aus derStandard.at, 12. Juli 2018, 07:00
Zufall bestimmt, wann
Künstler oder Wissenschafter "einen Lauf" haben
Forscher untersuchten die Biografien tausender Kreativer auf etwaige
Muster
Wien/Evanston – "Wer hat, dem wird gegeben": In diesem Sprichwort lässt
sich das aus der Soziologie kommende Konzept des "Matthäus-Effekts"
zusammenfassen. Diese These geht davon aus, dass Erfolge in der
Vergangenheit eine maßgebliche Rolle für weiteren Erfolg in der
Gegenwart spielen. Der Ablauf: Die ursprüngliche Leistung hat die
Aufmerksamkeit auf den Erfolgreichen steigen lassen, er erhält mehr
Ressourcen – und diese machen es ihm leichter, weitere Leistungen zu
erbringen.
Daraus können sich theoretisch ganze Erfolgssträhnen ergeben. Ein
Hitproduzent in der Musikbranche würde mit erhöhter Wahrscheinlichkeit
erneut die Charts stürmen. Und ein erfolgreicher Wissenschafter fände zu
steigender Anerkennung, die sich auch in Preis- und Fördergeldern
niederschlagen kann.
Das Sample
Ein Forscherteam, dem auch die italienische Komplexitätsforscherin
Roberta Sinatra angehörte, die unter anderem am Complexity Science Hub
(CSH) Vienna arbeitet, ging dem Phänomen nach und überprüfte es anhand
biografischer Daten über 3.480 Künstler, 6.233 Filmregisseure und 20.040
Wissenschafter. Als Anzeichen für einen Erfolgsstatus wurden bei
Künstlern die erzielten Preise für ihre Werke herangezogen, für
Regisseure die Bewertungen auf der International Movie Database und für
Wissenschafter die Zitierungen ihrer Publikationen zehn Jahre nach deren
Veröffentlichung.
Es zeigte sich, dass die Mehrzahl der Untersuchten tatsächlich einmal
einen Lauf hatte: 91 Prozent der Künstler, 82 Prozent der Filmemacher
und 90 Prozent der Wissenschafter. Das Phänomen scheint also weit
verbreitet zu sein – doch spricht ein genauerer Blick gegen den
Matthäus-Effekt.
Zufallsverteilung
Der Matthäus-Effekt müsste tendenziell dazu führen, dass sich das
Auftreten von Erfolgssträhnen in der Mitte der Karriere häuft, schreiben
die Wissenschafter um Dashun Wang von der Northwestern University (USA)
in ihrer Arbeit. Das konnte jedoch nicht festgestellt werden. Vielmehr
stießen die Forscher auf eine Zufallsverteilung.
Beim Blick auf die drei einflussreichsten Arbeiten im Gesamtwerk der
untersuchten Personen wurde klar, dass diese nach keinem fixen Schema in
der Biografie der Künstler, Regisseure oder Wissenschafter auftreten.
Das Ergebnis würde also eher zur Random-Impact-These passen, derzufolge
herausragende Werke zufällig im Laufe einer Karriere entstehen und ihr
Auftreten vor allem in Zeiten großer Produktivität wahrscheinlicher
wird.
Und Erfolg, der sich über die Zeit kontinuierlich anhäuft, konnte auch
nicht gefunden werden. Die Erfolgssträhnen, in denen die Arbeiten der
Untersuchten durchschnittlich besser bewertet werden, sind zeitlich
begrenzt: Der Analyse zufolge erstrecken sie sich bei Künstlern im
Schnitt über 5,7 Jahre, bei Regisseuren über 5,2 Jahre und bei
Wissenschaftern nur über 3,7 Jahre.
Eine erhöhte Produktivität während dieser Phasen konnte allerdings auch
nicht festgestellt werden. Die Forscher sprechen von einer "inneren
Verschiebung der individuellen Kreativität" während eines Laufs.
Kreativität lässt sich also weiterhin weder berechnen – noch dauerhaft
festhalten. (red, APA,)
Abstract
Nature: "Hot streaks in artistic, cultural, and scientific careers"
Freitag, 13. Juli 2018
Mittwoch, 11. Juli 2018
Jedes Gehirn ist einzigartig.
Schweizerischer Depeschendienst, 10.7.2018
Nota. - Wird jemals ein Mensch (oder eine Maschine) eines Andern Gedanken lesen können? Es bedürfte einer Maschine, die die mit Bild-gebenden Verfahren gewonnenen Informationen aus dem analogen Modus in den digitalen übersetzen könnte - denn anders ist Bedeutung nicht darzustellen. Das setzte voraus, dass Bedeutungen Objektiva wären, denen irgendwann willkürliche Zeichen objektiv zugeordnet werden könn- ten. Das sind sie schlechterdins nicht.
Man könnte allenfalls - und das ist in Ansätzen geschehen - herausfinden, welche (vernommenen) Bedeu- tungen ein Individuum regelmäßig in welche Bilder umzusetzen pflegt. Dann ließen sich die Bilder in Be- deutungen rückübersetzen - für dieses Individuum und für jede Bedeutung extra. Gäbe es ein Standard- hirn, das wir im großen Ganzen alle miteinander teilen - wie eine Leber oder eine Niere -, ließe sich theo- retisch eine Standardliste erstellen - die allerdings nur ungefähr gelten könnte. Das bedeutet praktisch, dass sie nicht gelten würde; denn bei Bedeutungen kommt es auf Feinheiten an. Mehr als eine Feinheit ist aber, ob eine beobachtete Bild-Bedeutung im Frage- oder gar Verneinungsmodus gemeint ist - die schechtedings auf analoge Weise gar nicht wiedergegeben werden können.
*
Diese Überlegungen werden hinfällig, wenn das Gehirn eines jeden sich in seinem Aufbau von dem eines jeden andern unterscheidet. Dann ist eine Standardisierung von Bild-Bedeutungen ausgeschlossen. Man darf sich diese Horrorvision getrost aus dem Kopf schlagen.
JE
Jedes Gehirn ist einzigartig – fast wie ein Fingerabdruck
Dass Erfahrungen im Gehirn Spuren hinterlassen, ist schon lange
bekannt. So weisen Profimusiker oder Schachspielerinnen Besonderheiten
in den Hirngebieten auf, die sie für ihre Tätigkeit besonders stark
beanspruchen.
Doch auch kürzere Ereignisse können sich in der Hirnanatomie niederschlagen. Wird beispielsweise der rechte Arm für zwei Wochen ruhiggestellt, reduziert sich die Dicke der Hirnrinde in den Gebieten, die für die Kontrolle des immobilisierten Armes zuständig sind.
Doch auch kürzere Ereignisse können sich in der Hirnanatomie niederschlagen. Wird beispielsweise der rechte Arm für zwei Wochen ruhiggestellt, reduziert sich die Dicke der Hirnrinde in den Gebieten, die für die Kontrolle des immobilisierten Armes zuständig sind.
Die
Forschungsgruppe um Lutz Jäncke, Professor für Neuropsychologie an der
Universität Zürich, ging nun der Frage nach, ob man anhand bestimmter
anatomischer Merkmale des Gehirns auf die Person schliessen kann, der
das Organ gehört. «Wir vermuteten, dass solche Erfahrungen, die sich
aufs Hirn auswirken, mit genetischen Veranlagungen interagieren und sich
so im Laufe der Jahre bei jeder Person eine ganz individuelle
Hirnanatomie entwickelt», wird Jäncke in einer Mitteilung der
Universität Zürich zitiert.
Um
ihre Vermutung zu überprüfen, untersuchten die Forschenden die Gehirne
von 191 gesunden älteren Personen. Dafür unterzogen sich diese dreimal
während eines Zeitraums von zwei Jahren einer Magnetresonanztomografie.
Berechnet wurden 450 neuroanatomische Merkmale, darunter auch sehr
allgemeine wie das Gesamtvolumen des Gehirns, die Dicke der Hirnrinde
oder das Volumen der grauen und weissen Substanz.
Für
jede Person konnten die Wissenschafter schliesslich eine individuelle
Kombination von neuroanatomischen Kennwerten ausmachen. Die
Identifikationsgenauigkeit lag selbst bei den sehr allgemeinen
neuroanatomischen Kennwerten bei über 90 Prozent, wie die Forscher im
Wissenschaftsjournal «Scientific Reports» berichteten.
«Mit
unserer Studie konnten wir bestätigen, dass das Gehirn des Menschen
sehr individuell aufgebaut ist», sagte Jäncke. So beeinflusse die
Kombination von genetischen und nichtgenetischen Einflüssen offenbar
nicht nur die Funktionsweise des Gehirns, sondern auch dessen Anatomie.
In
den Studienresultaten spiegelt sich für Jäncke nicht zuletzt die grosse
Entwicklung in seinem Fachgebiet: «Noch vor dreissig Jahren ging man
davon aus, dass das menschliche Gehirn bloss wenige oder gar keine
individuellen Merkmale aufweist», erklärt der Neuropsychologe. Doch die
Magnetresonanztomografie und die Software zur Auswertung digitalisierter
Hirnscans haben sich inzwischen stark verbessert.
Nota. - Wird jemals ein Mensch (oder eine Maschine) eines Andern Gedanken lesen können? Es bedürfte einer Maschine, die die mit Bild-gebenden Verfahren gewonnenen Informationen aus dem analogen Modus in den digitalen übersetzen könnte - denn anders ist Bedeutung nicht darzustellen. Das setzte voraus, dass Bedeutungen Objektiva wären, denen irgendwann willkürliche Zeichen objektiv zugeordnet werden könn- ten. Das sind sie schlechterdins nicht.
Man könnte allenfalls - und das ist in Ansätzen geschehen - herausfinden, welche (vernommenen) Bedeu- tungen ein Individuum regelmäßig in welche Bilder umzusetzen pflegt. Dann ließen sich die Bilder in Be- deutungen rückübersetzen - für dieses Individuum und für jede Bedeutung extra. Gäbe es ein Standard- hirn, das wir im großen Ganzen alle miteinander teilen - wie eine Leber oder eine Niere -, ließe sich theo- retisch eine Standardliste erstellen - die allerdings nur ungefähr gelten könnte. Das bedeutet praktisch, dass sie nicht gelten würde; denn bei Bedeutungen kommt es auf Feinheiten an. Mehr als eine Feinheit ist aber, ob eine beobachtete Bild-Bedeutung im Frage- oder gar Verneinungsmodus gemeint ist - die schechtedings auf analoge Weise gar nicht wiedergegeben werden können.
*
Diese Überlegungen werden hinfällig, wenn das Gehirn eines jeden sich in seinem Aufbau von dem eines jeden andern unterscheidet. Dann ist eine Standardisierung von Bild-Bedeutungen ausgeschlossen. Man darf sich diese Horrorvision getrost aus dem Kopf schlagen.
JE
Dienstag, 10. Juli 2018
Bestimmen durch reduzieren.
aus DiePresse.com, 23.06.2018 18 Jahre her: Präsident Clinton und Genetiker Venter feiern
„Buch des Lebens“.
Wie viele Gene haben wir denn nun?
Dann kam der große Tag: Am 26. Juni versammelte US-Präsident Bill Clinton die Spitzen der Genetik um sich, kein Wort war ihm zu groß: „Heute lernen wir die Sprache, in der Gott das Leben erschaffen hat. Dieses tief greifende Wissen wird der Menschheit ungeheure neue Heilkräfte bescheren und Diagnose und Therapie der meisten, wenn nicht aller Krankheiten revolutionieren.“
Über die Jahre wurden es weniger
Die Hoffnung trog, auch deshalb, weil man gar so viel von der Sprache des Lebens noch nicht gelernt hatte: Zum einen macht das, was wir Gene nennen, kaum mehr als ein Prozent des gesamten Genoms aus, und zum anderen war die offizielle Zahl der Gene reichlich vage: zwischen 20.000 und 30.000. Über die Jahre wurden es immer weniger, der letzte Stand – 18.894 – stammt vom März, er bezieht sich auf Gene, die Proteine „kodieren“, d. h. die Blaupause ihrer Information in RNA umschreiben (Transkription) und dann in die anderen Bausteine des Lebens umsetzen lassen (Translation), das ist die engste Definition. Lockerer kann man zu „Genen“ auch noch rechnen, was in RNA umgeschrieben, aber dann nicht übersetzt wird, das gibt es häufig, viele Gene regulieren so andere Gene, manche haben ihre Aktivität eingestellt, sind Pseudogene geworden.
Beide Gruppen hat nun Steven Salzberg (Johns Hopkins, Baltimore) gezählt, in höchst aufwendigen Analyseverfahren, gestützt auf Daten aus über dreißig Geweben von Hunderten Toten, die im Rahmen des Genotype-Tissue Expression (GTEx) project erhoben wurden: „Die neue Human-Gen-Datenbank umfasst 43.162 Gene, davon 21.306 kodierende und 21.856 nichtkodierende“ (BioRxiv 10.1101/332825).
Endgültig sind diese Zahlen nicht, Widerspruch kam rasch, etwa von Adam Frankish (Hinxton), er hat hundert der neuen kodierenden Gene durchgemustert (Nature, 556, S. 354): Nur eines kodierte wirklich.
aus derStandard.at, 22. Juni 2018, 18:38
London/Wien – Es klingt erstaunlich und ist doch wahr: Die Genetik weiß rund 15 Jahre nach Ende des Humangenomprojekts immer noch nicht ganz genau, wie viele Gene ein Mensch besitzt. Klar ist nur, dass es weniger sind, als die führenden Experten noch um das Jahr 2000 herum vermuteten.
Damals legte der britische Genetiker Ewan Binney, heute Direktor des European Bioinformatics Institute, in einer Bar in Could Spring Harbour (US-Bundessstaat New York) ein Wettbuch auf, in dem Fachkollegen ihre Schätzungen der Zahl menschlicher Gene, die für Proteine codieren, eintragen konnten.
Wie sich Experten irren können
460 der führenden Genetiker trugen in den nächsten drei Jahren in dieses Buch ihre Schätzungen ein – und lagen zum Teil spektakulär falsch. Die Mutmaßungen, die in der Bar im US-Zentrum für Genomforschung abgegeben wurden, gingen von viel zu hohen Zahlen aus. Viele nannten Werte von über 100.000 Genen, Siegerin wurde die US-Genetikerin Lee Rowen, die mit 25.947 Genen auch deutlich darüber lag. Im Schnitt schätzten die Genetiker 40.000 codierende Gene.
In den letzten Jahren wurde immer klarer, dass diese Zahl nur bei der Hälfte, also bei etwa 20.000 liegt. Das ist einigermaßen ernüchternd, aber womöglich immer noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Kürzlich publizierte eine Gruppe um den Bioinformatiker Steven Salzberg (Johns Hopkins University) auf der Preprint-Plattform "BioRxiv" die neusten Zahlen.
Die neuen Zahlen aus Baltimore
Die Forscher fanden rund 5.000 weitere Gene, davon 1.200, die für Proteine codieren. Insgesamt kamen die Forscher damit auf 21.306 Protein-codierende Gene und 21,856 nichtcodierende Gene. Wie das Wissenschaftsmagazin "Nature" online berichtet, sind aber auch diese aktuellen Zahlen schon wieder umstritten. Einige der neuen Gene sind für Kollegen zumindest umstritten.
Eines steht allerdings fest: Die noch zu erwartenden Korrekturen werden aber gewiss nichts daran ändern, dass der Gemeine Wasserfloh mit rund 30.000 Genen fast 10.000 mehr hat als der Mensch. (tasch)
Originalpublikationen
Nota. - Die nächstliegende Vorstellung von der Entwicklung eines einfachen Organismus zu einem komplexen ist das Bild vom Hinzufügen immer neuer Bestimmungen. Doch anscheinend muss man es sich - mindestens auch - als das Ausscheiden von Überflüssigem vorstellen.
JE
Wie viele Gene haben wir denn nun?
Eine neue Schätzung hat die so vage wie umstrittene Zahl nach oben korrigiert.
Von Jürgen Langenbach
Im Frühjahr 2000 stieg unter Genetikern das Wettfieber an, die Sequenzierung des Humangenoms im Projekt „HUGO“ stand vor dem Abschluss, aber keiner wusste, wie viele Gene herauskommen würden. Deshalb ersann Ewan Birney (Hinxton) bei einer Tagung den „GeneSweep contest“, in dem die Zahl abgeschätzt werden konnte, er nahm am Abend in einer Bar die ersten Wetten an, spätere kamen via E-Mail, über tausend Forscher boten mit: Die Schätzungen reichten von 27.462 bis 312.000.
Von Jürgen Langenbach
Im Frühjahr 2000 stieg unter Genetikern das Wettfieber an, die Sequenzierung des Humangenoms im Projekt „HUGO“ stand vor dem Abschluss, aber keiner wusste, wie viele Gene herauskommen würden. Deshalb ersann Ewan Birney (Hinxton) bei einer Tagung den „GeneSweep contest“, in dem die Zahl abgeschätzt werden konnte, er nahm am Abend in einer Bar die ersten Wetten an, spätere kamen via E-Mail, über tausend Forscher boten mit: Die Schätzungen reichten von 27.462 bis 312.000.
Dann kam der große Tag: Am 26. Juni versammelte US-Präsident Bill Clinton die Spitzen der Genetik um sich, kein Wort war ihm zu groß: „Heute lernen wir die Sprache, in der Gott das Leben erschaffen hat. Dieses tief greifende Wissen wird der Menschheit ungeheure neue Heilkräfte bescheren und Diagnose und Therapie der meisten, wenn nicht aller Krankheiten revolutionieren.“
Über die Jahre wurden es weniger
Die Hoffnung trog, auch deshalb, weil man gar so viel von der Sprache des Lebens noch nicht gelernt hatte: Zum einen macht das, was wir Gene nennen, kaum mehr als ein Prozent des gesamten Genoms aus, und zum anderen war die offizielle Zahl der Gene reichlich vage: zwischen 20.000 und 30.000. Über die Jahre wurden es immer weniger, der letzte Stand – 18.894 – stammt vom März, er bezieht sich auf Gene, die Proteine „kodieren“, d. h. die Blaupause ihrer Information in RNA umschreiben (Transkription) und dann in die anderen Bausteine des Lebens umsetzen lassen (Translation), das ist die engste Definition. Lockerer kann man zu „Genen“ auch noch rechnen, was in RNA umgeschrieben, aber dann nicht übersetzt wird, das gibt es häufig, viele Gene regulieren so andere Gene, manche haben ihre Aktivität eingestellt, sind Pseudogene geworden.
Beide Gruppen hat nun Steven Salzberg (Johns Hopkins, Baltimore) gezählt, in höchst aufwendigen Analyseverfahren, gestützt auf Daten aus über dreißig Geweben von Hunderten Toten, die im Rahmen des Genotype-Tissue Expression (GTEx) project erhoben wurden: „Die neue Human-Gen-Datenbank umfasst 43.162 Gene, davon 21.306 kodierende und 21.856 nichtkodierende“ (BioRxiv 10.1101/332825).
Endgültig sind diese Zahlen nicht, Widerspruch kam rasch, etwa von Adam Frankish (Hinxton), er hat hundert der neuen kodierenden Gene durchgemustert (Nature, 556, S. 354): Nur eines kodierte wirklich.
aus derStandard.at, 22. Juni 2018, 18:38
Wie viele Gene hat der Mensch?
Bioinformatiker aus den USA liefern die neueste Schätzung: Es sind immer noch etwa 9.000 weniger als beim Wasserfloh
London/Wien – Es klingt erstaunlich und ist doch wahr: Die Genetik weiß rund 15 Jahre nach Ende des Humangenomprojekts immer noch nicht ganz genau, wie viele Gene ein Mensch besitzt. Klar ist nur, dass es weniger sind, als die führenden Experten noch um das Jahr 2000 herum vermuteten.
Damals legte der britische Genetiker Ewan Binney, heute Direktor des European Bioinformatics Institute, in einer Bar in Could Spring Harbour (US-Bundessstaat New York) ein Wettbuch auf, in dem Fachkollegen ihre Schätzungen der Zahl menschlicher Gene, die für Proteine codieren, eintragen konnten.
Wie sich Experten irren können
460 der führenden Genetiker trugen in den nächsten drei Jahren in dieses Buch ihre Schätzungen ein – und lagen zum Teil spektakulär falsch. Die Mutmaßungen, die in der Bar im US-Zentrum für Genomforschung abgegeben wurden, gingen von viel zu hohen Zahlen aus. Viele nannten Werte von über 100.000 Genen, Siegerin wurde die US-Genetikerin Lee Rowen, die mit 25.947 Genen auch deutlich darüber lag. Im Schnitt schätzten die Genetiker 40.000 codierende Gene.
In den letzten Jahren wurde immer klarer, dass diese Zahl nur bei der Hälfte, also bei etwa 20.000 liegt. Das ist einigermaßen ernüchternd, aber womöglich immer noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Kürzlich publizierte eine Gruppe um den Bioinformatiker Steven Salzberg (Johns Hopkins University) auf der Preprint-Plattform "BioRxiv" die neusten Zahlen.
Die neuen Zahlen aus Baltimore
Die Forscher fanden rund 5.000 weitere Gene, davon 1.200, die für Proteine codieren. Insgesamt kamen die Forscher damit auf 21.306 Protein-codierende Gene und 21,856 nichtcodierende Gene. Wie das Wissenschaftsmagazin "Nature" online berichtet, sind aber auch diese aktuellen Zahlen schon wieder umstritten. Einige der neuen Gene sind für Kollegen zumindest umstritten.
Eines steht allerdings fest: Die noch zu erwartenden Korrekturen werden aber gewiss nichts daran ändern, dass der Gemeine Wasserfloh mit rund 30.000 Genen fast 10.000 mehr hat als der Mensch. (tasch)
Originalpublikationen
- BioArxiv: "Thousands of large-scale RNA sequencing experiments yield a comprehensive new human gene list and reveal extensive transcriptional noise"
- Bericht in Nature online: "New human gene tally reignites debate"
Nota. - Die nächstliegende Vorstellung von der Entwicklung eines einfachen Organismus zu einem komplexen ist das Bild vom Hinzufügen immer neuer Bestimmungen. Doch anscheinend muss man es sich - mindestens auch - als das Ausscheiden von Überflüssigem vorstellen.
JE
Montag, 9. Juli 2018
Zimbardo weiter in der Kritik.
Originalfotoaus Süddeutsch.de, 9. 7. 2018
...Der Rummel um das Stanford-Prison-Experiment war von Beginn an groß. Zimbardo ließ die Presse teilhaben und veröffentlichte die ersten Ergebnisse nicht etwa in einem Fachjournal, sondern in The New York Times Magazine. Als es in US-Gefängnissen in San Quentin und Attica reale blutige Revolten gab, bei denen zahlreiche Häftlinge erschossen wurden, war Zimbardo ein gefragter Gast im Fernsehen, um die Tragödien zu deuten. Später wurden zahlreiche Filme über das Stanford-Prison-Experiment gedreht. Es diente als Blaupause, um die Folter von Häftlingen im irakischen Abu Ghraib Gefängnis durch US-Militärangehörige zu deuten oder gar den Holocaust zu analysieren. Bis heute findet sich das Stanford-Prison-Experiment in fast allen Psychologie-Lehrbüchern.
Von Beginn an wurde Zimbardo aber auch für den Versuch und seine Schlussfolgerungen kritisiert. Der Psychologe Leon Festinger, der das Konzept der kognitiven Dissonanz entwickelt hat, meinte, es habe sich nicht um ein Experiment, sondern um ein "Happening" gehandelt. Die Psychologen Alexander Haslam und Stephen Reicher scheiterten 2001 mit einer Replikation des Versuches: In dieser Version waren die Wächter passiv und schüchtern, während sich die Häftlinge rasch Erleichterungen und Privilegien verschafften. Auch Personen, die an den Vorgängen 1971 in Stanford beteiligt gewesen waren, meldeten sich über die Jahre zu Wort und behaupteten sinngemäß, das Ganze sei eher eine Art zielgerichtetes Impro-Theater gewesen.
In diese Kerbe schlagen auch der französische Autor Thibault Le Texier, der gerade ein Buch mit dem Titel "Histoire d'un Mensonge" (Geschichte einer Lüge) veröffentlicht hat und der Journalist Ben Blum, der Anfang Juni im Digitalmagazin Medium einen ausführlichen Text über die vielen Fragen und Ungereimtheiten rund um das Gefängnis-Experiment publiziert hat. Der Kern der Vorwürfe ergibt sich aus Tonaufnahmen, die während des Experiments 1971 aufgenommen wurden und die auf der Homepage der Stanford University zugänglich sind. Darin ist einer der Experimentatoren zu hören, wie er offenbar einen der Wächter zu mehr Strenge und Härte gegen die Häftlinge ermahnt. Das widerspricht der offiziellen Lesart der Vorgänge, wonach die Demütigungen und sadistischen Exzesse sich von alleine sowie ohne Intervention der Psychologen entwickelt hätten. Offenbar stellte auch einer der Mitexperimentatoren drakonische Regeln auf, nach denen die Häftlinge im Keller von Stanford zu behandeln waren.
Einige der Teilnehmer erzählten Ben Blum und anderen Autoren zudem, sie hätten vor allem geschauspielert. Sein Nervenzusammenbruch sei ein einziger Fake gewesen, wird einer der Teilnehmer in dem Artikel im Medium zitiert. Einer der Ex-Wärter behauptet darin, er sei in eine Rolle geschlüpft. Dazu habe er sogar einen Südstaaten-Akzent aufgesetzt. Seine besondere Erbarmungslosigkeit gegenüber den Häftlingen habe er nur deshalb gezeigt, weil die Psychologen das offensichtlich von ihm erwartet hätten. Er habe so gehandelt, weil er der Wissenschaft helfen wollte, weil es um ein höheres Ziel gegangen sei.
Wollten die Teilnehmer die Erwartungen der Psychologen nicht enttäuschen?
Diese Lesart übernehmen auch Psychologen um Haslam und Reicher, die die Tonaufnahmen ausgewertet haben und ihre Ergebnisse in einer Vorabveröffentlichung zusammenfassen. Auch ihr Fazit ist: Das Verhalten der Teilnehmer sei vor allem davon angetrieben worden, dass die Probanden im Glauben an ein höheres Ziel handelten und die Erwartungen der Psychologen nicht enttäuschen wollten; und davon, dass die Experimentatoren klar die gewünschte Richtung vorgaben. Allerdings sagten die Forscher auch, dass es überzogen sei, ausschließlich damit die Brutalität der Wärter zu erklären. Dass es nur die Umstände und das Machtgefälle gewesen seien, wie Zimbardo reklamierte, scheint jedoch auch sehr, sehr gewagt zu sein.
Zimbardo verteidigt seine Arbeit im Netz mit dem Hinweis, das Experiment haben gezeigt, "was jedem von uns passieren könnte, wenn er die Macht sozialer Rollen und von externem Druck auf seine Handlungen unterschätzt". In einem offenen Brief plädieren nun 119 Wissenschaftler dafür, die vorliegende Evidenz nüchtern auszuwerten und zu analysieren - und dabei auf persönliche Angriffe gegen Kollegen zu verzichten. Sie warnen aber auch davor, allzu hemmende Ehrfurcht vor großen Namen zu haben, auf deren Konto ein gewichtiger Klassiker der Psychologie geht. Denn auch große Figuren können große Fehler machen.
Mittwoch, 4. Juli 2018
Hirnforschung: Spezialisieren und Verallgemeinern.
Der Berliner Tagesspiegel bringt heute ein Interwiew mit der Hirnforscherin Svenja Caspers vom 1000Brains-Projekt.
Daraus:
Frau Professor Caspers, was passiert im alternden Gehirn?
Nervenzellen und ihre Verbindungen sterben. Dadurch nimmt die Hirnmasse ab. Das kann man im Mag- netresonanztomografen auch sehen. Manche Funktionen leiden im Alter aber mehr als andere. Zum Bei- spiel bleiben Sprachfähigkeit und Allgemeinwissen bis ins hohe Alter sehr stabil. Aufmerksamkeit, Ge- dächtnis, Sprachfähigkeiten [?] oder Orientierung bauen dagegen ab.
Weil bestimmte Regionen im Gehirn früher vom Altern betroffen sind?
Nicht ganz. Die höheren Funktionen des Gehirns entstehen nicht in einzelnen Arealen, sondern in verteilten Netzwerken. Diese erkennen wir im Scanner daran, dass die beteiligten Areale gleichzeitig aktiv werden. Wenn die Leistungsfähigkeit eines Netzwerks im Alter abnimmt, schaltet das Gehirn jedoch immer mehr Areale hinzu, die mit der Funktion vorher nichts zu tun hatten. So versucht es, den Verlust von Hirngewebe zu kompensieren.
Leider beginnt dadurch die Aktivität der spezialisierten Netzwerke immer mehr zu überlappen. Die Netz- werke sind also weniger spezialisiert als vorher. So wird bei machen Aufgaben gleich das ganze Gehirn aktiviert. Das frisst Ressourcen und äußert sich darin, das ältere Menschen Aufgaben nicht mehr so zügig erledigen wie jüngere: die Einkaufsliste erstellen, entscheiden, wie man am schnellsten zum Supermarkt kommt, die Produkte dort finden, das alles kostet dann mehr Anstrengung.
Von den „1000Brains“-Daten haben Sie als Erstes die Hirnaktivität analysiert, die ihre Probanden hatten, während sie still im Scanner lagen. Warum?
Alle Netzwerke des Gehirns werden auch im Ruhezustand aktiv. Das Gehirn bereitet sich so stets auf eine mögliche nächste Handlung vor – wie ein Tennis-Spieler, der hüpfend auf den Aufschlag seines Gegners wartet. Liegt man mit geschlossenen Augen in einem Hirnscanner, dann leuchtet mal das Arbeitsgedächt- nis-, mal das Aufmerksamkeits-Netzwerk auf. In einer der ersten Analysen haben wir uns die Aktivierung eines besonderen Ruhenetzwerks angeschaut, des Default Mode Netzwerks. Es ist nur dann aktiv, wenn alle aufgabenbezogenen Netzwerke – also etwa die für Aufmerksamkeit oder für das Arbeitsgedächtnis – schweigen.
Wir vermuten daher, dass es für innere Prozesse zuständig ist, etwa bei der Selbstreflexion, der Verarbei- tung von Erlebtem oder der Meditation. Im Ruhezustand ist das Default-Mode-Netzwerk also viel aktiver als die anderen. Wir haben beobachtet, dass das Netzwerk beim Altern seine Struktur verändert. Die hinte- ren Areale des Kortex verlieren mehr Hirnmasse als die weiter vorne. Das bestätigt eine Theorie, derzufol- ge die hinteren Hirnbereiche mit als Erstes altern. Eine Konsequenz davon scheint zu sein, dass das Netz- werk seine Aktivität nicht mehr so leicht einstellen kann. Für das Gehirn wird es dann schwieriger, auf Netzwerke für die aktive Lösung von Aufgaben umzuschalten.
Und was passiert in den aufgabenbezogenen Netzwerken?
Sie arbeiten umso stärker vernetzt, je älter die Probanden sind. Das bestätigt eine andere Theorie, derzufol- ge das Gehirn mit dem Alter nicht nur strukturell abbaut, sondern sich funktionell umorganisiert. Außer- dem sehen wir, dass die aufgabenbezogenen Netzwerke bei Probanden, die in neuropsychologischen Tests schlechter abschneiden, auch im Ruhezustand stärker aktiv sind. Das ergibt Sinn: Sind die Netzwerke immer überaktiv, hat man kaum noch Kapazitäten für aktive Aufgaben. Dieser Effekt war übrigens unabhängig vom Alter.
Nota. - Den 'Sitz des Ich' sollte man wohl vor alem im DEfault-Mode Netzwerk suchen. Ohne zu vergessen: Es ist nicht, sondern es ist aktiv; auch wenn du schläfst.
JE
Freitag, 22. Juni 2018
Ein Schwips weitet den Gesichtskreis.
ginnatic aus derStandard.at, 22. Juni 2018, 10:37
Blunzenfett und superkreativ:
Die tollen Kräfte des Alkohols "Drunk People are better at Creative Problem Solving" lautet das Ergebnis einer Studie an der Universität Mississippi
Schöner Artikel in der "Harvard Business Review". Die Redaktion berichtet über eine nicht nur bahnbrechende, sondern auch süffige Studie des Psychologen Andrew Jarosz von der Universität Mississipi. Zwanzig männliche Studenten hat Jarosz erst mit Cranberry-Wodka abgefüllt und danach verbale Aufgaben lösen lassen.
Das Ergebnis dieser Zechtour im Dienste der Wissenschaft ist eindeutig: "Drunk People are better at Creative Problem Solving." Den Verlauf des Experiments kann man sich gut vorstellen: Topfnüchterne Probanden, die glotzäugig und schmähstad auf ihre Aufgabenliste starren, neben hochinspirierten Kreativitätsbomben, die Ideen hervorsprühen wie ein frisch ausgebrochener Vulkan. Und dies, obwohl Jarosz sie lediglich in den minderalkoholisierten Zustand der "tipsiness" (Kavalierspitz) versetzt hat. Wie kreativ wären sie erst sternhagelvoll gewesen! ...
Das ist aber ein alter Hut:
aus Medical Daily, 11. 4. 2012
Drinking alcohol may enhance a person’s problem solving skills, according to a new study.
Scientists found that men who either drank two pints of beer or two glasses of wine before solving brain teasers not only got more questions right, they also were quicker in delivering correct answers, compared to men who answered the questions sober.
While the latest findings go against the traditional beliefs that alcohol impairs analytical thinking and rational thoughts, lead author Professor Jennifer Wiley of the University of Illinois at Chicago discovered that alcohol may enhance creativity problem solving by reducing the mind’s working memory capacity, which is the ability to concentrate on something in particular.
“Working memory capacity is considered the ability to control one’s attention,” Wiley told the Federation of Associations in Behavioral and Brain Sciences (FABBS). “It’s the ability to remember one thing while you’re thinking about something else.”
While the latest study found that alcohol may enhance creative problem solving, previous research found that increased working memory capacity actually led to better analytical problem-solving performance.
Researcher from the current study published in the journal Consciousness and Cognition also found that people who drank alcohol and had a blood alcohol level of 0.07 or higher were worse at completing problems that required attentional control but better at creative problem solving tests.
However, the surprising discovery was that participants with a BAC of 0.07 or higher solved 40 percent more problems than their sober counterparts and took 12 seconds to complete the tasks compared to 15.5 seconds by teetotal participants.
Wiley said that the key finding was that being too focused can blind a person to novel possibilities and a broader, more flexible state of attention may be helpful for creative solutions to emerge.
“We have this assumption, that being able to focus on one part of a problem or having a lot of expertise is better for problem solving,” Wiley said. “But that’s not necessarily true. Innovation may happen when people are not so focused. Sometimes it’s good to be distracted.”
Wiley noted that the findings only apply to people who had only a few drinks and not when people drink to extremes.
“The bottom line is that we think being too focused can blind you to novel possibilities, and a broader, more flexible state of attention is needed for creative solutions to emerge.”
Other experts said while the findings were interesting and made sense, they stressed that sleep is probably just as beneficial for enhancing creativity. Past research showed that people who were allowed to sleep after being given a problem were also more likely to come up with a creative solution compared to those who stayed awake.
Nota. - Konzentration ist erforderlich, wo eine vorgegebene Aufgabe mit vorgegebenen Mitteln bewältigt werden muss. Wo dagegen ein Problem als solches überhaupt erst wahrgenommen und durchschaut werden soll, ist es zweck mäßig (sic), die Gedanken schweifen zu lassen.
JE
Donnerstag, 21. Juni 2018
Verschollene Materie wiedergefunden.
Rätsel der fehlenden Materie gelöst
Nachweis von heißem Gas in kosmischen Filamenten könnte fehlendes Drittel erklären
Die normale Materie – von Forschern als Baryonen bezeichnet – ist in unserem Kosmos in der Minderheit: Nur rund fünf Prozent macht sie aus, der Rest sind Dunkle Materie und Dunkle Energie. Doch selbst von diesen unter anderm über die kosmische Hintergrundstrahlung ermittelten fünf Prozent schien bisher ein Teil verschwunden zu sein.
Ein Drittel fehlt
Alle bisher in Galaxien, dem interstellaren Gas sowie in Galaxienhalos und Galaxienclustern nachgewiesene Materie macht nur rund 20 Prozent von dem aus, was kurz nach dem Urknall noch vorhanden war. Weitere rund 40 Prozent könnten sich in Gaswolken zwischen den Galaxien verbergen. Wo aber ist das restliche Drittel?
"Die fehlenden Baryonen repräsentieren eines der größten Rätsel der modernen Astrophysik", erklärt Erstautor Fabrizio Nicastro vom Astrophysikalischen Observatorium in Rom. "Wir wissen, dass diese Materie irgendwo dort draußen sein muss, weil wir sie im frühen Universum sehen. Aber wir können sie nicht mehr finden."
Alle bisher in Galaxien, dem interstellaren Gas sowie in Galaxienhalos und Galaxienclustern nachgewiesene Materie macht nur rund 20 Prozent von dem aus, was kurz nach dem Urknall noch vorhanden war. Weitere rund 40 Prozent könnten sich in Gaswolken zwischen den Galaxien verbergen. Wo aber ist das restliche Drittel?
"Die fehlenden Baryonen repräsentieren eines der größten Rätsel der modernen Astrophysik", erklärt Erstautor Fabrizio Nicastro vom Astrophysikalischen Observatorium in Rom. "Wir wissen, dass diese Materie irgendwo dort draußen sein muss, weil wir sie im frühen Universum sehen. Aber wir können sie nicht mehr finden."
Extrem heiß und unglaublich dünn
Schon länger haben Astronomen den Verdacht, dass sich die fehlenden Baryonen in den kosmischen Filamenten verstecken könnten. Diese riesigen, kaum sichtbaren Gasfäden durchziehen das ganze Universum, sind aber nur schwer zu erforschen. Denn die Gasdichte in diesen Filamenten ist extrem gering und Teile dieses Gases sind so stark ionisiert und aufgeheizt, dass sie für Teleskop nahezu unsichtbar werden.
"Dieses intergalaktische Medium enthält Gasfilamente, die Temperaturen von mehreren tausend bis zu einigen Millionen Grad aufweisen", sagt Koautor Michael Shull von der University of Colorado in Boulder. Will man dieses Gas nachweisen, muss man kosmische Helfer aquirieren: Quasare. Das starke Röntgenlicht dieser fernen Galaxienkerne durchstrahlt die Gasfilmente von hinten. Dabei hinterlassen die Gasteilchen charakteristische Signaturen im Röntgenspektrum dieses Lichts.
Signatur im Röntgenlicht
Jetzt ist es Nicastro und seinem Team gelungen, diese Signaturen mithilfe des ESA-Röntgenteleskops XMM-Newton einzufangen. Dafür hatten sie zwei Jahre lang immer wieder einen mehr als vier Milliarden Lichtjahre entferten Quasar anvisiert – so lang wie nie zuvor mit einem Röntgenteleskop. Und tatsächlich: "Nachdem wir die Daten durchkämmt hatten, fanden wir die Signatur von Sauerstoff an zwei Stellen entlang der Sichtlinie", so Nicastro.
Das Entscheidende dabei: Der heiße, ionisierte Sauerstoff hat eine Dichte, die hochgerechnet ziemlich genau der fehlenden Materie entspricht, wie die Forscher berichten. "Dort liegen offensichtlich große Reservoire von Material, darunter Sauerstoff, und dies in ziemlich genau den Mengen, die wir erwartet haben, sagt Nicastro. "Damit können wir nun endlich die Lücke im Baryonen-Budget des Universums schließen."
Nach mehr als 20 Jahre der Suche könnte die Astronomen damit endlich das fehlende Materiedrittel des Universums aufgespürt haben. Demmnach verstecken sich diese Baryonen wie vermutet im sogenannten Warm-Hot Intergalactic Medium (WHIM) der kosmischen Filamente. Noch allerdings müssen weitere Messungen an anderen Stellen des Kosmos sicherstellen, dass dieser Fund kein Sonderfall ist, sondern tatsächlich universell.
Doch die Astronomen sind zuversichtlich: "Wir haben die fehlenden Baryonen gefunden", ist sich Koautor Michael Shull von der University of Clorado in Boulder sicher. Wie er erklärt, ist dies nicht nur für das Baryonenrätsel wichtig, sondern auch für unsere Vorstellungen des Universums: "Der Baryonen-Zensus von Wasserstoff, Helium und allen andern Elementen ist eine der Säulen von Tests der Urknalltheorie", so der Forscher.
Neue Fragen
Die Entdeckung wirft aber auch neue Fragen auf: "Wie gelangt diese Materie von den Sternen und Galaxien so weit hinaus in den intergalaktischen Raum?", fragt Koautor Charles Danforth von der University of Colorado. "Offenbar geht zwischen diesen Regionen etwas vor, dessen Details wir bisher noch kaum verstehen." Sein Kollege Norbert Schartel von der ESA ergänzt: "Jetzt, da wir die Baronen endlich gefunden haben, können wir es kaum erwarten, sie näher zu erforschen." (Nature, 2018; doi: 10.1038/s41586-018-0204-1)
(ESA, University of Colorado, 21.06.2018 - NPO)
Nota. - Es erscheint immer abwegiger, hinter der Kosmos einen Plan anzunehmen; von herrschenden Gesetzen ganz zu schweigen.
JE
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