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aus derStandard.at, 22. März 2019
Kann die DNA erklären, warum Niederländer die größten Europäer sind?
Zwei neue Untersuchungen kommen zu überraschenden Ergebnissen
von Klaus Taschwer
Wien
– Die menschliche Körpergröße und ihre Unterschiede zwischen Nationen
sind ein spannendes Thema, zumal für Populationsgenetiker. Denn an
diesem Merkmal lassen sich die Einflüsse von Genen und Umwelt besonders
gut studieren. Sind es eher genetische Faktoren und die Selektion, die
dazu führten, dass etwa die niederländischen Männer, die vor 200 Jahren
zu den kleinsten Europäern gehörten, mittlerweile mit 1,84 Metern die
größten sind? Oder haben vor allem andere Faktoren wie eine bessere
Ernährung zum Größenwachstum beigetragen?
Kleiner Beitrag vieler Gene
Schon
vor über 100 Jahren war es Statistikern wie Ronald Fisher klar, dass
eine Vielzahl von Genen einen jeweils kleinen Beitrag zur Körpergröße
leisten dürften. Das wurde durch populationsgenetische Unter- suchungen,
zuletzt durch sogenannte genomweite Assoziationsstudien (GWAS)
bestätigt. So kam eine 2014 im Fachblatt "Nature Genetics" veröffentlichte GWAS
mit Daten von mehr als 250.000 Individuen auf nicht weniger als 697
Genomvarianten, die 20 Prozent der Unterschiede erklären können.
Um
diese komplexen genetischen Einflüsse in ihrer Stärke zu messen, haben
sich Forscher zuletzt einen statistischen Wert einfallen lassen, der die
Komplexität auf einen einzigen Wert reduziert, den sogenannten "polygenic score".
Diese Zahl errechnet sich aus der Summe aller verbreiteten genetischen
Varianten, die zu einem erblichen Merkmal beitragen, gewichtet nach
deren Effektstärke.
Die Hoffnung mancher Genetiker ist es, mit
diesem Konzept und den immer größeren genetischen Datenmengen den
Einfluss der Gene im Vergleich zur Umwelt "herausrechnen" zu können –
und zwar nicht nur für die Körpergröße, sondern auch für komplexere und
politisch "sensiblere" Eigenschaften wie die Intelligenz.
Neuauswertungen aktueller Daten
Doch
nun erschienen im Fachblatt "eLife" gleich drei Artikel, die einen
Rückschlag für diese Hoffnungen bedeuten dürften. Zwei Forscherteams – eines um Jeremy Berg (Columbia University) und eines um Mashaal Sohail (Harvard)
– haben jüngste GWAS zur Körpergröße unter die Lupe genommen, die einen
wesentlichen Einfluss von Genetik und Selektion auf die
Größenunterschiede in verschiedenen europä- ischen Ländern behaupteten.
Bei
dieser Neuauswertung der Daten zeigte sich, dass dieser behauptete
Einfluss vor allem auf statistische Fehlinterpretationen zurückgeht, die
nicht zuletzt dann auftreten, wenn Methoden auf großen Mengen kleiner
Effekte beruhen, wie das exemplarisch beim "polygenic score" der Fall
ist. Mit anderen Worten: Auf Basis der vorliegenden Daten kann man –
überraschenderweise – tatsäch- lich noch nicht wissen, ob die Gene für die
Größenunterschiede zwischen den europäischen Nationen verantwortlich
sind.
Wenig zuverlässige Maßzahl
Das soll
nun nicht heißen, dass Genetik und Selektion keinen Einfluss auf die
Körpergröße haben, wie die in Österreich tätigen Genetiker und
Mathematiker Nick Barton (IST Austria), Joachim Hermisson (Uni Wien) und
Magnus Nordborg (GMI) in einem Kommentar in "eLife" schreiben.
Offensichtlich sei jedoch, dass der "polygenic score" kein
zuverlässiges Maß für den genetischen Beitrag zu einem Merkmal ist, wenn
die untersuchten Personengruppen auch von unterschiedlichen Umgebungen
beeinflusst sind.
Wenn aber dieses Maß nicht einmal bei einem der
am besten untersuchten Merkmale funktioniere, dann seien ähnliche
Probleme bei Merkmalen wie der Intelligenz zu erwarten, wo angebliche
populationsgeneti- sche Unterschiede von bestimmten Gruppen gerne
rassistisch missinterpretiert werden.
Die Originalpublikationen in "eLife"
Nota. - Dass man den genetischen Einfluss auf die Körpergröße nicht statistisch von den Umweltfaktoren scheiden kann, bedeutet nicht, dass es ihn nicht gibt; denn es bedeutet ja auch nicht, dass es keine Umwelt- faktoren gäbe. Es beweist aber eins: dass man ihn auf jeden Fall nicht... messen kann.
Es werden immer mehr genetische Einflüsse - und neuerdings epigenetische Einflüsse - auf immer mehr menschliche Eigenschaften entdeckt. Für Annahme, dass es ausgerechnet für die Körpergröße (oder aus- gerechnet für die Intelligenz) keinen genetischen Zusammenhang gäbe, bräuchte es sehr starke theoretische Gründen. Aber es gibt nicht einmal schwache.
Worüber gestritten werden könnte, ist nur, ob der Einfluss ein großer oder ein kleiner ist. Dafür gibt es auch weiterhin keine empirischen Befunde. Und wenn es welche gäbe, würden sie allein noch nichts darüber aussagen, welche Schlüsse aus ihnen zu ziehen wären. Denn eins steht ja fest: Es sind zu viele und eben darum auch jeweils zu kleine Einflüsse. Die nächstliegende Vermutung: Man kann sie vernachlässigen.
JE