Sonntag, 13. November 2016

Die schlechteste aller möglichen Welten.

Goya, aus Desastres de la guerra
aus nzz.ch, 12.11.2016, 05:30 Uhr 

Leibniz und Schopenhauer
Die schlechteste aller möglichen Welten?
Arthur Schopenhauer, der Pessimist, hat Leibniz des «ruchlosen Optimismus» geziehen – und zu zeigen versucht, dass unsere Welt die schlechteste aller möglichen sei 

von Uwe Justus Wenzel 

Ein griesgrämiger Arthur Schopenhauer war es, der Leibniz das garstige Adjektiv «ruchlos» anheftete. Nicht eigentlich Leibniz, aber doch dessen Denkungsart, dem «Optimismus». Diesen Ausdruck hinwiederum hatten, nicht ganz zweihundert Jahre vor Schopenhauer, jesuitische Kritiker geprägt und auf die Leibnizsche «Theodizee» gemünzt, um über des Philosophen Versuch zu spotten, die Güte Gottes angesichts der Übel der Welt mit mathematischer Genauigkeit – Stichwort «Optimum» – zu demonstrieren.

Dass die Welt, in der wir leben, die beste aller möglichen sein solle, erschien Schopenhauer als «schreiende Absurdität». Wer sich Schmerz und Leid auf dem Erdenrund vor Augen führe, der werde, sofern er nicht heuchle, «schwerlich disponiert sein, Hallelujas anzustimmen». – Dem wird man beipflichten können, aber auch eine Unterscheidung entgegenhalten dürfen, die ein Schüler Schopenhauers, der Sprachphilosoph Fritz Mauthner, trifft: Man müsse genau unterscheiden «zwischen der verzweifelten Theologenfrage, ob diese unsere Erdenwelt mitsamt ihrer ganzen Infamie wirklich immerhin noch die beste aller möglichen Welten sei», einerseits – und andererseits «der Temperaments- oder Stimmungsfrage», ob man sich in dieser Welt «wohl fühle oder nicht».


Ein Gegenbeweis

Ob Schopenhauer sich unwohler gefühlt haben mag als Leibniz, wird sich kaum ermitteln lassen. Aber es ging ihm ohnehin doch nicht nur um die Stimmungsfrage, sondern auch um jene Theologenfrage, die ebenso sehr und mehr noch eine Philosophenfrage genannt zu werden verdient (und kein Ausdruck der Verzweiflung sein muss). Schopenhauer skizzierte, nicht ohne Sarkasmus, sogar eine Art Gegenbeweis zu Leibnizens Gedanken von der besten aller möglichen Welten: «Möglich» sei nur, «was wirklich existieren und bestehen kann». Die existierende Welt sei nun augenscheinlich so eingerichtet, «wie sie sein musste, um mit knapper Not bestehen zu können». Wäre sie jedoch «noch ein wenig schlechter, so könnte sie schon nicht mehr bestehen». Folglich sei eine schlechtere als die real existierende Welt gar nicht möglich, «sie selbst also unter den möglichen die schlechteste».

Schopenhauer lenkt den Blick auf die Planetenbahnen und andere Betriebsbedingungen des Kosmos, aber auch auf die unter der Erdrinde brodelnden zerstörerischen Naturkräfte, um zu illustrieren, was «mit knapper Not bestehen» bedeute. Heute könnten Atom- und Astrophysiker, die über Naturkonstanten und deren «Feinabstimmung» diskutieren, ihm argumentativ unter die Arme greifen und zeigen, dass das Weltall seine Stabilität verlöre, sobald auch nur ein wenig an den kosmischen «Stellschrauben» gedreht würde.


Was sie aber gewiss nicht tun werden, ist, den – wenn nicht ruchlosen, so doch plumpen – Taschenspieler- trick zu übersehen, den Schopenhauer versucht. Er setzt «schlechter», wo mit Fug und Recht nur «anders» stehen dürfte. Gedeckt wäre, anders gesagt, allenfalls der Satz: «Wäre die Welt nur ein wenig anders, so könnte sie schon nicht mehr bestehen.»


Doch Schopenhauers Denken wird von einer alles bestimmenden, ebenso metaphysischen wie moralischen Prämisse regiert. Sie lautet: «Die Welt ist etwas, was nicht sein soll.» Sie ist also sowieso schlicht schlecht – und dies deswegen, weil ihr Prinzip ein grund- und zielloser, blinder «Wille zum Leben» ist, der in summa mehr Leid als Glück hervorbringt.


Wie findet Gott das Beste?

Ferner von Leibniz, für den die existierende Welt selbst dann noch die beste aller möglichen wäre, wenn sie tatsächlich mehr Leid als Glück hervorbrächte, kann man sich denkend kaum bewegen. Ausser Frage stand für ihn, dass die Welt nicht grundlos existiere und dass der letzte Grund ihrer Existenz ein in jeder Hinsicht vollkommener Gott sei. Dass ein solcher Gott, salopp gesagt, nur das Beste will, ist selbstverständlich. Nicht aber, wie er herausfindet, was das Beste sei. Ebendieses Wie hat Leibniz zu imaginieren versucht: Vor der Erschaffung der Welt spielt Gott in seinem unendlichen Verstand alle möglichen Welten und Weltläufe durch; alles in diesen Welten hängt mit allem zusammen, so dass die kleinste Änderung eine andere Welt mit anderem Verlauf ergibt. Diejenige mögliche Welt, in der alle beteiligten Wesen, Dinge und Ereignisse am besten aufeinander abgestimmt sind, erschafft Gott schliesslich. – Das ist der ingeniös einfache Grundgedanke, dessen Entfaltung freilich alles andere als einfach ist, auch weil die Freiheit der Menschen dabei nicht verloren gehen soll.


Leicht zu geben ist indes die Antwort auf die bohrende Frage, warum Gott nicht eine vollkommene Welt erzeugt hat, in der kein Übel, keine Unvollkommenheit seinem Ruf schaden kann: Hätte er etwas Vollkommenes schaffen wollen, dann hätte er sich selbst erschaffen, sich sozusagen verdoppeln müssen.


Nota. - Wenn Gott er selbst ist, dann ist er causa sui - und hat sich selbst erschaffen. Die Frage, warum er es dabei nicht hat bewenden lassen; warum er aus sich heraus und über sich hinaus gehen und zum Gegen- stand (der 'Welt') hat verendlichen müssen oder auch bloß wollen - ist eine theologische ja gerade nicht, denn der Ratschluss Gottes ist unerforschlich; sofern man ihn, wie die Theologen tun, einmal als seiend voraussetzt. 

Letzteres aber können die Philosophen nicht, für sie ist die Frage nach der Güte Gottes zugleich die nach seiner Existenz; denn die eine ist nicht glaubbar ohne die andere: Leibniz will die Güte Gottes nachweisen, um nicht an seiner Existenz zweifeln zu müssen. Letzteres kommt für ihn aber nicht in Betracht; daraus folgt, dass auch Gottes Güte nicht bezweifelt werden darf. Darauf beruht die offenkundige Künstlichkeit seiner Theodizee; und auch die gewundene Prosa des sonst so scharfsinnigen Herrn Wenzel.
JE


Samstag, 12. November 2016

Leibniz: Rationalismus und blühende Phantasie.

aus nzz.ch, 12.11.2016, 05:30 Uhr                                                                                               Monsù Desiderio

Leibniz und die möglichen Welten der Literatur
Die blühende Phantasie des Rationalismus
Leibniz wird zwar gemeinhin dem philosophischen Rationalismus zugeschlagen, aber seine Vernunftkünste wären ohne – schweifende – Phantasie nicht, was sie sind.

von Karl-Heint Ott

Der Name Leibniz steht für alles andere als Literatur. Wenn man anlässlich seines dreihundertsten Todestags des Gelehrten wissenschaftliche Leistungen Revue passieren lässt, dürften Kunst und Dichtung die geringste Rolle spielen. In der Literatur taucht Leibniz fast nur bei Voltaire auf, dessen «Candide» ein einziger Spottgesang auf Leibniz' Theorie von der besten aller möglichen Welten ist. Wer wie Leibniz behauptet, wir lebten in der besten aller möglichen Welten, muss unweigerlich Kopfschütteln hervorrufen. Voltaire konnte sich des allgemeinen Beifalls sicher sein, als er angesichts des vielen Unglücks seinen Candide stöhnen lässt: «Wenn das hier die beste aller möglichen Welt ist, wie müssen dann erst die anderen sein?»

Musik ohne Dissonanzen?

Ob Voltaire begriffen hat oder überhaupt begreifen wollte, was Leibniz damit wirklich meint, steht dahin. Immerhin wird jener moralische Hohn, wie Voltaire ihn zelebriert, in Leibniz' «Theodizee» bereits ausführlich auf sein Fundament hin überprüft, das einzig und allein in der Überzeugung besteht, dass es nichts Grösseres und Wichtigeres gibt als unseren menschlichen Blickwinkel. Leibniz dagegen geht davon aus, dass noch lange nicht schlecht fürs Ganze sein muss, was uns selbst als schlecht erscheint.

Zwar können wir unsere egozentrische Perspektive nicht überwinden und das Leben auch nicht von aussen betrachten, doch in Leibniz' Augen sollten wir wenigstens versuchen, den Blick aufs Allumfassende zu lenken und die eigennützigen Interessen probeweise auszublenden. Dass Welten vorstellbar sind, in denen es kein Unglück gibt, steht auch für Leibniz ausser Frage, nur bezweifelt er, dass sie tatsächlich besser wären.


Wie etwa eine Musik klingen würde, die keine Dissonanzen kennt, führt uns Grillparzer mit seinem «Armen Spielmann» vor, der auf seiner Geige nur Schönes hervorbringen will und deshalb alle Noten weglässt, die normalerweise als Zwischen- und Übergangstöne die Harmonie beleben. Was dabei herauskommt, ist die schlimmste Katzenmusik, weshalb seine Auftritte zur Hölle werden, wie es bei Grillparzer heisst. Wenn Leibniz erklärt, dass Kunstwerke von der Einheit des Diversen leben, gilt das nicht nur für Kompositionen, Gemälde und Romane, sondern fürs ganze Leben und die Welt überhaupt.

Leibniz' Beobachtung, dass kein einziges Blatt, kein einziger Mensch, keine einzige Wolke identisch mit einem oder einer andern ist, führt ihn zu der Annahme, dass in keiner möglichen anderen Welt eine derart grosse Vielfalt denkbar ist. Vielfalt belebt das Zusammenspiel der Kräfte, sorgt aber auch dafür, dass es nicht ohne Reibungen und Konflikte abgeht. Die schlechtere Alternative bestünde für Leibniz in einer Ordnung, die nichts Ungleiches zulässt und in toter Harmonie versinkt. Moralisch gesehen, mag eine solche Ordnung zwar gerechter sein, unter architektonischen und ästhetischen Gesichtspunkten ist sie nicht vorzuziehen.

Da die Dinge in einer facettenreichen Welt kompliziert sind, weigert sich Leibniz, das Gute und Wahre als schlichtes Gegenteil des Bösen und Falschen zu sehen. Obwohl er eine der ersten Rechenmaschinen entwickelt hat und bis heute als bedeutender Mathematiker gilt, reduziert sich für ihn, was man Wahrheit nennt, mitnichten auf Dinge, deren Richtigkeit sich rechnerisch feststellen lässt. Descartes, für den es nur Wahr und Falsch gibt, hält er entgegen, dass unser Wahrnehmen und Denken aus allerlei Abstufungen besteht und wir unentwegt zwischen klaren, vagen und wirren Erkenntnissen schwanken, gar nicht zu reden davon, dass es uns nie vergönnt ist, das grosse Ganze in den Blick zu bekommen.

Auch Vernunft und Phantasie, Logisches und Intuitives sind für Leibniz keine Gegensätze, sondern Aggregatzustände, die aus immerwährenden Übergängen bestehen. Anders als so manche Philosophen, die seit Platons Zeiten ein skeptisches Verhältnis gegenüber den Schimären der Dichtung pflegen, rühmt Leibniz die Literatur für ihre Fähigkeit, der Phantasie freien Lauf zu lassen. Im Fiktiven, argumentiert er, spielen wir Varianten des Möglichen durch und bereichern dadurch die Wirklichkeit.

Eine Erzählung am Ende

Am Ende seiner «Theodizee» verlässt er das Feld der trockenen Argumentation und sucht Zuflucht bei einer Erzählung, um seine Theorie von der besten aller möglichen Welten zu veranschaulichen. Er greift auf einen Dialog des Humanisten Lorenzo Valla zurück, in dem es um die Frage geht, wie unser Leben durch Gottes Vorsehung vorherbestimmt sein kann, obwohl der Mensch doch einen freien Willen besitzt. Judas gibt dafür das beste Beispiel ab: Er muss zum Verräter werden, um die Erlösungsgeschichte voranzutreiben, für seine Tat jedoch büssen, als habe er sie aus freien Stücken begangen.

Ein weiteres Exempel liefern Lorenzo Vallas Dialoge in Gestalt des Sextus Tarquinius, der vor seiner Vergewaltigung der Lucretia vom delphischen Orakel geweissagt bekam, dass er verbannt und getötet werde. Es widerfährt ihm das Gleiche wie Ödipus, der den Voraussagen des Orakels mit allen Mitteln zu entgehen sucht, gerade dadurch aber ins Verderben rennt.

Leibniz spinnt die Geschichte des Sextus noch durch eine eigene Phantasie fort und lässt ihn in eine Pyramide geraten, wo in zahllosen Räumen all das, was wirklich geschieht, aber auch das, was lediglich vorstellbar ist, wie auf einer Bühne durchgespielt wird. Sextus schaut sich alle seine möglichen Leben an und liest in ausliegenden Büchern, wie jede Kleinigkeit sich in seinen verschiedenen Leben zutragen würde. Am Ende gelangt er zur Spitze der Pyramide, wo sein tatsächliches Leben aufgeführt wird. Er muss, obwohl es Schreckliches enthält, erkennen, dass es das bestmögliche ist, und sei es deshalb, weil Rom wegen seiner Untaten von der Tyrannei seiner Familie befreit wird.

Jorge Luis Borges muss der finale Schlenker der «Theodizee» derart fasziniert haben, dass er eine ganz ähnliche Geschichte erfunden hat. Sie trägt den Titel «Der Garten der Pfade, die sich verzweigen» und erzählt von einem chinesischen Agenten, der für die Deutschen arbeitet und während des Ersten Weltkriegs in England erfährt, dass er aufgeflogen ist und so gut wie keine Hoffnung auf Rettung mehr besteht. Auf seiner Flucht gelangt er in einen Garten voller Weggabelungen, der die Welt als Ganzes darstellt, und zwar nicht nur die reale, sondern auch die virtuelle mit ihren endlosen Alternativen.

Eine babylonische Bibliothek

Dem Chinesen bietet sich die Möglichkeit, alle Varianten seiner Zukunft durchzuspielen: Im einen Fall wird er getötet, im andern gelingt ihm die Flucht, einmal wird der Feind zum Freund, ein andermal ist es andersherum und so weiter und so fort. Schliesslich entscheidet er sich für alle zusammen.

Borges liebt nicht nur das Labyrinthische, sondern auch die Vorstellung, dass die ganze Welt sich in einem einzigen Buch konzentriert und alle Bücher zusammen eine babylonische Bibliothek ergeben, in der eine Mischung aus Übersichtlichkeit und Durcheinander herrscht. Er greift damit auf Bilder und Ideen von Leibniz zurück, die von einem Kosmos künden, der aus tausenderlei Auffaltungen besteht und in dem das nötige Mass an Ordnung bloss dazu dient, grösstmögliche Vielfalt zu gewährleisten.

Obwohl Leibniz als einer der Hauptvertreter des klassischen Rationalismus gilt, hat er vielleicht wie kein anderer, zumindest unter den Philosophen, mit Gedankenmodellen gespielt, die in aller Regel als reinste Phantastereien abgetan werden. Er hat damit zu einer Zeit, in der eine Weile fast nur noch von Vernunft die Rede sein sollte, die literarische Zügellosigkeit mit all ihrem Irr- und Wirrsinn geadelt. An den Herzog und Barockdichter Anton Ulrich von Wolfenbüttel schreibt er am 26. April 1713: «Es ist eine von der Romanmacher besten Künsten, alles in Verwirrung fallen zu lassen und dann unverhofft heraus zu wickeln.»

Der Schriftsteller Karl-Heinz Ott lebt in der Nähe von Freiburg im Breisgau. 2015 erschien bei Hanser sein Roman «Die Auferstehung».


Nota. - Der eine denkt, wenn er barock sagt, an Bach und Heinrich Schütz, der andere an Rubens und Caravaggio. Wer an Rubens und Caravaggio denkt, würde Descartes, Spinoza und Leibniz kaum zu den Barockdenkern zählen. "Rationalistisch? Im Barock schwelgt und wabert doch alles!"

Dass uns heute barocke Musik eher streng und berechnet vorkommt und barocke Malerei eher üppig und zügellos, liegt vielleicht mehr an unserm modernen 20. Jahrhundert, als an der Barockkunst selbst. Doch fasziniert war das 17. Jahrhundert von der unergründlichen Allmacht der Vernunft nicht minder als vom Hokuspokus der alchimistischen Magie. Fasziniert wollte es wohl sein, und dafür war das eine Extrem so gut wie das andere - sofern es nur vom drögen Dogma der Amtskirchen freimachte. 

Wenn man den Rationalismus in seinen Kinderschuhen als eine Befreiung ansieht und nicht als ein aufgeklärtes Korsett, kann man Leibniz ohne weiteres als Rationalisten und als Barockmenschen ansehen. Dass die Rationalität in den Zeiten von Technik und Industrie dann viel von ihrer Fsazination verloren hat, steht auf einem andern Blatt geschrieben.
JE 

 

Donnerstag, 10. November 2016

Vor dreihundert Jahren starb Leibniz.

aus Der Standard, Wien, 10. November 2016, 08:00

November 1716: 
Leibniz, der letzte Universalgelehrte, stirbt
Am 14. November jährt sich der Todestag des Philosophen, Mathematikers, Diplomaten, Theologen, Geologen, Technikers, Juristen und Historikers zum 300. Mal 

von Tanja Traxler, David Rennert

Wien – Es dürfte ein Aufbruch mit gemischten Gefühlen gewesen sein. Im September 1714 bestieg Gottfried Wilhelm Leibniz in Wien eine Postkutsche, die ihn nach eineinhalbjährigem Aufenthalt zurück nach Hannover bringen sollte. Er sah sich zur Rückkehr genötigt, um endlich seine Auftragsarbeit über die Geschichte des Adelsgeschlechts der Welfen zum Abschluss zu bringen.

Sieben Mal hatte Leibniz die Kaiserstadt in den vergangenen Jahrzehnten besucht, ein achtes Mal sollte er sie nicht mehr wiedersehen. Seine Anstrengungen, am Wiener Hof Fuß zu fassen, hatten zwar nicht die Früchte getragen, auf die er gehofft hatte. Doch als fruchtlos können sie gewiss nicht bezeichnet werden.

Umfassende Reformideen

Schon bei seinem ersten Besuch in Wien 1688 hatte Leibniz eine Audienz bei Kaiser Leopold I. erhalten und Vorschlage für eine Münzreform unterbreitet. Auch umfangreiche Ideen zum Geld-, Handels- und Manufakturwesen und zur Finanzierung der Eroberungskriege gegen die Türken hatte er dargelegt – umgesetzt wurde davon allerdings nichts.

Aber er hatte Beziehungen in die höchsten Kreise aufgebaut, Kaiser Karl VI. hatte ihn zum "Reichshofrat der gelehrten Bank" ernannt. Drei wichtige Werke Leibniz' haben in Wien ihre wesentliche Ausführung erfahren, wie die Studien des mittlerweile verstorbenen Leibniz-Experten der Harvard University, Patrick Riley, zutage brachten. Noch ehe Leibniz in Richtung Hannover aufbrach, verfasste er umfangreiche Schriften.

Interdisziplinäre Pläne

Riley hielt fest: "Den lange gehegten Wunsch seines Wiener Freundes, des Prinzen Eugen von Savoyen, wollte er noch erfüllen, nämlich eine Summa seiner Philosophie zu verfassen; so entstand sein Werk "Principes de la nature et da la grâce"." Auf Deutsch ist das Werk unter dem Titel "Prinzipien der Natur und der Gnade" bekannt.

Auch der Text des später als "Monadologie" übersetzten Werks, in dem Leibniz die metaphysische Komponente seines philosophischen Systems darlegte, stammt aus dieser Zeit. Und drittens hielt er im Juli 1714 eine eng mit den beiden erwähnten Schriften verbundene private Vorlesung "Über die Griechen als Begründer einer philosophia sacra". Während seines letzten Aufenthalts in Wien legte Leibniz dem Kaiser auch den Plan für eine "Sozietät der Wissenschaften" vor.

Solch eine fächerübergreifende Gelehrtengesellschaft wurde mit der Gründung der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zwar erst über hundert Jahre später verwirklicht, dennoch geht die ÖAW auf Leibniz' Pläne zurück. Er konzipierte außerdem die Akademien in Berlin, Leipzig und Sankt Petersburg. Vergangene Woche trafen sich in Wien Vertreter aller vier Akademien im Rahmen der Konferenz "Leibniz heute lesen", die von der Wiener Philosophin Herta Nagl-Docekal organisiert worden ist. 

Der Zeit voraus

"Die Aktualität von Leibniz liegt auf sehr vielen Gebieten, weil er selbst so umfassend tätig war – naturwissenschaftlich, mathematisch, philosophisch, aber auch mit sehr lebenspraktischen Vorschlägen", sagt Nagl-Docekal. "Er hat weit vorausweisende Ideen formuliert, die oft in seiner Zeit nicht angemessen verstanden und nicht umgesetzt wurden. Erst durch die Weiterentwicklung verschiedener Wissenschaftszweige konnte der Wert dieser Beiträge ermessen werden."

Die Veranstaltungen und Texte, die anlässlich seines 300. Todestages am 14. November nun allerorts zu finden sind, zeigen: Leibniz ist noch heute eine Projektionsfläche für die Sehnsucht, ein umfassend gebildeter Mensch zu sein. Leibniz war vielleicht der letzte Denker, von dem behauptet werden kann, dass er nicht nur einen ganzheitlichen Überblick über die Wissenschaften seiner Zeit hatte, sondern auch imstande war, in verschiedensten Bereichen kreative Beiträge zu leisten.



Mathematisches Manuskript.

In den Worten Friedrichs II. von Preußen: "Leibniz, der mehr als eine Seele hatte, wenn ich das so sagen darf, war wohl würdig, den Vorsitz in einer Akademie zu führen, die er im Notfall allein hätte darstellen können." Er war sozusagen der letzte Universalgelehrte, und es ist nicht abzusehen, dass nach ihm noch einer kommen wird – zu fragmentiert und zersplittert sind das Wissen und die wissenschaftliche Methodik mittlerweile, als dass es noch einen Menschen geben könnte, der auf der gesamten Klaviatur mitzuklimpern vermag. 

Sprudelnder Erfinder

Wie vielfältig Leibniz' Betätigungsfelder waren, zeigt sich bereits, wenn man nur einige seiner unzähligen Erfindungen betrachtet: So entwickelte er etwa die erste Rechenmaschine, die alle vier Grundrechnungsarten beherrschte. Als er sein Modell – eine schwere Holzkiste mit Zahnrädern und Kurbel – 1673 der Royal Society in London präsentierte, teilte er dem welfischen Herzog Johann Friedrich den Zweck der Maschine mit: "daß die Rechnung in höchsten Grad leicht, geschwind, gewiß sey". Er stellte ihm gar in Aussicht, dass sie "die menschliche Arbeit auf die Hälfte mindern" werde und man sich so die "unnötige Menge an Personen und Gagen ersparen kann".

Leibniz und der britische Physiker Isaac Newton entwickelten – unabhängig voneinander – die Integralrechnung, wobei sich Leibniz' Schreibweise durchgesetzt hat. Zudem hatte er die Idee, dass sich Rechenprozesse auf ein binäres Zahlensystem übertragen ließen – und legte damit den Grundstein zur Informationstechnologie des 20. Jahrhunderts. Weiters entwickelte Leibniz Pläne für ein Unterseeboot, ein Gerät zur Bestimmung der Windgeschwindigkeit und die im geschlossenen Kreis verlaufende "Endloskette" zur Erzförderung im Bergbau.

Auch formulierte er einen Beweis für das Unbewusste des Menschen und erteilte Ärzten den Rat, bei ihren Patienten regelmäßig Fieber zu messen. Für Ludwig XIV. entwarf er den Plan für einen kreuzzugähnlichen Eroberungsfeldzug gegen Ägypten, um ihn von seinen Kriegen in Europa abzubringen. In eine Zeit hineingeboren, die noch vom Dreißigjährigen Krieg gezeichnet war, sehnte sich Leibniz nach einem Staatenverbund für die europäische Welt, um Frieden zu wahren. Den französischen König konnte er nicht davon überzeugen, hundert Jahre später wurden Leibniz' Ägyptenpläne dann allerdings von Napoleon umgesetzt. Hunderttausend Doppelseiten 

Entwurf einer Rechenmaschine

Diese enorme Produktivität war freilich nur möglich, indem Leibniz nach heutigem Verständnis ein extremer Workaholic war. Eines seiner berühmtesten Zitate besagt, dass er "beim Erwachen schon so viele Einfälle hatte, dass der Tag nicht ausreichte, um sie niederzuschreiben". So blieb denn auch kein Zettelchen vor Leibniz' Schreibwahn sicher. Da finden sich schon einmal Speisepläne wie "Donnerstag zwei Würste, ein Schoppen, Freitag vier Würste, Samstag ein Karpfen, Sonntag zwei Würste, ein Hühnchen" inmitten physikalischer Abhandlungen über die Stoßkraft.

Sein Nachlass ist der größte Gelehrtennachlass überhaupt – er umfasst rund hunderttausend Seiten, meist doppelseitig beschrieben. Dass dieser beinahe vollständig erhalten blieb, ist mehreren Glücksmomenten geschuldet. Einen Tag nach Leibniz' Tod ließ der Kurfürst von Hannover den Nachlass des Gelehrten versiegeln – er fürchtete die Preisgabe von Staatsgeheimnissen. Zudem ist es der ausgeprägten Sammelleidenschaft Leibniz' zu verdanken, dass eine solche Fülle an Notizen überliefert ist.

Sammelwütiger Schreibfanatiker

Es wird angenommen, dass sich Leibniz während seines Aufenthalts in Paris – eine für ihn sehr produktive Zeit, vor allem auf dem Gebiet der Mathematik – angewöhnt hatte, keine einzige Notiz mehr wegzuwerfen, sie könnte ja schließlich noch einmal wichtig werden. Diese Angewohnheit behielt er von da an zeit seines Lebens bei, was ihm schon einmal die Unterstellung einbrachte, er habe keinen Papierkorb besessen.

Die Menge an Notizen ist ohne Beispiel: Die Aufarbeitung des Nachlasses, die noch lange nicht abgeschlossen ist, stellt das größte Editionsprojekt aller Zeiten dar. 1901 hat es begonnen, 2055 soll es nach heutigem Plan abgeschlossen sein. 59 Bände sind bisher erschienen, insgesamt sollen es 130 werden. Unter www.leibnizedition.de sind die editierten Bände frei zugänglich – das meiste in Latein und Französisch, nur einen Bruchteil schrieb Leibniz in seiner Muttersprache Deutsch. 

 aus den Notizen

Obwohl Leibniz das Ideal eines Wissenschafters verkörperte, in einer Hinsicht wäre er im heutigen Wissenschaftsbetrieb fatal gescheitert: Der Schreibfanatiker war äußerst nachlässig, was die Publikation seiner Arbeiten angeht. Vielmehr reizte es ihn, sein Denken in Korrespondenzen zu entwickeln. Mit rund 1100 Personen pflegte er Briefkontakt, darunter ein großer Teil der Scientific Community seiner Zeit. 

Das Potenzial der Welt

"Für Leibniz waren auch große Werke so etwas wie Briefe – sie hatten einen Adressaten", sagt der Philosoph und Leibniz-Kenner Jürgen Mittelstraß. Dieser Umstand zeigt sich etwa an Leibniz' Auseinandersetzung mit dem englischen Philosophen John Locke. Kurz bevor das Werk publikationsreif war, verlor Leibniz das Interesse daran. Warum? Weil Locke starb und der anregende Briefwechsel beendet war. Mittelstraß: "Vieles ist nur Fragment geblieben und nie publiziert worden. Leibniz konnte gar nicht wirken, weil man seine Arbeiten nicht kannte."

Ein Gegenüber zu adressieren und sich in den anderen hineinzuversetzen – diese Grundeinstellung lag nicht nur Leibniz' Philosophie, sondern auch seinem Rechtsverständnis zugrunde. "Der Ort des anderen ist der wahre Standpunkt, sowohl in der Politik als auch in der Moral", lautet einer seiner berühmtesten rechtsphilosophischen Gedanken.

Sich in seinen eigenen Gedankengängen zurechtzufinden, machte Leibniz seiner Nachwelt nicht immer leicht. Auf eine Aussage trifft das ganz besonders zu, wovon auch eine lange Geschichte von Missinterpretationen zeugt. Es ist die in "Versuche der Theodizee über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Übels" formulierte These, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben.

"Was Leibniz damit formuliert, ist die Frage, die wir seit dem 20. Jahrhundert besonders schmerzlich kennen", sagt Nagl-Docekal. "Es ist die Frage, wie ein Gott dieses intensive Leid, das Menschen widerfährt, zulassen kann." Leibniz' Idee impliziert eben nicht die naive Vorstellung, dass der derzeitige Zustand der Welt der beste sei. Vielmehr ist die Welt mit ihrem enormen Potenzial, sich zu verbessern, die beste aller möglichen Welten.

Verantwortung der Wissenschaft

Leibniz versucht auch, das Potenzial der Wissenschaft seiner Zeit anzuregen, indem er über Methodenlehre das Gemeinsame wissenschaftlicher Erkenntnis fassen will. Seine Zuwendung zu den Wissenschaften erfolgt immer im Rahmen seines philosophischen Gesamtinteresses – im Gegensatz etwa zu Zeitgenossen wie dem Mathematiker Christiaan Huygens oder Newton.

Ein vielsagender Beleg dafür: In einer Einleitung in die Geschichte des Hauses und Landes Braunschweig-Lüneburg lieferte Leibniz eine geologische und paläontologische Abhandlung mit folgender Begründung: "Von großen Dingen ist auch eine geringe Kenntnis wertvoll. Wer daher vom ältesten Zustand unseres Landes beginnen will, muss auch etwas über das erste Aussehen der Erde und über die Natur und den Inhalt des Bodens sagen."

Die Wissenschaft sah Leibniz stets als dem Gemeinwohl verpflichtet, daran orientierten sich auch seine Konzepte für die wissenschaftlichen Akademien. Umgekehrt schlug er auch die Einbeziehung des praktischen Wissens der Bevölkerung vor – Citizen-Science würde man heute sagen.

Eine der Besonderheiten in seinem Akademieverständnis war, dass Leibniz damit auch einen äußerst sozialen Sinn verfolgte. Sein Vertrauen in die Wissenschaften und Künste erscheint unerschütterlich, und von der Gründung einer Wissenschaftsakademie versprach er sich nichts Geringeres als "den Handwergsman von seinem Elend zu erlösen". 

Einsames Ende

Doch nun musste Leibniz zurück nach Hannover, um dort sein Auftragswerk zu vollenden. Der Kurfürst Georg Ludwig, seit 1714 König von England, hatte ihm bis zur Fertigstellung gar ein Reiseverbot erteilt. "Alles, was mich körperlich und geistig beengt, kommt daher, daß ich nicht in einer großen Stadt wie Paris und London lebe, welche an gelehrten Männern Überfluß haben", schrieb Leibniz einmal.

"Doch hier [in Hannover] trifft man kaum jemanden, mit dem man sich unterhalten kann oder man gilt vielmehr in diesem Lande für keinen guten Hofmann, wenn man über wissenschaftliche Themen spricht." Nach seiner Rückkehr nach Hannover vereinsamte Leibniz zusehends. Als er am 14. November 1716 im Alter von 70 Jahren kinderlos und unverheiratet starb, nahm kaum jemand davon Notiz.

Gottfried Wilhelm Leibniz in "Prinzipien der Natur und der Gnade": "Das Gegenwärtige ist mit dem Kommenden schwanger, das Zukünftige läßt sich in dem Vergangenen lesen, das Entfernte ist im Nächsten ausgedrückt. Man könnte die Schönheit des Universums in jeder Seele erkennen, wenn man alle ihre Einfaltungen entfalten könnte, die sich merkbar nur mit der Zeit entwickeln." 


Nota. - Leibniz wird bis heute von Mathematikern und Physikern als einer ihrer Ahnherren reklamiert. Für die Philosophen Leibniz ist das ein Pech, denn der geriet dadurch beim großen Publikum in Vergessenheit. Seine Bedeutung für die Philosophie ist aber kaum zu  überschätzen. Das rationalistische metphysische System, das Kant mit seiner Kritik der reinen Vernunft zu Fall brachte, stammte im Wesentlichen von ihm. 

Es ging aber nicht, wie die seitherige Philosophiegeschichte vermuten lässt, auf den Ideenrealismus Platos zurück, sondern in Gestalt der Leibniz'schen Monaden auf die (eigentlich animistische) Vorstellung von der Entelechie, die Aristoteles formuliert hatte. Das macht einen gewaltigen Unterschied. Die scholastischen Nominalisten, die als die Begründer des neuzeitlichen Denkens gelten können, waren Anhänger des Aristoteles und entschiedene Gegner Platos. Auf sie beriefen sich aber nicht nur Leibniz und seine Epigonen Wolff und Baumgarten, sondern auch... alle Materialisten! 

Und während die Spuren, die Platos Ideen immer wieder im Denken auch gegenwärtiger Philosophierer ohne weiteres auf den ersten Blick zu erkennen und kenntlich zu machen sind, treiben die Entelechien im (monado-) Logischen Atomismus der gegenwärtigen Analytischen Philsophie unerkannt und ungerügt ihr fröhliches Unwesen, bloß weil... Leibniz als Philosoph in Vergessenheit geraten ist. 

Dem wäre abzuhelfen.
JE


Stationen im Leben des Gelehrten

1646 Gottfried Wilhelm Leibniz kommt in Leipzig zur Welt. 
1654 Im Alter von acht Jahren erlernt Leibniz autodidaktisch Griechisch und Latein. 
1661 Der fünfzehnjährige Leibniz nimmt das Studium der Philosophie, Theologie und Rechtswissenschaft auf. 1663 Studium der Mathematik, Physik und Astronomie in Jena. 1667 Nachdem seine Promotion an der Universität Leipzig wegen seines jugendlichen Alters abgelehnt wurde, wechselt Leibniz im Winter an die Universität Altdorf bei Nürnberg und promoviert zum Doktor der Rechte. Eine ihm angebotene Professur lehnt er ab. 
1672 Leibniz reist als Diplomat nach Paris, wo er den Großteil der folgenden vier Jahre verbringt. Hier schlägt er Ludwig XIV. einen Eroberungsfeldzug gegen Ägypten vor und macht erstmals Bekanntschaft mit dem modernen Stand der Wissenschaftsentwicklung. 
1673 In London präsentiert Leibniz der Royal Society seine Rechenmaschine für die vier Grundrechnungsarten und wird Mitglied der Gelehrtengesellschaft. 
1676 Leibniz tritt in den Dienst des Welfenfürsten in Hannover. Auf dem Weg dorthin trifft er den niederländischen Philosophen Baruch de Spinoza, der im Jahr darauf stirbt. 
1677 Bestellung zum Hannover'schen Hofrat. 
1685 Leibniz erhält den Auftrag, eine Geschichte des Welfenhauses zu verfassen. 
1687-90 Große Reise durch Europa, um die Geschichte des Adelsgeschlechts zu erforschen. Auch in den folgenden Jahren reist Leibniz viel und berät unter anderem den russischen Zaren und den Kaiser in Wien. 
1691 Leibniz wird Vorstand der Wolfenbüttler Bibliothek. 
1699 Leibniz wird Mitglied der französischen Académie des sciences. 
1700 In Berlin wird die Kurfürstlich-Brandenburgische Sozietät der Wissenschaften gegründet, Leibniz wird zum ersten Präsidenten ernannt. 
1703 Die Pläne zur Gründung einer ebenfalls von Leibniz konzipierten Sächsischen Akademie der Wissenschaften scheitern. 
1710 Die erste akademische Publikation der Berliner Akademie wird veröffentlicht, auch Leibniz' berühmtes Werk Versuche der Theodizee über die Güte Gottes, die Freiheit des Menschen und den Ursprung des Übels, in dem er die These der "besten aller möglichen Welten" formuliert, erscheint. 
 1711 Kaiser Karl VI. soll Leibniz angeblich in den Freiherrenstand erhoben haben, eine entsprechende Urkunde ist allerdings nicht bekannt. 
1712 Leibniz reist nach Wien, wo er die nächsten eineinhalb Jahre verbringt. Der Kurfürst von Hannover sperrt währenddessen seine Bezüge, da Leibniz nicht um Abwesenheitserlaubnis ersucht hatte. 
 1713 Kaiser Karl VI. ernennt Leibniz zum "Reichshofsrat der gelehrten Bank". 
1714 Leibniz verfasst das später als Monadologie ins Deutsche übersetzte Werk, in dem er in 90 Paragrafen die metaphysische Komponente seines philosophischen Systems darlegt. 
September 1714 Leibniz' Beziehungen zum Haus Hannover verschlechtern sich zunehmend. Er kehrt auf Anweisung von seinem eineinhalbjährigen Aufenthalt in Wien nach Hannover zurück, um seine Arbeit über die Welfen zu vollenden. Weitere Reisen werden ihm bis zur Fertigstellung untersagt. 
1716 Gottfried Wilhelm Leibniz stirbt im Alter von 70 Jahren vereinsamt in Hannover. - 

Sonntag, 6. November 2016

Bin ich mein Selfie?

aus nzz.ch, 6.11.2016, 05:30 Uhr
Das «Ich» in einer Welt aus Bilder 
Bilder sind in unserem Alltag allgegenwärtig. Nun wollen Natur- und Geisteswissenschafter gemeinsam erforschen, wie sie die Selbstwahrnehmung und unsere Beziehungen verändern.

von Lena Stallmach

Schon Kleinkinder setzen sich intensiv mit ihren Bildern auseinander. Überall werden sie fotografiert und lassen die Momentaufnahmen auch gern Revue passieren. So kommt es, dass Kinder schon früh in ihrem Leben regelmässig eine Aussenperspektive einnehmen. Sie erinnern sich an den Moment nicht aus der Innenperspektive mit all den Gefühlen, die sie dabei hatten, sondern als Betrachter der Szene. Bald machen sie selber Fotos und teilen sie in den sozialen Netzwerken. Der Neuropsychologe Manos Tsakiris will untersuchen, was diese ständige Auseinandersetzung mit Bildern in uns auslöst, wie das die Selbstwahrnehmung verändert und die Beziehungen zueinander.

Es gebe schon viele Studien darüber, wie das Gehirn Bilder oder Gemälde visuell verarbeite. «Aber das interessiert uns weniger. Wir wollen wissen, welche körperlichen Gefühle die Bilder in uns auslösen, wie der Herzschlag reagiert, der Blutdruck oder die Schweissproduktion und wie das die Repräsentation des eigenen Körpers im Gehirn beeinflusst», sagt Tsakiris. Aus seiner früheren Forschung weiss er, dass die Wahrnehmung des eigenen Körpers leicht formbar ist.

Eine fremde Hand wird eigen

In einem interdisziplinär ausgerichteten Projekt namens Body & Image in Arts and Sciences (Bias), das von der Schweizer Nomis Foundation finanziert wird, strebt er dabei eine enge Zusammenarbeit mit Kunsthistorikern und Geisteswissenschaftern an, die schon seit Jahrhunderten untersuchen, wie Kunst und Bilder auf den Menschen wirken. «Jetzt wollen wir die beiden Traditionen zusammenbringen und eine gemeinsame Theorie und Experimente entwickeln», sagt Tsakiris.

Der gebürtige Grieche, der an der Royal Holloway University of London lehrt, hat in seiner Forschung die Selbstwahrnehmung wiederholt auf die Probe gestellt und dabei gezeigt, dass das Körper-«Ich» alles andere als konstant ist. Dafür griff er unter anderem auf ein in der Psychologie beliebtes Experiment zurück, die sogenannte «Gummihand-Illusion». Dabei bringt man Menschen dazu, dass sie eine Gummihand als zu ihrem Körper zugehörig empfinden. Das geht so weit, dass sie Angst und sogar Schmerzen spüren, wenn jemand ihre neue Hand mit einem Hammer attackiert.


Bei dem Experiment wird die echte Hand einer Versuchsperson von einem Sichtschutz verdeckt. Im Blickfeld liegt dagegen eine Gummihand (siehe Grafik). Werden diese und die eigene Hand gleichzeitig mit einem Pinsel gestreichelt, entsteht bei den meisten Personen nach einer Weile das Gefühl, dass sie die Berührung in der Gummihand spüren. Sie entwickeln ein echtes Körpergefühl für diese Hand. Der Trick funktioniert allerdings nur, wenn die Berührungen synchron ausgeführt werden.

Illusion ändert das Verhalten

Tsakiris Team zeigte vor einigen Jahren, dass die Illusion auch dann entsteht, wenn die Gummihand eine andere Hautfarbe hat. Weisse Versuchspersonen entwickelten dabei ein Körpergefühl für eine schwarze Gummihand – mit weitreichenden Folgen. Das Erlebnis veränderte ihre Einstellung gegenüber schwarzen Menschen. Sie waren ihnen gegenüber weniger voreingenommen. Dies zeigten die Forscher mit einem Fragebogen, der versteckten Rassismus aufdeckt. «Anhand von sensorischen Informationen produziert das Gehirn ein Modell darüber, was mein Körper ist», erklärt Tsakiris. Das Modell werde angepasst, wenn sich der sensorische Input verändere, und das beeinflusse, welche Distanz wir zu anderen empfänden.


Tsakiris geht von einem Körperbewusstsein aus, wie es der Neurowissenschafter und Bewusstseinsforscher António Damásio definiert hat. Das Körper-Ich entstehe durch den ständigen Austausch zwischen Körper und Gehirn. Der Körper sendet Signale über den Zustand der Organe. Aus dem Herzschlag, der Sauerstoffsättigung und dem physiologischen Gleichgewicht in unserem Blut entnimmt das Gehirn, ob es uns gut geht oder nicht. Das Gleichgewichtsorgan und die Muskeln teilen mit, in welcher Position sich der Körper im Raum befindet. Aus all diesen Informationen entsteht das Gefühl für den eigenen Körper, und daraus bildet sich das Körper-Ich.

Wo die Grenzen verschwimmen

Die Grenzen zwischen dem «Ich» und den anderen könnten aber auch im Alltag leicht verschwimmen, sagt Tsakiris. Zum Beispiel, wenn man sich mit einer geliebten Person eins fühlt. Oder wenn man mit jemandem mitfühlt. Man kann die Gefühle oder körperlichen Schmerzen eines anderen empfinden, als wären es die eigenen. Studien zeigen, dass im Gehirn dabei die gleichen Netzwerke aktiv werden, wie wenn man selbst diese Erfahrungen macht. Dennoch kann das Gehirn in diesem Moment unterscheiden, dass das, was es gerade fühlt, nicht im eigenen Körper geschieht, sondern ein Produkt der Vorstellungskraft ist. «Mich interessiert, wie man zwischen diesen verschiedenen Stadien der «Ich»-Wahrnehmung und der Verbindung mit anderen hin und her oszilliert», sagt Tsakiris.

Auch wenn man Bilder betrachtet, kann man sich auf verschiedenen Ebenen mit ihnen auseinandersetzen. Man kann wahrnehmen, was abgebildet ist, sich Gedanken über die Symbolik machen oder sich überlegen, was der Künstler oder Fotograf damit sagen will. Was der Betrachter mit einem Bild mache und wie es auf ihn wirke, hänge von verschiedenen Umständen ab, dem momentanen Gemütszustand und den äusseren Umständen, sagt Tsakiris. Die Biologie und die Kultur beeinflussten unsere Wahrnehmung und die Art, wie wir miteinander umgingen.


Deshalb könne man all die Fragen, was ist das Ich?, wie reagieren wir auf Bilder?, wo liegt die Grenze zwischen dem «Ich» und den anderen?, nicht losgelöst vom kulturellen Kontext untersuchen, sagt Tsakiris. Neurowissenschafter vernachlässigten dies manchmal, wohingegen Geisteswissenschafter in der Regel die biologischen Reaktionen ausser Betracht liessen. Nicht selten geraten sich Natur- und Geisteswissenschafter in die Haare, wenn es darum geht, diese Fragen zu beantworten. Mit «Bias» will Tsakiris die Gräben überbrücken.

Gemeinsame Sprache bilden

Das Projekt, das Anfang September am Warburg Institute der University of London startete, hat zwei Ziele: Einerseits geht es darum, eine gemeinsame Sprache und Theorie zu entwickeln, andererseits sollen darauf aufbauend Experimente entstehen, die verschiedene Fragestellungen zu dem Thema abdecken. Zum Beispiel, inwiefern Bilder von idealisierten Körpern beeinflussen, wie das Gehirn Signale aus dem Körper des Betrachters verarbeitet, zum Beispiel das Hungergefühl. Eine andere Idee ist, zu untersuchen, ob zum Beispiel Stresshormone beeinflussen, wie ein Betrachter ein Gemälde beurteilt.

Das Projekt sei ein riskantes Unterfangen, sagt Tsakiris. Denn der Erfolg hänge davon ab, wie der Dialog zwischen den Disziplinen verlaufe.



Mittwoch, 2. November 2016

Dem Gehirn beim Denken zusehen.

 aus Der Standard, Wien, 2. November 2016, 07:30

Forscher sehen Mäusen beim Denken zu – in 3D
IMP-Forscher: "Unser Ziel ist es zu verstehen, wie weitläufig vernetzte Neuronen in Echtzeit miteinander 'reden'"

Wien – Mit Hilfe einer großteils in Wien entwickelten Methode können Neuroforscher Mäusen gewissermaßen beim Denken zusehen. Über mehrere Jahre erarbeiteten sie am Institut für Molekulare Pathologie (IMP) eine Technik, mit der sie ganze Nervenzellen-Verbünde aufleuchten lassen und das extrem kurze Feuerwerk in Echtzeit am Mikroskop beobachten. Sie stellten die Methode im Fachblatt "Nature Methods" vor.

"Unser Ziel ist es zu verstehen, wie weitläufig vernetzte Neuronen in Echtzeit miteinander 'reden' und wie diese Dynamik das Verhalten steuert", sagte Alipasha Vaziri, der in Wien eine Arbeitsgruppe am IMP leitet und mittlerweile auch Professor an der Rockefeller University (USA) ist.

"Light sculpting"

Die Schlüsse, die aus der Beobachtung einer einzelnen Gehirnzelle gezogen werden können, sind nämlich begrenzt, da die verschiedenen Leistungen des Gehirns wie die Bildung von Gedanken oder das Steuern von Bewegungen, auf der Zusammenarbeit ausgedehnter neuronaler Netzwerke beruhen, die miteinander in Kontakt stehen. "Mit neu erarbeiteten bildgebenden Verfahren, die auf der von uns entwickelten Technik des 'Light sculpting' basieren, können wir die Aktivität eines Großteiles der Neuronen abbilden, die in der Gehirnrinde eine funktionale Einheit bilden. Damit sind wir unserem Ziel einen großen Schritt nähergekommen", so der Neurobiologe.

Mit der Entwicklung der Methode begann das Team bereits vor sechs Jahren. Über diesen Zeitraum hinweg ist es dem Team um Vaziri und Robert Prevedel gelungen, die extrem kurzlebigen Signale von einer wachsenden Anzahl an Zellen einzufangen und gleichzeitig immer größere Teile des Gehirns zu beobachten. Mit speziellen lichtmikroskopischen Methoden konnten sie zuerst die Aktivität der lediglich 302 Nervenzellen eines Fadenwurm-Gehirns verfolgen. Das gleiche gelang ihnen daraufhin mit dem wesentlich komplexeren Gehirn einer Zebrafisch-Larve, das aus ungefähr 100.000 Neuronen besteht. Danach wagten sie sich an das aus 70 Millionen Nervenzellen bestehende Mausgehirn.

Aktivität tausender Neuronen beobachtet

Mit einem genetischen Trick veränderten die Wissenschafter die Zellen so, dass sie fluoreszierendes Licht aussandten, wenn sie aktiv waren. Je stärker das Signal, desto intensiver leuchteten die Zellen. Das Problem dabei sind nicht nur die winzigen Strukturen, sondern auch die kurzen Zeitintervalle. "Wir mussten in jeder Sekunde Millionen von Bildpunkten abtasten – einen nach dem anderen", so Prevedel, der mittlerweile eine eigene Arbeitsgruppe am Europäischen Labor für Molekularbiologie (EMBL) in Heidelberg leitet. Um das Leuchten einzufangen, mussten die Forscher "ein eigenes Laser-System konstruieren und das Licht innerhalb des Mikroskops auf eine Weise manipulieren, wie es bei normalen Mikroskopen nicht möglich wäre".

Mit der "Light sculpting"-Technik schafften es die Wissenschafter nun "die Aktivität tausender Neuronen in Echtzeit und in drei Dimensionen beobachten", sagte Prevedel. Konkret verfolgten sie die Gehirnaktivität von Mäusen, die sich frei auf einer rotierenden Scheibe bewegen konnten. So konnten sie gezielt die Neuro-Aktivität in jenem Gehirnbereich abbilden, der für die Bewegungsplanung zuständig ist. (APA)

Forscher sehen Mäusen beim Denken zu – in 3D 2. November 2016, 07:30 posten IMP-Forscher: "Unser Ziel ist es zu verstehen, wie weitläufig vernetzte Neuronen in Echtzeit miteinander 'reden'" Wien – Mit Hilfe einer großteils in Wien entwickelten Methode können Neuroforscher Mäusen gewissermaßen beim Denken zusehen. Über mehrere Jahre erarbeiteten sie am Institut für Molekulare Pathologie (IMP) eine Technik, mit der sie ganze Nervenzellen-Verbünde aufleuchten lassen und das extrem kurze Feuerwerk in Echtzeit am Mikroskop beobachten. Sie stellten die Methode im Fachblatt "Nature Methods" vor. "Unser Ziel ist es zu verstehen, wie weitläufig vernetzte Neuronen in Echtzeit miteinander 'reden' und wie diese Dynamik das Verhalten steuert", sagte Alipasha Vaziri, der in Wien eine Arbeitsgruppe am IMP leitet und mittlerweile auch Professor an der Rockefeller University (USA) ist. "Light sculpting" Die Schlüsse, die aus der Beobachtung einer einzelnen Gehirnzelle gezogen werden können, sind nämlich begrenzt, da die verschiedenen Leistungen des Gehirns wie die Bildung von Gedanken oder das Steuern von Bewegungen, auf der Zusammenarbeit ausgedehnter neuronaler Netzwerke beruhen, die miteinander in Kontakt stehen. "Mit neu erarbeiteten bildgebenden Verfahren, die auf der von uns entwickelten Technik des 'Light sculpting' basieren, können wir die Aktivität eines Großteiles der Neuronen abbilden, die in der Gehirnrinde eine funktionale Einheit bilden. Damit sind wir unserem Ziel einen großen Schritt nähergekommen", so der Neurobiologe. Mit der Entwicklung der Methode begann das Team bereits vor sechs Jahren. Über diesen Zeitraum hinweg ist es dem Team um Vaziri und Robert Prevedel gelungen, die extrem kurzlebigen Signale von einer wachsenden Anzahl an Zellen einzufangen und gleichzeitig immer größere Teile des Gehirns zu beobachten. Mit speziellen lichtmikroskopischen Methoden konnten sie zuerst die Aktivität der lediglich 302 Nervenzellen eines Fadenwurm-Gehirns verfolgen. Das gleiche gelang ihnen daraufhin mit dem wesentlich komplexeren Gehirn einer Zebrafisch-Larve, das aus ungefähr 100.000 Neuronen besteht. Danach wagten sie sich an das aus 70 Millionen Nervenzellen bestehende Mausgehirn. Aktivität tausender Neuronen beobachtet Mit einem genetischen Trick veränderten die Wissenschafter die Zellen so, dass sie fluoreszierendes Licht aussandten, wenn sie aktiv waren. Je stärker das Signal, desto intensiver leuchteten die Zellen. Das Problem dabei sind nicht nur die winzigen Strukturen, sondern auch die kurzen Zeitintervalle. "Wir mussten in jeder Sekunde Millionen von Bildpunkten abtasten – einen nach dem anderen", so Prevedel, der mittlerweile eine eigene Arbeitsgruppe am Europäischen Labor für Molekularbiologie (EMBL) in Heidelberg leitet. Um das Leuchten einzufangen, mussten die Forscher "ein eigenes Laser-System konstruieren und das Licht innerhalb des Mikroskops auf eine Weise manipulieren, wie es bei normalen Mikroskopen nicht möglich wäre". Mit der "Light sculpting"-Technik schafften es die Wissenschafter nun "die Aktivität tausender Neuronen in Echtzeit und in drei Dimensionen beobachten", sagte Prevedel. Konkret verfolgten sie die Gehirnaktivität von Mäusen, die sich frei auf einer rotierenden Scheibe bewegen konnten. So konnten sie gezielt die Neuro-Aktivität in jenem Gehirnbereich abbilden, der für die Bewegungsplanung zuständig ist. (APA, 2. 11. 2016) Abstract Nature Methods: "Fast volumetric calcium imaging across multiple cortical layers using sculpted light" - derstandard.at/2000046796087/Forscher-sehen-Maeusen-beim-Denken-zu-in-3D