interessante Geschichte! Deutschsprachige Philosophen wie Carnap, Herbert Feigl, Otto Neurath oder Gustav Bergmann emigrierten in den 1930er Jahren in die USA - viele von ihnen waren jüdischer Herkunft - und institutionalisierten dort die analytische Philosophie an den großen Universitäten Harvard, Princeton oder Yale. Alle waren sie Logiker, Sprachphilosophen, Erkenntnis- und Wissenschaftstheoretiker, oftmals Mitglieder des "Wiener Kreises", freidenkende Geister, die in Mitteleuropa nicht mehr leben konnten.

Die Freiburger Umwidmung wäre also Teil der anhaltenden Rückkehr einer emigrierten Tradition. Anders als in der Germanistik, die der Exilliteratur früh ihre Aufmerksamkeit schenkte, gehört das Stichwort "Philosophie im Exil" nicht zu den gängigen. Was erst langsam in den Fokus der Forschung rückt, sind die diskursiven und institutionellen Beziehungen zwischen Neukantianismus, Husserls Phänomenologie, Ernst Cassirers Philosophie und dem Logischen Empirismus des Wiener Kreises in Mitteleuropa und im Exil. Auch Heidegger gehört in diesen Kontext, allerdings gehörte er zu jenen, die diese Beziehungen boykottiert haben, wie sein diffamierendes Gutachten aus dem Jahr 1933 im Fall Richard Hönigswald - dieser lenke den Blick ab vom Menschen in seiner geschichtlichen Verwurzelung und in seiner volkhaften Überlieferung, seiner Herkunft aus Blut und Boden - auf erschreckende Weise illustriert.

Gerade im Sinne einer vertieften historischen Auseinandersetzung mit der Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts erweist sich der Blick auf das Heidegger-Massiv - das der Meister mit der Planung seiner monumentalen Gesamtausgabe selbst errichtet hat - als Einschränkung. Wir dürfen und müssen das Panorama auch am Fuße des Schwarzwalds auf die erwähnten diskursiven und institutionellen Beziehungen öffnen. Genau das kann geschehen, wenn man in eine wohletablierte Forschungstradition eine neue Perspektive einführt und sich nicht auf die kritische Auseinandersetzung mit dem Werk und der Person Heideggers versteift.

Von der ganzen Umwidmungsdebatte zu unterschieden ist das Vorhaben, eine Professur auf Zeit in eine Juniorprofessur umzuwandeln. In dieser Diskussion sollte man nicht vergessen, dass die Umverteilung von Geldern in entfristbare Stellen für junge Forscherinnen und Forscher nichts Verwerfliches ist. Dem akademischen Mittelbau in Deutschland geht es nicht sonderlich gut, da die universitären Personalstrukturen ungünstig sind. Eine Möglichkeit der Förderung des akademischen Nachwuchses besteht darin, den Mittelbau abzuschaffen. Begabte junge Menschen sollten nicht über Jahre hinweg befristet beschäftigt werden, bevor sie überhaupt eine Chance auf eine Dauerstelle erhalten. Dazu braucht es eine Umverteilung der Gelder und die Einrichtung von unabhängigen Stellen mit Tenure-Option und Forschungsgruppen.

Im Moment ist es im Hinblick auf die Mittelumverteilung schwierig, in diese Richtung zu gehen, die amtierenden Lehrstuhlinhaberinnen und -inhaber wird man kaum dazu bringen, auf ihre befristeten Mittelbaustellen zugunsten von entfristbaren Tenure-Optionen zu verzichten. Dies ist nicht nur der Diskussion, sondern auch der Umsetzung wert - warum nicht auch bei einem Lehrstuhl mit großer, aber schwieriger Tradition? Nur müsste man dazu mit dem ganzen Lehrstuhlgetue aufhören.


Nota. - Verschiedene Verfasser haben sich in verschiedenen Blättern in dieser Sache in verschiedenem Sinn geäußert. Er wirft sie alle in einen Topf und hat natürlich über die so entstandene Olla potrida gut Nase rümpfen. Würde sich irgendwer sperren, dass etwas aus dem Ausland importiert wird, wenn es neu ist und was taugt? Ob es ursprünglich aus Wien gekommen ist, würde gar keine Rolle spielen. Aber an der 'analytischen' Wiederkäuerei ist nichts neu, doch wenn es wirklich von Carnap & Co. herkäme, könnte es immerhin was taugen. Aber man kann den Wiener Kreis (mich wundert, dass er ausgerechnet Wittgenstein unbelästigt lässt) nicht für diesen epigonalen Spülicht verantwortlich machen. 

Es geht nicht um diese oder jene Lehrmeinung oder "Schule" in specie. Es geht um einen Betrieb, im dem zweieinhalbtausend Jahre Denkgeschichte als ein Nebenfach, als continental philosophy  unter ferner liefen abgeheftet wird und wo sich jeder Jüngling einbilden kann, er dürfe, unvoreingenommen von belastenden Kenntnissen, mit dem Philosophieren ganz von vorn anfangen. Auch das würde die Philosophie überstehen, nehme ich wohl an; aber hier geht es um etwas anderes: Es geht darum, die Qualität der deutschen Universitäten qua Bologna auf die eines amerikanischen College zu reduzieren. Ach Harvard, Yale, von wegen! Damit die "Strukturen" massentauglich werden, muss zuerst das Studium massentauglich gemacht werden - so ist es gemeint. Dann würde die Philosophie im außerakademischen Bereich überleben müssen. (Das wäre vielleicht reizvoll, das muss man einräumen,) 

Wer würde nörgeln, wenn es darum ginge, mindestens jeden zweiten Schulabgänger zu einem Humboldt'schen Polyhistor zu bilden? Die Arbeitskräfte - auch die akademischen - werden ohnehin bald von Robotern ersetzt werden, da hätte die Gesellschaft genügend Muße, um sich das leisten zu können. Sie wollen aber den Arbeitsmarkt mit einer Masse angelernter Akademiker überschwemmen, die dann Taxi fahren müssen - denn qualifizierte Handarbeiter werden sie ja wohl nicht verdrängen können.
JE


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Sonntag, 5. April 2015

Am Anfang war der Tastsinn.

aus Die Presse, Wien, 5. 4. 2015

Die Welt ertasten
Unser ältester und feinster Sinn, jener für Berührung, läuft über Mechanismen, die erst allmählich aufgedeckt werden. Zentral ist ein Ionenkanal.

von Jürgen Langenbach

Sitzen Sie gerade auf einem buckligen Brett oder auf flaumigen Federn? Keine Sorge, es geht nicht um das Erschnüffeln Ihres Privaten, sondern um das Ertasten der Welt. Es geht darum: Wer härter sitzt, verhandelt auch härter, beim Kauf eines Automobils etwa. Und wer etwas Hartes in der Hand hält, tut das auch, Psychologe Joshua Ackerman (MIT) hat es gezeigt (Science 328, S.1712). So weit reicht die Macht des Sinnes, der uns als erster beim Erkunden der Umgebung hilft und mit dem das größte unserer Organe ausgestattet ist: Wenn wir erwachsen und 1,70 Meter groß sind, umschließen uns etwa 1,7 Quadratmeter Haut, gespickt mit Sensoren. Aber auch als wir erst 1,6 Zentimeter groß und ein Gramm schwer waren – in der achten Woche im Uterus –, wandten wir das Gesicht ab, wenn es eine unangenehme Berührung spürte.

So früh entwickelt sich kein anderer Sinn. Mit 14 Wochen ist die Haut am ganzen Körper berührungs-, nach 26 Wochen auch schmerzempfindlich: Der Tastsinn ist weitverzweigt und hochdifferenziert, Prurirezeptoren melden juckende Reize, Nozizeptoren schmerzhafte, Thermorezeptoren achten auf heiß und kalt, „low threshold mechanoreceptors“ auf leichte Berührungen – sowohl auf jene, die wir passiv spüren (taktil), als auch jene, mit denen wir aktiv tasten (haptisch). Dabei spielen Nervenenden mit, die in Zellen eingebettet sind, in Meissner-Korpuskeln etwa. Bei uns und anderen Säugetieren sind auch Merkelzellen zentral.

Diese haben nichts mit politischem Fingerspitzengefühl zu tun, sondern sind nach dem Göttinger Anatomen Friedrich Merkel benannt. Er entdeckte sie 1875 in der äußersten Schicht der Haut, der Epidermis, und nannte sie Tastzellen – kurz darauf erhielten sie seinen Namen. Aber was genau ertasten sie, und wie tun sie es? Sie fühlen alles, was Feingefühl braucht – ein Gestreicheltwerden ebenso wie einen Lichtschalter im Dunkeln. Ellen Lumpkin (Columbia University) zeigte es 2009 an Mäusen, deren Merkelzellen sie gentechnisch ausgeschaltet hatte. Wie fühlen sie so fein? Ardem Patapoutian (Scripps) ist den molekularen Details nachgegangen: Zentral für die Wahrnehmung und Übertragung ist ein Ionenkanal, Piezo2 (Nature 516, S.121).

Auch dieser Versuch lief an Mäusen, aber der Ionenkanal ist nicht nur in ihren Zellen aktiv, sondern auch in jenen von Tieren, die selten in Labors quaken: Enten. Mit ihnen experimentiert Elena Grachova (Yale), um Sensoren zu isolieren, die wirklich nur mit Ertasten zu tun haben und zudem nicht mit anderen Sinnen verbunden sind. Beides ist schwer zu trennen: Man sieht oft auch, wonach man tastet, und in unseren Fingerspitzen sind neben Mechanorezeptoren eben viele andere Sensoren, jene für Temperatur etwa. Enten sehen nichts, wenn sie im Schlamm grundeln, auch dessen Wärme oder Kälte interessiert sie nicht. Sie sind bei jeder Temperatur nur hinter einem her: Futter. Deshalb ist der Entenschnabel dicht gepackt mit Mechanosensoren – Pendants zu Merkelzellen, sie heißen Grandry-Korpuskeln –, auch sie laufen über Piezo2. Nicht eine dieser Zellen findet man bei Vögeln, die mit dem Auge jagen, Hühnern etwa. Auch keine haben Wasservögel, die nicht haptisch jagen, wie Blässhühner (Pnas, 111, S.14941).

Berührendes Sozialleben. 

Beim Jagen wird der Tastsinn eher selten eingesetzt– manche Schlangen sowie Sternmulle und Maulwürfe mit extrem ausgebildeten Nasen nutzen ihn. Für das Sozialleben ist er zentral: An mangelnder Berührung kann man stärker leiden als an mangelndem Futter, das zeigte Harry Harlow in den 1950er-Jahren an jungen Rhesus-Äffchen. Er trennte sie von ihren Müttern und bot ihnen als Ersatz Rohre aus Drahtgeflecht mit Babyflaschen. Sie gab es in zwei Varianten, die einen waren nackter Draht, die anderen mit Frottee überzogen, beide waren im Käfig. Aber einmal hatte die Frotteemutter Futter, jene aus Blech nicht, das andere Mal war es umgekehrt – die Kleinen hatten die Wahl. Sie fiel immer auf Frottee, auch wenn es dort nichts gab, die Zwangswaisen brauchten beruhigende Berührung, selbst die eines simplen Surrogats (Science 130, S.421).

Solche Versuche gingen heute nicht mehr durch – auf Fotos in der Publikation sieht man den Äffchen die Verzweiflung an –, dafür laufen ganz andere, freiwillige: Harlow wurde nicht nur für das Design des Experiments kritisiert, sondern auch dafür, dass er den Befund eins zu eins auf Menschen umlegte. Bei diesem spielt aber die Kultur stark mit hinein: Als Sidney Jourard Paare in Kaffeehäusern in San Juan, Puerto Rico und in London beobachtete, berührten einander jene in San Juan innerhalb einer Stunde im Durchschnitt 180 Mal. Jene in London taten es überhaupt nicht. Dabei bewirken Berührungen viel, selbst zwischen Wildfremden: Wenn Bedienungen beim Servieren ihre Gäste streifen, fällt das Trinkgeld höher aus. Als Bibliothekare experimenthalber beim Überreichen der Leihkarte die Hand der Klienten berührten – so leicht, dass die es gar nicht realisierten –, bewerteten die Klienten die Bibliotheken höher.

Aber wer geht noch Essen, gar in die Bibliothek? Ein SMS an den Pizzaboten genügt, und im Netz braucht man auch nur noch einen Finger – plus Maus. Das formt ganz neue Menschen, jene der „Touch Generation“. Diese erinnert den Neuropsychologen Jude Nicholas (Bergen) an Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle: Gott haucht Adam mit der Fingerspitze Leben ein! (Faghæfte Nr. 12). Die Assoziation kommt daher, dass Nicholas Hörsehbehinderte betreut. Ihre Welt wird mit allem Ertastbaren weiter: Vielleicht gibt es bald Handys mit der Gebärdensprache Hörsehbehinderter, sie läuft über Fingerberührungen. Für andere ist eher das Gegenteil von Erfahrungserweiterung zu fürchten. Alberto Galland (Mailand) formuliert es so (Bioscience and Biobehavioral Reviews 34, S.246): „Unglücklicherweise fehlen den Interaktionen auf große Distanz (wie am Telefon oder im Internet) die taktilen Komponenten der Kommunikation völlig. Kein Mausklick kann den Fleisch-zu-Fleisch-Kontakt ersetzen.“




Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog.

Samstag, 4. April 2015

Und wieder: Bewusstsein.



aus Tagesspiegel.de, 3. 4. 2015, 7:15 Uhr

Körper und Seele
Wie der Geist entsteht
Das Geheimnis des Bewusstseins gilt vielen als das größte Rätsel überhaupt - als äußerste Grenze menschlichen Strebens nach Erkenntnis. Hirnforscher, Psychologen und Philosophen versuchen trotzdem, sich ihm zu nähern.

von 

Fledermäuse beginnen in der Dämmerung ihren Flatterflug. Und Sie sind dabei. Sie sind eine Fledermaus. Sie steigen in den Himmel auf und kreisen über den Häusern, um ihre Beute zu orten. Nein, Sie sind nicht Batman. Sie sind eine echte Fledermaus. Sie haben ein Fledertier-Bewusstsein und ein Bio-Echolot, mit dem Sie Ihre Beute orten, Fliegen und andere Insekten, die durch die Abendluft treiben. Die Nacht werden Sie in Ihrem Versteck verbringen, kopfüber von der Gemäuerdecke hinabhängend.

Natürlich werden wir Menschen uns niemals wirklich in eine Fledermaus hineinversetzen können. Aber ein reizvolles Gedankenexperiment ist es trotzdem.

Es stammt von dem amerikanischen Philosophen Thomas Nagel. 1974 veröffentlichte er den Aufsatz „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“. Der Essay sollte die aufstrebende Gilde der Hirnforscher provozieren. Schickte die sich doch an, seelische Prozesse mit den Mitteln der Naturwissenschaft aufzuklären. Dabei machten sie sich sogar daran, dem Bewusstsein selbst sein Geheimnis zu entreißen.



Ein vermessenes Unterfangen, wie Nagel meinte. Sein zentraler Gedanke: Jedes subjektive Phänomen, wie das Bewusstsein einer Fledermaus, ist mit einem einzigartigen Blickwinkel verknüpft. Es wäre unausweichlich, dass eine objektive physikalische Theorie diese wichtige Eigenschaft des Bewusstseins preisgeben würde. Damit würde das Wesentliche verloren gehen. Bewusstsein in diesem Sinn kann die Wissenschaft nicht verstehen, argumentierte Nagel. Genauso wenig, wie wir Menschen uns in Fledermäuse hineinversetzen können.

"Für jeden von uns ist Bewusstsein das Leben selbst"

Mehr als vier Jahrzehnte später hat Nagels Kritik weiterhin Gewicht. Noch immer debattieren Hirnforscher mit Philosophen, ob und wie objektive Methoden subjektive Erfahrungen widerspiegeln und erklären können. Und trotz mancher Fortschritte haben Neurowissenschaft und Psychologie das Rätsel des Bewusstseins noch immer nicht gelöst. Für manche ist es die größte aller Fragen. Das Problem des Bewusstseins verkörpere, zusammen mit der Frage nach der Entstehung des Universums, „die äußerste Grenze des menschlichen Strebens nach Erkenntnis“, schreibt der Mainzer Philosoph Thomas Metzinger. Vielen erscheine es deshalb „als das letzte große Rätsel überhaupt“. Es berührt den Kern der menschlichen Existenz. „Für jeden von uns ist Bewusstsein das Leben selbst“, schreibt der Psychologe Steven Pinker. Es ist der Grund, warum das Leben lebenswert ist. Seine Essenz.

Die Probleme fangen schon bei der Frage an, was genau mit „Bewusstsein“ gemeint ist. Denn das Phänomen ist vielschichtig, der Begriff entzieht sich einer einfachen Definition. Umso erfreuter war die Gemeinde der Geist-Erforscher, als der Philosoph David Chalmers vor 20 Jahren etwas begriffliche Klarheit schuf. „Einfache Probleme“ drehen sich für Chalmers zum Beispiel darum, wie sich bewusste von unbewussten Hirnprozessen unterscheiden. Das „schwierige Problem“ ist dagegen eine echt harte Nuss: Wie entsteht aus Prozessen im Gehirn subjektive Wahrnehmung? Es geht nicht nur darum, die Farbe „Grün“ zu sehen (ein „einfaches Problem“), sondern um ihre Qualität, die Erfahrung des „Grünen“, wie der Psychologe Pinker das „schwierige Problem“ illustriert.

Eine grundsätzliche Frage lautet: Ist Bewusstsein an materielle Prozesse im Gehirn geknüpft? Oder gibt es eine Seele, die unabhängig von Nervenzellen agiert? Der berühmteste Vertreter dieser Annahme war der französische Philosoph René Descartes (1596 –1650). Er verkündete eine strikte Trennung von Geist und Körper, den Dualismus. Descartes’ Position hat zumindest in der Naturwissenschaft nur noch wenige Freunde. „In der Hirnforschung ist der Dualismus vollkommen out“, sagt John-Dylan Haynes, Leiter des Bernstein Center for Computational Neuroscience in Berlin.

Über den "Sitz" des Bewusstseins herrscht Einigkeit

Das Bewusstsein ist also ein Produkt des Gehirns, es entsteht und vergeht mit ihm. Was für Neurowissenschaftler eine weithin akzeptierte Tatsache und fast eine Binsenweisheit ist, wird manchem einen Schrecken einjagen. „Tut mir leid, aber Ihre Seele ist gerade gestorben“, lautet der sarkastische Titel eines Essays des Schriftstellers Tom Wolfe über die Fortschritte der Neurobiologie.

Wo „sitzt“ das Bewusstsein? Auch darüber herrscht unter Forschern weitgehend Einigkeit. Es wird in bestimmten Gebieten der Großhirnrinde vermutet. In dieser nur wenige Millimeter dicken und stammesgeschichtlich jungen „Deckschicht“ des Gehirns, wissenschaftlich als Cortex bezeichnet, ballen sich etwa 15 Milliarden Nervenzellen.

Kann eine Maschine ein Bewusstsein haben?

Man nimmt an, dass bewusstes Erleben in assoziativen Gebieten der Hirnrinde erzeugt wird. Sie liegen im Bereich des Stirnhirns und im vorderen Teil des Schläfenlappens. Assoziativ heißt, dass diese Areale nicht vorrangig mit dem Verarbeiten etwa von Signalen aus den Sinnesorganen betraut sind oder Nachrichten an die Muskulatur senden, sondern Informationen aus anderen Hirnzentren sammeln und zusammenfügen.

Ein unfassbar kompliziertes Netzwerk

Das bedeutet, dass Regionen unterhalb der Hirnrinde zwar „Informationen“ an die Bewusstseinszentren liefern können, aber selbst nicht zum Bewusstsein fähig sind. „Erst die genügend starke Aktivierung von assoziativen Cortexarealen führt zum bewussten Erleben“, schreibt Gerhard Roth, Hirnforscher und Buchautor („Wie das Gehirn die Seele macht“).

Nervenzellen, Neuronen, kommunizieren, indem sie „feuern“. Sie nehmen über ihre Fortsätze elektrisch übertragene Signale an oder leiten sie weiter. Mit seinen Billionen von Nervenzellkontakten ist die Hirnrinde ein unfassbar kompliziertes Netzwerk , in dem Informationen verarbeitet und gespeichert werden. Irgendwo in diesem Prozess von „feuernden“ Neuronen entsteht Bewusstsein.

Das wirft die Frage auf, ob Bewusstsein an das Gehirn als „natürlich entstandenes Informationsverarbeitungssystem“ (so der Philosoph Metzinger) gebunden ist. Ist es möglich, Bewusstsein nicht nur in einem „Computer aus Fleisch“, sondern in einem aus Kunststoff und Halbleitern zu erzeugen? Christof Koch, einer der profiliertesten Hirnforscher, bejaht diese Frage. Zumindest im Prinzip. Der Amerikaner, der das Allen-Institut für Hirnforschung in Seattle leitet, belebt damit den Panpsychismus wieder. Das ist jene romantische Vorstellung, nach der das ganze Universum beseelt ist. Ganz so umfassend ist Kochs Version der All-Seele jedoch nicht. Er vertritt die Ansicht, dass Bewusstsein eine grundlegende Eigenschaft komplexer Systeme ist.

Eine Voraussetzung: integrierte Information

Koch bezieht sich auf eine Theorie des Psychiaters Giulio Tononi von der Universität Wisconsin-Madison. Tononi behauptet, dass bewusste Erfahrung ein fundamentaler Aspekt der Realität ist und gleichbedeutend mit einem bestimmten Typ von Information, den er „integrierte Information“ nennt. Sie ist hochgradig verknüpft und organisiert. Sie lässt sich laut Tononi berechnen und mit einem Zahlenwert namens „Phi“ versehen. Sogar einen „Bewusstseins-Meter“ hat Tononi konstruiert. Um ein „Phi“ größer als null zu besitzen, muss ein Gegenstand ein „integriertes System“ sein. Er muss also zum Beispiel viele Nervenzellen und Synapsen, Nervenzell-Kontakte, besitzen. Das trifft für Mensch und Tier zu, aber nicht für einen Sandhaufen eine Galaxie oder ein Schwarzes Loch. „Diese Objekte sind nicht integriert“, schreibt Koch im Magazin „Scientific American Mind“. „Sie haben kein Bewusstsein und keine mentalen Eigenschaften.“

Wie sieht es mit Computern, einem Smartphone oder gar dem Internet aus? Die Zahl seiner Schalter (in Form von Transistoren) entspricht derjenigen der „Schalter“ im Gehirn von 10 000 Menschen, in Form von Synapsen. Gibt es bewusste Maschinen? Prinzipiell ist das vorstellbar, argumentiert Koch. Allerdings sei die Annahme, das Internet habe so etwas wie Selbstbewusstsein, momentan „völlig spekulativ“.

Bewusstsein kann man nicht auf Prozesse in der Hirnrinde reduzieren

Während Koch glaubt, dass Tononis Theorie „einen gigantischen Schritt in Richtung einer endgültigen Lösung des Körper-Seele-Problems“ darstellt, sind manche seiner Kollegen weniger überzeugt. „Der Begriff ,Information‘ erklärt nichts“, kontert der Hirnforscher Roth. Er hebt die Bedeutung der Evolution hervor. Aus seiner Sicht ist das Bewusstsein von Vorteil, um als „neu“ und „wichtig“ erkannte Aufgaben zu meistern.

Mentale Felder schaffen eine virtuelle Gesamtwelt

Denn es schaffen nur sehr wenige der im Gehirn eintreffenden oder erzeugten Informationen, ins Bewusstsein „vorgelassen“ zu werden. Den routinemäßigen Weg zur Arbeit beherrscht der Pendler wie im Schlaf und meistert ihn beinahe unbewusst. Raubt ihm aber ein anderer Autofahrer die Vorfahrt, ist er plötzlich aufmerksam und konzentriert.

Obwohl Bewusstsein ein Produkt kommunizierender Nervenzellen ist, ist es nicht mit dieser Aktivität identisch, argumentiert Roth. Synchron feuernde Neuronen erzeugen in der Hirnrinde elektromagnetische Felder und diese wiederum „mentale“ Felder. Geist und Bewusstsein lassen sich „als ein immaterielles System verstehen, das aus ,mentalen Feldern‘ aufgebaut ist“. Sie erschaffen eine virtuelle Gesamtwelt, die aus der Wahrnehmung der Umwelt, unseres Körpers und des Geistes besteht, vermutet Roth.

Elektromagnetische Felder in der Hirnrinde sind zwar erforderlich, um Bewusstsein zu erzeugen, dieses geht aber über sie hinaus. Roth spricht von „Emergenz“, also dem Herausbilden neuartiger Eigenschaften. Bewusstsein ist ein Produkt des Gehirns. Aber es ist nicht auf Prozesse in der Hirnrinde reduzierbar, auch wenn es von diesen hervorgebracht wird. Daraus folgt für Roth, dass der Geist zumindest teilweise autonom ist.

Wie ein Schreibtisch, auf dem sich die Akten stapeln

Woraus Bewusstsein besteht, diese Frage sei vielleicht niemals befriedigend zu beantworten. „Das ist keine Besonderheit des Geist-Gehirn-Problems“, sagt Roth. „Ein Physiker ,versteht‘ auch nicht, was Quanten sind.“ Es komme auf die präzise Beschreibung an. „Die Suche nach dem Wesen des Geistes haben die Naturwissenschaften sich abgewöhnt, darin besteht ihr Vorteil.“ Auch John-Dylan Haynes kann gut damit leben, dass die Hirnforschung keine letzten Wahrheiten erlangen kann. Diesseits von ihnen gebe es eine Menge Fragen, die die Wissenschaft aufklären könne. Etwa die, wann Bewusstsein auftrete – ein Problem, das Haynes im Labor untersucht.

Unter den vielen Theorien, die das Bewusstsein und seine Entstehung zu erklären versuchen, hat sich bislang keine als allgemeingültig erwiesen. Den größten Einfluss hat seit einigen Jahren das Modell der „globalen Arbeitsfläche“ (global workspace). Es geht auf den Psychologen Bernard Baars zurück. Nach dieser Theorie ähnelt das Bewusstsein einem Schreibtisch, auf dem sich Akten stapeln. Nur jeweils eine von ihnen ist aufgeklappt, steht damit im Zentrum des Interesses und ist „bewusst“.

Das Modell der „globalen Arbeitsfläche“ ist mit einem Theater verglichen worden: Auf der Bühne des Bewusstseins werden jene Schauspieler in gleißendes Licht getaucht, die gerade unsere Aufmerksamkeit fesseln. Im Hintergrund stehen Regisseur, Autor, Bühnenbildner parat – also jene Teile des Gehirns, ohne die das Theaterstück namens Bewusstsein nicht möglich wäre. Und das Publikum? Ist bewusstlos.


Nota. - Eine gute Zusammenfassung. Im Detail immerhin diese Neuigkeit: Gerhard Roth, der seinerzeit das berüchtigte Manifest der Hirnforscher mitverfasst hat, ist vom Saulus zum Paulus geworden! Was mag Wolf Singer dazu sagen? Ich trau mich gar nicht nachzugugeln...
JE



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