Samstag, 13. April 2019

Besteht Wasser aus zwei Flüssigkeiten?

aus Die Presse, Wien, 13. 4. 2019

Besteht Wasser tatsächlich aus zwei Flüssigkeiten?
Die vielen Anomalien des Wassers lassen sich mit einer über hundert Jahre alten Theorie erklären, bewiesen ist sie aber noch nicht. Innsbrucker Forscher haben in einem aufwendigen Experiment neue Indizien für die „Zweiflüssigkeitstheorie“ gesammelt.



Wasser hat eine lange Liste an Verhaltensauffälligkeiten. Zwei davon dürften den meisten bekannt sein: Friert man es zu Eis, schwimmt diese feste Form in flüssigem Wasser, anstatt zu sinken. Vier Grad kaltes Wasser hat dagegen die höchste Dichte und sinkt zu Boden. Besonders deutlich wird das im Winter bei Temperaturen unter null: Seen sind dann am Grund wärmer als an der Oberfläche, sie frieren von oben nach unten zu, und nicht umgekehrt. „Normalerweise“ würde eine feste Substanz in seiner Schmelze untergehen und Flüssigkeiten umso dichter werden, je stärker man sie abkühlt.

18 verschiedene Eisformen

Neben diesen beiden Dichteanomalien sind noch 72 weitere Eigenheiten des Wassers bekannt, sagt Thomas Lörting vom Institut für Physikalische Chemie der Universität Innsbruck. „Sie alle hängen mit der besonderen molekularen Struktur des Wassers zusammen.“ Trotz der augenscheinlich simplen Verbindung aus einem Sauerstoff- und zwei Wasserstoffatomen ist Wasser zu hochkomplexen Wechselwirkungen fähig, erklärt Lörting.

„Jedes Wassermolekül hat die erstaunliche Eigenschaft, dass es vier Wasserstoffbrückenbindungen zu benachbarten Teilchen ausbilden kann, obwohl es aus nur drei Atomen besteht.“ Bei den Wasserstoffbrücken handelt es sich um Anziehungskräfte zwischen den Bereichen der Wassermoleküle mit niedriger und jenen mit hoher Elektronendichte – sie funktionieren ähnlich wie die gegensätzlichen Pole eines Magnets.

„Mit diesen vier Wasserstoffbrücken können nun die verschiedensten Netzwerke zwischen den Wassermolekülen geknüpft werden. Wir kennen allein 18 verschiedene Formen von Eis, in denen sich das Wasser unterschiedlich anordnet. Was wir im Alltag als Eis bezeichnen, ist nur eine Variante, die anderen entstehen im Weltall oder unter Laborbedingungen. Auch im flüssigen Zustand gibt es unterschiedliche Netzwerke aus Wasserstoffbrücken, nur sind sie in diesem Fall beweglich und bilden sich ständig neu.“

Trennung im Labor

Bereits Wilhelm Conrad Röntgen, der Entdecker der nach ihm benannten Strahlung, vermutete zwei Flüssigkeiten im Wasser, die seine Anomalien erklären, eine mit „eisartigen“, und eine andere mit „fluidartigen“ Eigenschaften. Bis heute ist diese Theorie aktuell, sagt Lörting: „Man geht von einer hochdichten und einer niederdichten Flüssigkeit aus. Das Problem ist nur: In flüssigem Wasser wechselt jedes Molekül eine Milliarde Mal pro Millisekunde zwischen diesen beiden Zuständen hin und her.“ Keine Apparatur der Welt könnte mit derartiger Geschwindigkeit Messungen vornehmen, um die zwei Zustände tatsächlich nachzuweisen.

Doch die Wissenschaftler behelfen sich mit Tricks aus dem Labor: Bei sehr niedrigen Temperaturen und speziellen Druckbedingungen lassen sich die beiden Flüssigkeiten künstlich voneinander trennen. Wasser mit niedriger Dichte konnte bereits Ende der 1980er-Jahre isoliert werden.

Lörting gelang es mit seinem Team nun erstmals, die hochdichte Variante für einen langen Zeitraum zu stabilisieren: „Wir haben bei Temperaturen zwischen minus 120 und minus 150 Grad Celsius und einem Druck von bis zu 3000 Atmosphären hochdichtes Wasser für mehrere Stunden stabil halten können – das ist noch niemandem zuvor gelungen. Damit haben wir diesen Zustand für weitere Experimente zugänglich gemacht.“

So konnten sie bereits mit Röntgenanalysen die Struktur des hochdichten Wassers untersuchen. Kombiniert man die dabei beobachteten Merkmale mathematisch mit jenen des niederdichten Wassers, erhält man exakt jene Struktur, die flüssiges Wasser bei Raumtemperatur aufweist – ein weiteres Indiz, das für die Zweiflüssigkeitstheorie spricht.

In zukünftigen Experimenten würde Lörting gern einen Wechsel der beiden Zustände beobachten: „Schön wäre es, wenn es uns gelänge, bei tiefen Temperaturen zwischen den beiden Flüssigkeiten hin- und herschalten zu können. Also Hochdruckwasser herzustellen und dann anschließend den Druck wegzunehmen, um Niederdruckwasser zu erhalten, das durch Druckerhöhung wieder in den Ausgangszustand springt. So ließe sich quasi in Zeitlupe verfolgen, wie sich flüssiges Wasser im Alltag verhält.“

Freitag, 12. April 2019

Spiegelneuronen - gibt's die?

Symbolbild: Wanderratte
aus Die Presse, Wien,


Zumindest Ratten haben Zellen, die Schmerz spiegeln
Neurologen konnten erstmals Spiegelneuronen für Gefühle finden.



Von „Dalai-Lama-Neuronen“ und „Empathiezellen“ sprach der US-Neurologe Vilayanur Ramachandran; Umweltaktivist Jeremy Rifkin sah in ihnen das „biosphärische Bewusstsein“ verkörpert: Die Spiegelneuronen, erstmals 1992 an Makaken beschrieben, waren in den Nullerjahren der größte Hype der Pop-Psychologie.

Tatsächlich hat die Idee etwas Bestechendes, man könne das Mitgefühl in einzelnen Neuronen orten, die bei fremdem Leid genauso feuern wie bei eigenem. Sie hat nur einen Haken: Bisher konnte man bei Menschen solche Neuronen nicht identifizieren, und auch bei Tieren fand man nur Spiegelneuronen, die Handlungen spiegeln, nicht aber Emotionen. Dabei weiß man gut, wo im Hirn solche Nervenzellen sitzen könnten: im anterioren cingulären Cortex (ACC), der etwa aktiv ist, wenn man Schmerzen leidet, aber auch, wenn man sieht, wie ein Mitmensch leidet (bei Psychopathen ist im zweiten Fall die Aktivität schwächer als bei mitfühlenden Menschen). Auch bei Ratten, die ja recht soziale Wesen sind, funktioniert der ACC so. Dennoch ist es schwer, einzelne Neuronen zu identifizieren, die just Schmerzen spiegeln. Schließlich messen auch ins Hirn implantierte Elektroden stets nur die Aktivität einer größeren Menge von Zellen. 

Mit einem komplizierten Auswerteverfahren – man könnte fast künstliche Intelligenz dazu sagen – gelang es nun Neurologen um Christian Keyers (Amsterdam), bei Ratten „emotional mirror neurons“ zu finden, und zwar zwei Sorten: auf Schmerz und auf Angst spezialisierte. Offenbar, so die Forscher in Current Biology (29, 11. 4.), werde im ACC einer Ratte „die Erfahrung eines anderen Tieres“ – diesfalls ein offensichtlicher leichter Elektroschock – „auf ein Mosaik von schmerz- und angstsensitiven Neuronen abgebildet“, und das löse die für Ratten typische Reaktion auf bedrohliche Situationen aus: Schreckstarre. Die Injektion eines betäubenden Medikaments in den ACC verhindere diese Reaktion. (tk)


Dienstag, 9. April 2019

Keine fröhliche Wissenschaft.

  ter Brugghen, Demokrit
aus spektrum.de, 8. 4. 2019

Schlechte Stimmung fördert kritisches Denken
Nach einem lustigen Film neigen wir zu Gutgläubigkeit und gehen falschen Informationen eher auf den Leim.

von Christiane Gelitz

Wer etwas kritisch prüfen möchte, schaut vorher möglichst keine lustigen Videoclips. Denn je besser die Gefühlslage, desto leichtgläubiger sind wir, berichtet Joseph Forgas von der University of New South Wales in Sydney. In der Fachzeitschrift »Current Directions in Psychological Science« stellt der Sozialpsy- chologe dar, wie sich die Stimmung in verschiedenen Situationen auf die Informationsverarbeitung aus- wirkt. Gut gelaunt sind wir demnach häufiger blind für falsche Behauptungen, Mehrdeutiges und Manipu- lationen.

Der Australier führte mit mehreren Teams über Jahre hinweg Experimente durch. Gemeinsam mit Alex Koch von der Universität zu Köln ließ er Versuchspersonen witzige oder deprimierende Kurzfilme schauen und legte ihnen dann falsche Behauptungen vor, zum Beispiel »Der höchste Baum der Welt ist eine Fichte«. Nach traurigen Filmen ließen sich die Teilnehmer von werbeähnlich präsentierten Aussagen weniger beeinflussen als nach emotional neutralen oder positiven Filmen.

In ähnlichen Experimenten entdeckten Probanden häufiger zweideutige Formulierungen, und sie waren weniger geneigt, in unsinnige Sätzen einen Sinn hineinzuinterpretieren, wenn man sie zuvor mit Videoclips in negative Stimmung versetzt hatte. Die Effekte traten nicht nur im Labor auf: Forgas und Kollegen inszenierten einmal während einer Vorlesung einen Vorfall, bei dem der Dozent scheinbar von einer Frau attackiert wurde. Als die Studierenden eine Woche später als Zeugen befragt wurden, ließen sich ihre Erinnerungen nicht so einfach mit falschen Informationen manipulieren, wenn sie zuvor einen traurigen Kurzfilm gesehen hatten.

»Positive und negative Stimmung triggern qualitativ verschiedene Strategien der Informationsverarbei- tung«, erklärt Forgas. Bei negativer Stimmung würden wir vermehrt auf Details und Fakten achten, bei guter Stimmung hingegen eher kreativ und erfahrungsbasiert denken. Somit fördere gute Laune vor allem kreative und soziale Tätigkeiten. Schlechte Stimmung erweise sich aber als Vorteil, wenn man ganz genau hinsehen oder -hören möchte.

Mit dieser Forschung hofft Forgas dem verbreiteten Streben nach guten Gefühlen etwas entgegenzusetzen. Er will darüber aufklären, wie die Gefühlslage sich auf das Denken auswirkt und naiven Urteilen den Weg bahnt. Das habe praktische Bedeutung für den Alltag, erläutert Forgas: »In heutiger Zeit versuchen Marketing, Werbung und Politik ständig, den guten Glauben der Menschen auszunutzen, und oft greifen sie dafür zur affektiven Manipulation«.


Nota. -  Es heißt, die meisten Philosophen neigten privat zur Griesgrämigkeit. Dies bekommt nun eine unerwartete Pointe: Nicht die tiefere Einsicht verdirbt ihnen die Laune, sondern die schlechte Laune verleitet sie zum Philosophieren. La gaya scienza wäre daher ein Paradox.
JE

Montag, 8. April 2019

Mentale Landkarten.

Gehirn
aus detektor.fm, 04.04.2019                                         Wie ein Navigationssystem in einer Stadt leitet uns das Gehirn durch unser Wissen. 

Mentale Landkarten

Wo bleibt eigentlich das Wissen, das wir uns jeden Tag über die Welt aneignen? Eine neue Studie zeigt: Wir strukturieren unser Wissen wie auf einer Landkarte in einem abstrakten, mentalen Raum.

Gehirn als Navigationssystem

Unser Wissen ist in einem mentalen und mehrdimensionalen Raum strukturiert. Das Gehirn ist dabei eine Art Navigationssystem, das uns hilft, auf bestimmtes Wissen zuzugreifen. Das ist die These der Leipziger Forscherinnen und Forscher vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften.


In ihrer Studie lernen Probandinnen und Probanden über zwei Tage ein neues Konzept. Dabei sollen abstrakte Symbole anhand bestimmter Kombinationen von Merkmalen in Kategorien eingeordnet werden. Nach diesem Prozess wird das Gelernte angewendet, während das MRT die Aktivität des Gehirns misst.
Wenn man es ein bisschen übertragen beschreibt: Wir können nachvollziehen, wie Probanden durch diesen konzeptionellen Raum navigieren mit dieser einen Hirnregion, weil wir dort die Fluktuation, die Abweichung der Aktivitäten messen. – Christian Doeller, Direktor der Abteilung Psychologie
Der mentale Raum

Der MRT-Scan zeigt, je näher sich Wissensobjekte auf unserer mentalen Landkarte sind, desto ähnlicher ist auch die Gehirnaktivität. Misst man diese Unterschiede, lässt sich quasi indirekt der gedankliche Raum vermessen.

Den Wissensraum kann man sich auch wie ein Koordinatensystem mit vielen Dimensionen vorstellen, in dem wir unser Wissen positionieren. Diese Struktur des Wissens hat Vorteile. Zum einen ist sie flexibel, weil wir in unserem Wissensraum Verbindungen schaffen können. Zum anderen ist sie aber auch sehr effizient, weil die Position des Wissensobjekts im Raum viel über seine einzelnen Eigenschaften aussagt.

Mit den Erkenntnissen könnte man in Zukunft zentrale Fragen der menschlichen Intelligenz klären.
Es ist natürlich auch hilfreich zu wissen, wie Wissen erworben und im Gehirn organisiert ist, um es vielleicht zu nutzen, um Unterrichtsmethoden für möglichst effizientes Lernen zu optimieren. Das ist natürlich weit gegriffen, aber das wäre so die Aussicht. – Stephanie Theves, Postdoc in der Abteilung Psychologie
Wie kann man sich diesen gedanklichen Raum vorstellen? Und wie kann man ihn für die Wissenschaft sichtbar machen? Darüber unterhält sich detektor.fm-Moderator Christian Erll mit Lara-Lena Gödde. Sie hat Prof. Dr. Christian Doeller und PD Stephanie Theves in Leipzig getroffen.
 
Forschungsquartett | Wissensstruktur im Gehirn 




Sonntag, 7. April 2019

Vom Vorteil der Metamorphose.

Raupen fressen Blattwerk, Schmetterlinge meist Blütennektar.
aus Die Presse, Wien,

Durch Hunger auf Neues entstand die Metamorphose
Um mehrere Nahrungsquellen effizient erschließen zu können entwickelten Tiere die Fähigkeit zur Verwandlung.

Ob bei Raupe und Schmetterling, Kaulquappe und Laubfrosch oder Fischlarve und Flunder – bei manchen Tierarten unterscheiden sich die verschiedenen Stadien ihrer Entwicklung so stark voneinander, dass sie wie eigene Spezies wirken. Die Verwandlungen, die die Tiere durchlaufen, um zu ihrer endgültigen Gestalt zu gelangen, sind dabei extrem energieraubend – seit Langem rätseln Wissenschaftler, wie sich dieser Prozess in der Evolution durchsetzen konnte.

Forscher des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg haben im Fachjournal The American Naturalist (8. 3.) eine mögliche Erklärung präsentiert: Nur wenn sich durch den Wandel eine ergiebige, neue Nahrungsquelle erschließen lässt, bietet die Metamorphose den Tieren einen evolutionären Vorteil.

Das Team um den Biomathematiker Ulf Dieckmann und die Evolutionsbiologin Hanna ten Brink entwickelte ein mathematisches Modell, das verschiedene Faktoren wie Nahrungsmenge, Wachstumsgeschwindigkeit und Fortpflanzungsrate berücksichtigte. Damit berechneten sie, unter welchen Umständen sich eine Metamorphose lohnen würde.

Die Art der Nahrung entpuppte sich dabei als entscheidendes Kriterium: Gibt es in einem Lebensraum mehr als eine ergiebige Energiequelle, ist es besser, die Gestalt zu wechseln, um sie mit höchstmöglicher Effizienz zu nutzen, als sie mit ein- und demselben Körper nur mittelmäßig erschließen zu können. Doch der hohe Aufwand, der für die Verwandlung nötig ist, ließ Metamorphosen nur wenige Male in der Evolution entstehen, so die Forscher. Hat sie sich aber einmal durchgesetzt, wird die Spezies sie nie wieder los. (APA/däu)

Donnerstag, 4. April 2019

Haben Gorillas eine Vorstellung vom Tod?

Östliche Flachlandgorillas
aus scinexx                                                                                       Gorillagruppe versammelt sich um einen Verstorbenen

Gorillas nehmen Abschied von ihren Toten
Menschenaffen versammeln sich um Verstorbene und pflegen deren Fell

Trauernde Menschenaffen: Auch Gorillas verabschieden sich von ihren Toten. Wie Beobachtungen offenbaren, bleiben die Tiere dicht bei verstorbenen Artgenossen, berühren sie und pflegen deren Fell. Dabei zeigen sie dieses Verhalten nicht nur bei vertrauten Gruppenmitgliedern, sondern sogar bei Fremden. Dieser intensive Kontakt zu Verstorbenen könnte allerdings die Verbreitung von Krankheiten wie Ebola unter den Tieren fördern.
 
Der Mensch galt lange Zeit als einziges Wesen, das eine konkrete Vorstellung vom Tod hat und seine Verstorbenen nach festgelegten Ritualen verabschiedet. Zunehmend zeichnet sich jedoch ab, dass das nicht stimmt: Auch andere Tiere legen besondere Verhaltensweisen an den Tag, wenn ein Artgenosse von ihnen gegangen ist. Elefanten und Schimpansen scheinen nach dem Tod eines Gruppenmitglieds sogar regelrecht zu trauern: Sie bleiben in seiner Nähe, berühren es oder reinigen seinen leblosen Körper.


Trauernder Berggorilla
Ein junger Berggorilla inspiziert den Körper seiner toten Mutter. © Dian Fossey Gorilla Fund International 

Verstorbene Gorillas

„Unter Primaten, vor allem bei den Menschenaffen, belegen Verhalten und physiologische Reaktionen auf den Tod von Artgenossen, dass diese tatsächlich trauern“, erklären Amy Porter vom Dian Fossey Gorilla Fund International in Atlanta und ihre Kollegen. Auch bei Gorillas haben Forscher bereits eine Art Trauerverhalten beobachtet. Wie genau die Menschenaffen mit ihren Verstorbenen umgehen, haben Porter und ihr Team nun dokumentiert. 

Die Wissenschaftler beobachteten und filmten, wie sich Berggorillas in Ruanda gegenüber zwei verstorbenen Gruppenmitgliedern verhielten: einem 35-jährigen dominanten Männchen und einem 38-jährigen dominanten Weibchen. Außerdem beobachteten sie im Kongo eine Gruppe von Flachlandgorillas, die den Leichnam eines nicht zu ihrer Gruppe gehörenden Silberrücken gefunden hatte.

Enger Kontakt

Es offenbarte sich: Die Menschenaffen zeigten in der Nähe der drei Verstorbenen jeweils ganz ähnliche Verhaltensweisen. Sie setzten sich dicht an den leblosen Körper, betrachteten und beschnüffelten ihn. Darüber hinaus begannen manche Gorillas auch, das Fell des toten Artgenossen zu pflegen oder an seinem Körper zu lecken. Häufig blieb die Gorillagruppe mehrere Stunden oder sogar Tage ganz in der Nähe des toten Artgenossen. 

Wie Porter und ihre Kollegen berichten, verbrachten im Fall der Berggorillas vor allem jene Individuen viel Zeit mit den Leichnamen, die eine besonders enge Beziehung zu den Toten gehabt hatten. So blieb ein eng mit dem Männchen verbundenes, männliches Jungtier ganze zwei Tage bei dem leblosen Körper und schlief sogar bei ihm. Der Sohn des verstorbenen Weibchens streichelte immer wieder ihr Fell und versuchte sogar an ihrer Brust zu säugen – obwohl er bereits abgestillt worden war.

Trauern wie Menschen

Diese Beobachtungen belegen, dass auch Gorillas intensiv trauern – ähnlich wie wir Menschen. Dabei verabschieden sie sogar verstorbene Nicht-Gruppenmitglieder auf ähnliche Weise wie ihnen vertraute Tiere: „Die Jungtiere und jungen Erwachsenen groomten den Leichnam von verschiedenen Seiten“, berichten die Forscher. „Die Silberrücken stupsten den Toten immer wieder an.“ 

„Diese Beobachtungen deuten darauf hin, dass der Mensch in seiner Fähigkeit zum Trauern nicht einzigartig ist“, konstatieren die Forscher. Und ähnlich wie bei uns spielt es für das Maß der Trauer eine wichtige Rolle, welche Beziehung die Toten zu Lebzeiten zu den Trauernden hatten. Je enger die Beziehung war, desto intensiver scheinen sich auch die Gorillas mit ihren Toten zu beschäftigen.

Risiko Krankheitsübertragung

Doch die Studie liefert nicht nur neue Erkenntnisse über die Art und Weise, wie die Menschenaffen mit dem Tod umgehen. Sie zeigt zudem ein Risiko auf, wie die Forscher betonen. Die genaue Inspektion von Leichnamen bedeutet nämlich eine potenzielle Ansteckungsgefahr. Waren die Toten mit gefährlichen Krankheitserregern infiziert, können sich trauernde Tiere anstecken und ebenfalls erkranken.

Der Kontakt zwischen infizierten Leichen und gesunden Individuen könnte demnach zur Verbreitung von Krankheiten wie Ebola beitragen, die bereits zahlreichen Gorillas in Zentralafrika das Leben gekostet haben. (PeerJ, 2019; doi: 10.7717/peerj.6655)

Quelle: PeerJ


Dienstag, 2. April 2019

Der Malaienbär trotzt Darwin.

Malaienbären kommunizieren auch über Mimik
aus welt.de, 2. 4. 2019

Diese Bären kommunizieren wie wir Menschen über Gesichtsausdrücke



Die Kommunikation über Gesichtsausdrücke schrieben Forscher bisher nur uns Menschen, Gorillas und Hunden zu. Nun gesellt sich noch ein Tier in diese exklusive Runde: der Malaienbär – überraschenderweise, denn der Bär ist ein Einzelgänger.

Wenn wir Menschen miteinander kommunizieren, lassen wir auch unsere Gesichtsausdrücke sprechen. Dabei reflektieren wir die Mimik unseres Gegenübers wie ein Spiegel. Um dem anderen unsere Sympathie zu bekunden, Mitgefühl auszudrücken oder ihn zu bestätigen – aus welchem Grund auch immer –, ahmen wir die Gesichtsausdrücke meistens unbewusst nach.

Dieses Facial Mimikry – wie Fachleute es nennen – ist neben der Sprache und der Gestik wichtiger Bestandteil unserer Interaktion mit anderen Menschen. Forscher konnten diese Art der nonverbalen Kommunikation auch noch bei anderen Primaten und Hunden beobachten. Bei Gorillas und Menschen ist sie jedoch besonders komplex.

Umso erstaunlicher, dass Wissenschaftler nun noch ein Tier mit dieser Fähigkeit entdeckt haben: den Malaienbär.

„Das Überraschendste ist, dass der Malaienbär kein soziales Tier ist. In der freien Wildbahn lebt er eher als Einzelgänger. Das deutet darauf hin, dass die Fähigkeit, über komplexe Gesichtsausdrücke zu kommunizieren, ein weitverbreitetes Merkmal unter Säugetieren sein könnte“, erläutert die Psychologin Marina Davila-Ross, die an der Universität von Portsmouth die Evolution der Kommunikation, Kognition und der Emotionen erforscht, in einer Pressemitteilung.

Malaien- oder auch Sonnenbären sind die kleinsten Bären der Welt. Sie erreichen eine Schulterhöhe von ungefähr 70 Zentimetern, werden also in etwa so groß wie ein Rottweiler oder Dobermann. Die nachtaktiven Allesfresser leben in den tropischen Regenwäldern Südostasiens. Malaienbären sind zwar nicht völlig unsozial, aber sie ziehen doch am liebsten alleine umher.

Malaienbären kommunizieren auch über Mimik  

Davila-Ross und ihre Kollegen haben für ihre Studie zwei Jahre lang 22 Sonnenbären beobachtet. Die Tiere im Alter zwischen zwei und zwölf Jahren leben in Waldgehegen in einem Naturschutzzentrum auf der Insel Borneo, wo sie genügend Platz haben, um sich aus dem Weg zu gehen. Dennoch spielten die Bären ab und an mal miteinander.

Die Forscher filmten insgesamt 370 dieser Begegnungen und analysierten diese im Anschluss. Dabei fielen den Wissenschaftlern zwei besondere Gesichtsausdrücke der Bären auf: Sie öffneten ihr Maul, einmal mit gefletschten Zähnen und einmal ohne.

Diese Ausdrücke zeigten die Tiere vor allem dann, wenn ihr Spielkamerad sie anschaute. Dieser wiederum ahmte ihn meistens sofort binnen einer Sekunde nach. Die Forscher vermuten, dass die Bären damit zeigen wollen, dass sie entweder für ein wilderes Spiel bereit sind oder sie ihre Bindung stärken wollen.


Malaienbären kommunizieren auch über Mimik

Bisher ging man davon aus, dass eine komplexe Kommunikation nur unter Tieren, die in einem komplexen Sozialsystem leben, möglich ist. Der Malaienbär beweist nun das Gegenteil.
Das macht diese Ergebnisse so faszinierend – sie sind eine nicht soziale Spezies, die von Angesicht zu Angesicht subtil und präzise kommunizieren kann.

Sonnenbären sind weder mit Affen noch mit domestizierten Tieren wie etwa Hunden verwandt. Daher gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die komplexe mimische Kommunikation viel weiter unter Säugetieren verbreitet ist als bisher gedacht.

Nota. - Wenn sie nicht in Gemeinschaft leben, hat diese Kommunikationsweise keinen Vorteil für die Individuen oder die Art. Sie kann kein Selektionskriterium bei der Fortpflanzung werden. Wie konnte sie sich also zu einem Gattungsmerkmal entwickeln? Das Spielen muss ihnen enorm wichtig sein.

Umso bemerkenswerter, als sich die europäischen und nordamerikanischen Verwandten dieser Bären wegen kaum entwickelter Gesichtsmuskeln durch ein besonders ärmliches Mienenspiel auszeichnen - was dazu führt, dass Menschen ihren Gesichtsausdruck fälschlich als gutmütig interpretieren, was ihnen gelegentlich gar nicht bekommt.
JE