Samstag, 18. Oktober 2014

Die Anfänge der Schrift - Göbekli Tepe.

Göbekli Tepe, Pfeiler 43

Die steinzeitlichen Wurzeln der Schriftzeichen
Johannes Seiler  
Dezernat 8 Hochschulkommunikation
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn 

17.10.2014 09:45 

Bereits vor 12.000 Jahren erschufen Steinzeitmenschen auf dem Berg Göbekli Tepe in der heutigen Türkei ein Höhenheiligtum, das sich einer entwickelten Bildsprache bediente. Prof. Dr. Ludwig Morenz, Ägyptologe an der Universität Bonn, stellt in seinem Buch dar, wie diese frühen Vorläufer der Schriftzeichen zu einer kulturellen Revolution im Denken und Handeln der Menschen führte.

Seit Urzeiten hat sich der Mensch für die Nachwelt verewigt: Vor Jahrzehntausenden hinterließen eiszeitliche Jäger ihre Höhlenmalereien. Über abstrakte Bildzeichen ging die Entwicklung allmählich weiter bis zur Schrift. Bereits vor mehr als 5.000 Jahren verwendeten die Altägypter Hieroglyphen als älteste Schriftzeichen. „Wie sich abstrakte Bildzeichen in Schriftzeichen wandelten, lag lange weitgehend im Dunkeln“, sagt Prof. Dr. Ludwig Morenz von der Abteilung für Ägyptologie der Universität Bonn.

Mit den Grabungen des Deutschen Archäologischen Instituts unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Schmidt von der Universität Erlangen-Nürnberg auf dem Berg Göbekli Tepe in Südanatolien kam ein steinzeitliches Heiligtum zum Vorschein. Nahe der heutigen türkischen Stadt Sanliurfa – dem antiken Edessa – errichteten Menschen gegen Ende der Eiszeit vor rund 12.000 Jahren mehrere monumentale Ringanlagen, die von T-förmigen, aus Kalkstein gefertigten Pfeilern beherrscht werden.

Fehlendes Bindeglied zwischen Bildern und Schrift

„Das Höhenheiligtum ist so etwas wie das fehlende Bindeglied zwischen Bildern und den ersten Schriftzeichen“, sagt Prof. Morenz, der zusammen mit Prof. Schmidt mehrere Jahre lang die in Göbekli Tepe entdeckten frühneolithischen Zeichen untersuchte. „Sie erlauben neue Einsichten in historische Tiefen der menschlichen Kommunikation.“ Häufig finden sich auf den T-Pfeilern in Flachreliefen dargestellte Tiere, darunter Schlangen, Skorpione, Füchse, Kraniche, Gazellen und Wildesel. Außerdem gibt es stärker abstrahierte Zeichen wie Tiere, Hände oder die Kombination aus Mondscheibe und -sichel.

„Es handelt sich dabei um einen Sprung in eine neue mediale Welt“, sagt der Experte für Bildersprache und Zeichentheorie. Immerhin sei diese frühe Form der Bildzeichen mehr als doppelt so alt wie die ältesten Schriftzeichen der Altägypter. Zum Ende der Eiszeit wurden Grundlagen gelegt, auf denen die spätere kulturelle Revolution aufbauen konnte. Prof. Morenz: „Göbekli Tepe steht für die Entwicklung von reinen Bildern zur Kodierung von darüber hinaus gehender Bedeutung.“ Während es sich bei der Darstellung eines Stieres etwa in der Höhle von Altamira in Spanien um das direkte Abbild des Tieres handelt, sei ein Stierkopf in dem Höhenheiligtum der Türkei von der primären Bildbedeutung losgelöst als abstraktes Symbol für eine Gottheit zu verstehen.

Bereits vor 12.000 Jahren gab es ein einheitliches Zeichensystem

Der Ägyptologe der Universität Bonn untermauert seine These mit der Tatsache, dass insgesamt rund 20 verschiedene Bildzeichen in ähnlicher Form auch noch in anderen frühneolithischen Fundorten im Umkreis von 150 Kilometern um das Höhenheiligtum Göbekli Tepe herum entdeckt wurden. In dieser fruchtbaren Landschaft zwischen den Oberläufen von Euphrat und Tigris wurden Menschen früh sesshaft. Sie teilten in den verschiedenen Siedlungen mit leichten Abwandlungen die gleichen Bildzeichen. „Das kann kein Zufall sein, die Menschen dieses Kulturraumes müssen sich auf ein einheitliches Zeichensystem geeinigt haben“, ist Prof. Morenz überzeugt.

Die Bildzeichen könnten gleichzeitig mehrere Bedeutungen haben: Ein Schlange stehe einerseits für Bedrohung, könne aber auch als Zeichen für etwas Abwesendes verstanden werden – weil der Abdruck der Schlange im Sand verbleibt, wenn das Tier längst weitergezogen ist. Das Abbild einer abstrahierten Hand lasse sich als Geste - etwa von Abwehr - interpretieren. Manche Zeichen waren in kleine, flache Steine geritzt – quasi als „Heiligtum für die Hosentasche“. „Bei dieser frühen Bildsprache handelt es sich aber noch um keine Schriftzeichen“, stellt Prof. Morenz fest. Schriftzeichen seien noch einmal deutlich differenzierter und umfassten auch die lautliche Dimension, das heißt wie ein bestimmtes Zeichen ausgesprochen wird.

Göbekli Tepe zeigt nach den Untersuchungen des Ägyptologen eindrücklich, wie komplex und spezialisiert bereits die steinzeitliche Gesellschaft vor rund 12.000 Jahren war. „Der Gebrauch von Sprache, Hand und Hirn gingen mit einander einher“, sagt Prof. Morenz. In dem Maß, wie sich die Menschen damals mit großem handwerklichen und intellektuellem Geschick eine abstrakte Bildsprache schufen, drangen sie jenseits der Herausforderungen des Alltags in religiöse Sphären vor und stellten sich bereits den Grundfragen der Menschheit nach dem Jenseits. „Es handelt sich um den Beginn der medialen Entwicklung und um den Aufbruch in neue Denkräume“, sagt Prof. Morenz.

Publikation: Ludwig D. Morenz: Medienevolution und die Gewinnung neuer Denkräume. Das frühneolithische Zeichensystem (10./9. Jt. v. Chr.) und seine Folgen, Studia Euphratica, Bd. 1, EB-Verlag Berlin, 294 S., 58 Euro.

Kontakt für die Medien:

Prof. Dr. Ludwig Morenz
Abteilung für Ägyptologie mit Ägyptischem Museum
Universität Bonn
Tel. 0228/735710 oder 739710
E-Mail: lmorenz@uni-bonn.de

Dienstag, 14. Oktober 2014

Der Humbug des Rankings.

Ranglisten sind bestechend, weil es so einfach ist, an sie zu glauben. Aber mitunter verzerren sie die Wirklichkeit.
aus nzz.ch, 13.10.2014, 05:30 Uhr

Listen und Rankings
Miese Zahlenspiele



Die angenehmste Stadt, die beste Universität, der einflussreichste Politiker: Für alles und jedes gibt es hierarchische Ranglisten. Sie verzerren die Wirklichkeit nicht nur, sie formen sie nach ihren simplen Kriterien um.

Nicht jedes Ranking ist ein Reinfall. Fussballtabellen zum Beispiel studiert der Fan mit Gewinn: Woche für Woche verfolgt er obsessiv die Fort- oder Rückschritte seines Teams, indem er die Anzahl Punkte, Spiele und Tore aller Konkurrenten vergleicht. Die Rangliste bildet einen Wettbewerb ab, der strikten Regeln gehorcht. Ganz gerecht ist dieses Spiel nicht. Nicht nur das Glück, sondern auch das Geld ist unter den Mitspielern ungleich verteilt. Kindern sind Ranglisten ein Reich der Lust. Im Freundschaftsalbum durften Favoriten noch und noch gekürt werden. Die Lieblingsspeisen? Mit der Niederschrift waren sie zum Greifen nah, erstens Pommes frites, zweitens Pizza, drittens Cheeseburger. Unverrückbar die Rangfolge der besten Musikbands und schönsten Farben. Darüber gab's nichts zu diskutieren. Das Kind ordnet die Welt, wie sie ihm gefällt.

Wer ist der Beste?

Rankings funktionieren nur in Parallelwelten, in denen Sonderregeln gelten, die eines Spiels oder eines egomanischen Universums. Sie ordnen Menschen und Dinge metrisch zu einer hierarchischen Reihenfolge, wobei die Abstände zwischen den Rängen identisch sind. Rankings ermöglichen den unmittelbaren Vergleich von mehr oder weniger Unvergleichbarem, indem sie ihre Objekte vom konkreten Kontext isolieren und in Zahlenwerte transformieren.

Diese Ordnung hat mit der Realität nicht viel gemein. Der Fussballfreund ahnt es, wenn er sich der Erwerbsarbeit zuwenden muss, und das Kind auch, das vor dem Gemüseteller sitzt – oder wenn es älter und reifer wird. Bloss der Wissenschaftsbetrieb scheint von dieser Inkongruenz nichts zu wissen und auch die Unternehmensberatungen, Marketingleute, Sozialtechnologen und Medienunternehmen nicht, die aus der Welt eine Bestenliste machen, auf dass sich die Welt dieser Liste angleiche.

Gibt es noch Sachen, die nicht gerankt sind? Ranglisten von Konsumgütern leuchten halbwegs ein: Man kann versuchen, im Interesse des Käufers das beste, langlebigste, günstigste, umweltfreundlichste Staubsaugermodell zu bestimmen. Auch solche Ranglisten sind indes willkürlich. Man braucht bloss eine Variable zu ändern – die schwierig messbare Umweltfreundlichkeit oder das ebenfalls nicht einfach zu bewertende Design –, man muss nur die zweite Stelle nach dem Komma in die Auswertung einbeziehen, statt sie zu runden, und schon sieht die Liste anders aus.

Die Rankings von wissenschaftlichen Zeitschriften (die wissenschaftlichsten), Politikern (die mächtigsten) und Ökonomen (die einflussreichsten), von Nationen (die transparentesten), Hochschulen (die besten) und Städten (die sichersten) jedoch sind schlicht absurd. Ihr Aussagewert ist gleich null. Von den undurchsichtigen Zahlenspielen profitieren einzig ihre Produzenten und die beteiligten Medien, welche die Ergebnisse als «Primeurs» veröffentlichen. Wahrscheinlich profitieren auf die Dauer nicht einmal die Sieger, weil sie sich den Zwängen, denen sie unterworfen worden sind, weiterhin fügen müssen, wenn sie oben bleiben wollen, wozu sie verdammt sind.

Eines der bekanntesten Städte-Rankings wird von Mercer durchgeführt, einer global tätigen US-Unternehmensberatung für Personalmanagement. Sie misst weltweit die Stadt mit der besten «Lebensqualität», indem sie «Expats» standardisierte Fragen nach Kriminalität, Bankdienstleistungen, ansteckenden Krankheiten, Privatschulen, Restaurants und so weiter stellt. Aus den Antworten errechnet sie ihre Liste, deren beste Placierungen veröffentlicht werden. Die detaillierten Ergebnisse kann man kaufen. Ob das Schlusslicht Damaskus oder Bagdad heisst?

Was ist eine Stadt? Ein pulsierender Organismus, in dem Gruppen mit unterschiedlichen Interessen und Vorlieben um ihren Platz streiten und um das Zusammenleben ringen, ein Kosmos mit unzähligen Lichtern und vielen Schatten, mit Orten der Fröhlichkeit, des Luxus und des Elends, ein Universum der Kreativität und der Gefahr. Paris, schrieb der Romancier Honoré de Balzac 1835 in «Le Père Goriot», sei ein sich jeder Beschreibung entziehender Ozean mit versteckten Plätzen und unberührten Höhlen, mit Blumen, Perlen und Monstern. Ob die Expats in ihren «gated communities» diesen Ozean je entdecken?

Das Lebensqualität-Ranking gibt vor allem den beschränkten Horizont und den zweifelhaften Geschmack einiger männlicher weisser Manager wieder, mehr nicht. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn dieses und andere Städte-Rankings nicht medial verbreitet würden – und wenn die Stadtregierungen diese Listen nicht in ihre Strategien einbezögen. Im Wettbewerb um Firmensitze und Touristen ist in ihren Augen jeder gewonnene Rang Gold wert.

Wahrscheinlich investieren die grossen Städte viel Energie, um auf der Rangliste nach oben zu klettern oder wenigstens oben zu bleiben – was gar nicht so einfach ist, da ja alle anderen Städte das Gleiche wollen. Und wahrscheinlich richten die Städte, in denen schon heute mehr als die Hälfte der Menschheit lebt, ihre Politik in Zukunft noch weniger an den Bedürfnissen ihrer Bewohner aus, sondern an den Kriterien der Rankings. Am besten gleichen sie sich dem gewählten «brand» an, der weltweit mit bestimmten positiven Attributen assoziiert werden soll; die Stadt des Designs, der Liebe, der Informationstechnologie, des Barocks, des Pop. Was das Image stört und der Positionierung schadet, soll unsichtbar werden.

Simple Kriterien

Nicht weniger unsinnig sind die Hochschul-Rankings. Das Schanghai-Ranking – pikanterweise von einer Universität durchgeführt, die weder die moderne Lehr- noch Forschungsfreiheit besitzt – prüft jährlich tausend Hochschulen auf sechs Indikatoren, unter anderem auf die Anzahl Nobelpreise, die Anzahl vielzitierter Wissenschafter und die Anzahl Artikel, die in vielzitierten Journals veröffentlicht werden. Ähnlich geht das QS-Ranking vor, das von der englischen Firma Quacquarelli Symonds erstellt wird. Sie operiert weltweit im Managementbereich und vermittelt Studiengänge an den «besten Hochschulen».

Auch diese Rankings geben ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit wieder – und auch sie formen sie zugleich nach ihren simplen Kriterien um. Die Hochschulen wollen ihre Position halten und setzen daher auf die von den Rankings gemessenen Faktoren, also letztlich auf Prestige, Gelder und Anzahl Publikationen. Mit guter Forschung und guter Lehre, dem Auftrag der Universitäten, haben diese Faktoren nichts gemein, im Gegenteil: Der beseelte Wissenschafter leistet seine Arbeit aus intrinsischen Motiven, aus Freude an der Erkenntnis. Diese Motive wiederum treten in keinem Ranking auf.
Die Studierenden ihrerseits werden im Glauben bestärkt, dass das Studium eine Ware sei, die man an einer topgerankten Hochschule abholen oder kaufen könne – als ob deren Name, ihr «brand», die Garantie für einen erfolgreichen Bildungsprozess sei. Die «beste» Universität nützt nichts, wenn das innere Feuer – der Studenten – nicht brennt.


Montag, 13. Oktober 2014

Geistvolle Gefühle?

Messerschmidt, Charakterkopf
aus Die Presse, Wien, 13. 10. 2014


Erstes Biologicum
Sonne, Nebel und viel Gefühl im Almtal
Sind Gefühle nur das Erleben körperlicher Vorgänge? Wie rational sind sie? Kann man sich auf Empathie verlassen? Und wie groß ist der kleine Unterschied zwischen den Geschlechtern?
 
 

Es gab Äpfel und Birnen umsonst, auf der Bühne hing das Bild eines Schweins, durch die Reihen schwebte der zarte Geruch nasser Hunde. „Wir dulden Hunde und andere Tiere im Saal, das unterscheidet uns von anderen -logicen“, erklärte Kurt Kotrschal, wissenschaftlicher Leiter des Biologicums. Nun, andere große Tiere waren zwar nicht im Auditorium – es sei denn, man zählt, wie Biologen es gern tun, die Menschen als solche –, aber es ist Kotrschal und seinen Mitarbeitern gelungen, ein populäres Symposium auszurichten, das schon atmosphärisch eindeutig als Biologicum erkennbar ist.

Dazu trug auch der Ort bei, das herrliche, bisweilen nebelverhangene, zum Glück in diesen Tagen meist sonnendurchflutete Almtal, ein Zentrum der Verhaltensforschung, seit Konrad Lorenz dort 1973 seine Graugänse ansiedelte. Ihre Nachkommen leben immer noch dort, frei, aber unter Beobachtung, ebenso Krähen, Waldrappe – und Kolkraben, die nicht nur zum Spaß auf Hirschen reiten, sondern auch einander kosen, betrügen und sekkieren, kurz: ein erstaunlich reiches Sozialleben haben. Thomas Bugnyar kennt sie alle persönlich und übersetzte für die Biologicum-Besucher ihre Dialoge frei, etwa so: „Ich bin cool.“ – „Ich auch.“

Spricht so ein Wesen, das keine Gefühle kennt? Im Ernst: Dass Tiere nur Reiz-Reaktions-Maschinen seien, diese Ansicht der radikalen Behavioristen ist heute obsolet. Dazu hat US-Psychologe Jaak Panksepp – Freunden populärer Wissenschaft bekannt als der Mann, der Ratten durch Kitzeln zum Kichern brachte und Krebse kokainsüchtig machte – viel beigetragen. „We will never understand the human mind, until we understand the animal mind“: Auch in Grünau brachte er sein Credo mit Verve vor. Und präsentierte u.a. eine leicht unheimliche Arbeit: Ohne Großhirn geborene Kinder zeigen Gefühle. 

Gefühle kommen von unten
Also, wie Panksepp und der Neo-Freudianer Mark Solms sagten: „Das ,Es‘ weiß mehr, als das ,Ich‘ zugibt.“ Gefühle kommen von unten, aus den niederen, älteren Regionen des Hirns; sie werden freilich von höheren Regionen, vor allem vom präfrontalen Cortex, kontrolliert. Panksepp unterscheidet sieben grundlegende Gefühle – auf Englisch: seeking, rage, fear, lust, care, panic, play –, sie sind alle untrennbar mit körperlichen Veränderungen verbunden.

Sind Gefühle also, wie der US-Philosoph James Lange einst meinte, nur das Erleben körperlicher Vorgänge? Sabine Döring, Philosophin in Tübingen, widersprach: Sie will Gefühle als „Wahrnehmungen von Werten“ sehen, und sie plädiert dafür, Gefühle „in die Rationalität zu integrieren“.

Ein Philosoph klagt über „die Moderne“
Dass Menschen ihre Gefühle steuern und interpretieren können, betonte der Wiener Psychologe Claus Lamm. Er behandelte vor allem die Empathie – und warnte davor, naiv daran zu glauben, dass mehr Empathie allein uns zu besseren Menschen mache. Sie sei hoch selektiv: So reagieren Weiße mehr auf Schmerzen von Weißen als von Schwarzen und Rapidler mehr auf das Leid von Rapidlern als von Austrianern (und umgekehrt).

Was Psychologen kaum tun, tat der Philosoph Wilhelm Schmid: Er sprach von Seele. Deren Ausdrucksformen seien die Gefühle, positive und negative. Beide seien notwendig für ein erfülltes Leben, das wolle „die Moderne“ nicht verstehen, „in der die Menschen wie verrückt dem Glück nachrennen“.

Das tun Männer und Frauen auf recht unterschiedliche Weise, findet Biologin Barbara Schweder. In ihrer wilden, witzigen Tour durch die Arena der Geschlechter attestierte sie den Männern u.a. Spracharmut und schlechte Eignung für die Paarbildung. Überhaupt seien Männer und Frauen „wenig kompatibel“. Beruhigend, dass Schweder schließlich doch auf einen Trend zu weniger Testosteron (Brad Pitt statt Schwarzenegger) und das Hinterfragen des Patriarchats hoffte...

Dazu eignet sich der Film „Hercules“ nicht, den sich Bernhard Eckerstorfer, Pater im Stift Kremsmünster, mit Firmlingen ansehen musste. „Wir Männer sind offenbar anfällig für kollektive Gewalt“, kommentierte er dieses Erlebnis bei der Diskussion über „Religion und Emotion“. Bei der er auch die wohl geistreichste Anekdote des durchaus nicht geistarmen Biologicums erzählte: Ein katholischer Kollege habe in den USA bei einer Debatte mit Baptisten und Evangelikalen, die von ihren religiösen Gefühlszuständen schwärmten, schmallippig reagiert: „Thank god I never had a religious experience...“

Auch so kam in Grünau trotz aller Gefühle auch der Verstand zu Wort. 2015 geht's beim zweiten Biologicum um ihn.


Nota.

Gefühle hat man nicht einfach; sondern, wenn sie nur stark genug sind, man erlebt sie (das Wort kam oben schon vor). Erleben ist aber eo ipso: werten. Wer wollte bestreiten, dass dabei die "höheren", geistigen Gehirnfunktionen mitgetroffen werden? Die Bedeutungen der Dinge sind den Dingen (in der Wahrhnehmung) immer schon vorgegeben. Ob es möglich ist, sie experimentell wieder von einander zu scheiden? Fragt sich, welchen Zweck das hätte. Denn logisch wird man sie nicht scheiden können.
JE

Samstag, 11. Oktober 2014

Erbsünde der Moderne.

A. Teixeira-Lopes, Die Kindheit des Kain
aus nzz.ch, 10.10.2014, 13:50 Uhr


Peter Sloterdijk erklärt die Moderne
Der Sturz im Galopp



 

Unter den zeitgenössischen Kritikern der Moderne ist Peter Sloterdijk ein Meister der Nuancen. Wenig entgeht diesem Detektor unserer Abgründe und Untergänge, doch zum furchtlosen Blick – er hat schon mancherlei Gegnerschaft aus den Reihen der politisch Korrekten gefunden – gesellt sich eine sanfte Ironie. Ja, wir Menschen sind Mängelwesen. Ja, wir erfinden daraus und dagegen immer neue Listen, das Schicksal und die Schöpfung zu korrigieren. Aber dem ganzen langen Vorgang – man dürfte ihn nur unter beträchtlichen Vorbehalten als die gelungene Geschichte einer Entwicklung bezeichnen – wohnt eine wilde Emsigkeit inne, die nicht nur Schreckliches produziert und leider selten Erhabenes, sondern zugleich zum Lächeln verführen sollte. So viel Anstrengung für so flüchtigen Gewinn.

Der ironisch lächelnde Sloterdijk schreibt mit seinem jüngsten Buch ein weiteres Kapitel seiner historisch gerichteten Anthropologie. «Die schrecklichen Kinder der Neuzeit» ist ein überaus spannungsvoller, unterhaltsamer, mit kräftigen Definitionen und Aphorismen unterlegter Traktat zum Thema. Es lautet in der Frageform: Was kennzeichnet seit dem ausgehenden Mittelalter und bis auf die Jetztzeit das menschliche Verhalten gegenüber dem Dasein? Welche Energien, welche Akte definieren den Schub in die Moderne? Und schliesslich auch – und argwöhnisch: Was war, was ist der Preis dafür?
 
Ganz aus sich selbst heraus

Antwort findet man in einem Prolog, sechs Kapiteln und einem Ausblick. Und um das Wichtigste bereits vorwegzunehmen: Für Sloterdijk stellt sich die Neuzeit dar als ein Epochenmonster, da Traditionen, Filiationen und Genealogien wegbrechen, da Herkunft und Sitte und «Vaterschaft» zurückweichen, da Gewohnheit und Mass zugunsten eines wilden Furors aus Widerspruch und Auflehnung abtauchen. Der Furor ist auch die Rasanz der Beschleunigung. Oder anders formuliert: Die Kinder der Neuzeit erschaffen sich selbst, indem sie alles, was einst als «Erbe» seine Wirkkraft und Prägung entfaltete, missachten, gar vernichten. Die Visitenkarte des Schriftstellers Léon Bloy mit der Gravur «Abbruchunternehmer» passte trefflich darauf.

Die gute Nachricht zuerst. Es können auch für einen misstrauischen Erforscher der neuzeitlichen Hybris und des Unterfangens, die Welt fortlaufend unter Dampf zu halten, nicht nur negative Bilanzen anfallen. Sloterdijk erkennt und anerkennt: Die schrecklichen Kinder, die sich von ihren Vätern lossagen oder als Bastarde mit kecken Errungenschaften auftrumpfen, die Nachfahren, die keinen mehr kennen und deshalb rücksichtslos nur Eigenes verfolgen, die Usurpatoren und Königsmörder, denen nichts mehr heilig ist, sie sind – jedenfalls da und dort – durchaus auch die Kreativen. Die Innovatoren. Die Treiber des Fortschritts. Und zeigen mithin, was nun politisch plötzlich denk- und machbar wird, philosophisch erlaubt sein muss, wirtschaftlich Märkte erschliesst und Wohlstand produziert. So ist der selfmademan als Nachfahr des abtrünnig gewordenen Prometheus für die success story des Westens unabdingbar.

Die andere Seite dieses Erfolgsmodells aber ist für Sloterdijk – im Sinne einer provokativen Umerzählung des Projekts Neuzeit – bei weitem faszinierender. Auf den Spuren von Albert Camus' grossem Essay «Der Mensch in der Revolte» beschreibt Sloterdijk unser aller Schicksal als bittere Mixtur aus Bindung und Freiheit. «Erbe» versteht sich in bindendem Sinn sowohl hin zu «Gott» – sogar und just unterm Aspekt der Ursünde – wie auch zu den vertrauten Sitten und Gebräuchen, die das weltliche Jammertal bis zur Erlösung daraus lebensdienlich ausrüsten. Revolte umgekehrt ist die Aktivität der Unzufriedenheit, dass man sich mit solchen Abhängigkeiten nicht mehr abfinden will. Biblisch gesprochen: Kain und seine Söhne rufen zum Angriff gegen das unbefragt Bestehende und halten kämpferisch dagegen die Kräfte und Säfte einer «menschlich» zentrierten Geschichte.
 
«Après nous le déluge»

Doch erst in der frühen Neuzeit, dann machtvoll in der Epoche der Französischen Revolution entfaltet dieses Bewusstsein eine Dynamik, die weder festen Boden noch sichernde Haltepunkte mehr kennt. Sloterdijk benennt die Destabilisierung der Verhältnisse mit der Formel vom «Dasein im Hiatus» – zwischen alten Lebenswelten und neuen Verwerfungen der Geschichte klafft ein Riss, der bald immer breiter und tiefer wird. Insofern nimmt sich der elegant-frivole Ausspruch der Madame Pompadour im Kreise der Höflinge des Ancien Régime – «Après nous le déluge» – wie eine ominöse Ouvertüre auf alles Kommende aus. Dass Madame selber bastardischer Herkunft ist, macht die Szene noch einprägsamer: Die vom König verschwenderisch Begünstigte begreift besser als die marode Garde des Adels, wem die Stunde demnächst schlagen wird.

In Sloterdijks Paraphrase des Menetekels: «Die Zeit war ins Denken eingebrochen.» Aus den traditionalen Vorstellungen vom zyklischen Werden und Vergehen schält sich, von den Wissenschaften und der Technik beflügelt, ein zunächst vager, später scharf geprägter Futurismus heraus, der dazu zwingt, dass sich die Menschen nun als «Kinder ihrer Zeit» – oder mit Nietzsches Metapher: als «Legionäre des Augenblicks» – zu erkennen beginnen. Was sich alsbald als die bürgerliche Gesellschaft inszenieren und präsentieren wird, ist ein häufig riskantes, per se instabiles und überraschungsreiches Ensemble aus Diskontinuitäten – Auf- und Abstiege gehören zur Tagesordnung, Rebellen und Scharlatane bevölkern das Parkett, Hypothesen lösen Traditionen ab. Die Literatur füllt ganze Romanlandschaften mit konfus gewordenen Älteren, die auf konfus agierende Jüngere treffen müssen. Nur ein Reaktionär von der kaustischen Aggressivität Joseph de Maistres durchdringt die ungewohnten Phänomene mit polemischem Scharfsinn: Der grimmige Papist sieht jetzt überall die Kollaborateure des Nihilismus am Werk.

Sloterdijk hat einen «zivilisationsdynamischen Hauptsatz» geprägt, der das Auseinandertreten von Herkunft und Zukunft mit Rücksicht auf die Folgelasten des Malheurs prägnant erfasst. «Im Weltprozess nach dem Hiatus werden ständig mehr Energien freigesetzt, als unter Formen überlieferungsfähiger Zivilisierung gebunden werden können.» Das heisst: Hergebrachte Formen des Umgangs mit Veränderungen sind unterm Druck der Ereignisse immer weniger in der Lage, diese in den Haushalt der Eingewöhnung aufzunehmen. Fortan wird es eher darum zu tun sein, wenn möglich das Schlimmste abzuwenden, Schadstellen zu reparieren und die Nebenfolgen des «Fortschritts» nicht mehr nur als Kollateralprobleme abzutun. Hamlets Wort erfüllt sich mit Aussichten auf einen schwindelerregenden Tempodruck: «Die Zeit ist aus den Fugen.»
 
Was die Geschichte lehrt

Das vierte Kapitel bringt dafür Exempla oder Lektionen aus der Geschichte bei. Den grossen Sturz nach vorne verkörpern hier eine Reihe von Figuren und Bewegungen, die über hundert Jahre hinweg symptomatische Unterschriften liefern – zuerst Napoleon, ein Mann aus dem Nichts, der dem alten Europa den Garaus macht und sich mit dem Kaisertitel doch auch an den früheren Legitimitäten berauschen möchte; dann – mit dem Datum Zürich 1916 – die Explosion durch Dada, dessen Exponenten als Realitätsdienstverweigerer zwar wenig künstlerischen Ertrag erzeugen, doch umso mehr die pur gewordene Aktualität feiern und leben; dann, zwei Jahre später, Lenin, der die Aktualität als Ausnahmezustand des Terrors im Alltag festmacht; dann – als seine gegenstrebigen Nachfahren – Hitler und Stalin, beide durchgängig fasziniert vom Regime der Säuberungen mit den Armaturen einer Nullpunktpolitik.

In der neueren und neuen Geschichte sind solche Stationen und Figuren für Sloterdijk exemplarische Inkarnate dynamisch, ja eruptiv gewordener Weltzeit. Vor deren Ansturm zerfallen stützende Werte wie Erbe, Sitte, Nachahmung und Wiederholung, und der Mensch ist in die Verführungen seines Wählens und Begehrens, seines Freiseins und Gestaltens gestellt, ohne dass ihn überzeugende Autoritäten des «Alten» noch daran zu hindern vermöchten. Natürlich: Man muss – wie dies Hans Blumenberg in grandioser Manier unternommen hat – die Neuzeit stets auch in ihren und durch ihre Legitimitäten erkennen; als den kapitalen Prozess theoretischer Neugierde, der damit auch Sinnfragen und Herkunftsweisen plötzlich anders beleuchtet – nämlich im Zeichen aufbrechender Autonomie und Selbstbehauptung. Doch das eine schliesst das andere nicht aus: im Gegenzug festzustellen, welche Monster und Albtraumgeburten eine Historie zu bevölkern beginnen, die von Langzeitstabilität und Traditionsverhalten schnell und schneller nichts mehr wissen will.

Damit ist auch das Thema Religion angesprochen – oder mit einem Terminus von Sloterdijk: das Über-Es. Um Einzelnes kann es hier nicht gehen. Bemerkenswert, vielleicht und für einige skandalträchtig ist die Deutung, die Jesus Christus widerfährt. «Genealogisch» zählt der Gottessohn zugleich zu den Bastarden; auch er, jedenfalls für seine freundesnahe Umgebung, ein Kind wenn nicht aus dem Nichts, so zumindest aus dem Schatten der Ungewissheit; durch sein Lehren und Tun bald ein verführerischer Rebell und homme révolté, indem er das schriftgelehrte Judentum hinterfragt; dann die Realpräsenz des Übervaters im Übersohn ohne irgendwelche «familiär» fassbaren Hintergründe; schliesslich zwar der Messias, aber gerade auch durch starke Predigten der Abwendung von allen Formen eines lebensweltlich gegründeten Patriarchats: Es gibt nur noch einen «Vater», und dieser ist zugleich nah und in weitesten Fernen.
 
Kirche gegen Revolution

Paradox und zugleich zwingend ist, dass die Kirche, die sich über diesem Erlöser erhebt und erheben muss, weil das verkündete Ende aller Zeiten immer länger auf sich warten lässt, bald zur Stifterin eines besonderen Erbes wird. Ihre Institutionalisierung als Ordnungsmacht im Sündendiesseits fundiert über lange Epochen jenes Traditions- und Verhaltensgefüge, das für die ihr gläubig Zugewandten die Katastrophen des Zeitenwandels erträglich halten soll. Ein erster Angriff auf die Bastion des Dauerhaften erfolgt freilich schon im Mittelalter – als die Mystik eine «anti-genealogische» Revolte einläutet, ihre stille Frömmigkeit direkt zu Jesus hinaufbaut und zugleich den Alltäglichkeiten der gemeinen Welt das Ade zurufen will.

Fazit, dieses Buch hat es in sich. Aus einer Fülle von Grossgedanken, Hinweisen, Trouvaillen, Fussnoten, Ironien und Provokationen erzählt uns Sloterdijk auf fünfhundert Seiten von Triumphen und Untergängen, vor allem von Letzteren. Einmal mehr wird dabei auch klar, dass der Moderne und näherhin der europäischen Aufklärung keineswegs ein weltgeschichtlich linear ausgreifender Prozess von Vernunftwerdung entspross. Was wir heute global erleben und mehr und mehr teilen müssen, nämlich zum Beispiel die Präsenz alter Fanatismen im Widerspiel zu modernen Entortungen, bestätigt diesen Befund. Wie weit der Mensch als Gattungswesen erziehungsfähig und zähmungswillig ist? Bei Anerkennung der Wirklichkeit muss die Frage zurücktreten vor dem nagenden Verdacht, dass er zugleich hochgefährlich bleibt. Vielleicht auch auf ewig ein Kind; doch von tückischer Vorsehung ausgerechnet in den Flegeljahren gestoppt.

Peter Sloterdijk: Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2014. 489 S., Fr. 37.90.


Nota.

Das ist Philotainment auf gehobenem Niveau. Aber es scheint ja gar nicht blöd zu sein. Ein neues literarisches Genre? Dass ein Buch mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet, ist gar nicht schlecht, wenn es sich immerhin um philosophisch erhebliche Fragen handelt, die es unter ein großes Publikum bringt. Dass der Autor die Antworten kokett in den Wolken lässt,  mag man ihm als Eitelkeit ankreiden, ist aber in der Sache ja nicht unangemessen.

Dass er dabei offenbar mit den ollsten Kamellen des reaktionären Denkens liebäugelt, ist schon viel weniger angemessen, liegt aber ganz im Zeitgeist, den Sloterdijk wie immer in viele funkelnde Worte fasst.
JE

Montag, 6. Oktober 2014

Symphilosophieren oder gesehen werden?


Das Kolleg Friedrich Nietzsche feiert 15-jähriges Jubiläum mit umfassendem Veranstaltungsprogramm
Dr. Julia Glesner 
Referat Kommunikation
Klassik Stiftung Weimar  

Anlässlich seines 15-jährigen Jubiläums lädt das Kolleg Friedrich Nietzsche vom 21. bis 24. Oktober 2014 unter dem Titel »Ereignis und Spekulation – Philosophische Momente« zu einem umfassenden Programm mit Vorträgen und Podiumsdiskussionen und vielem mehr an Veranstaltungsorten in ganz Weimar ein.

Fellows des Kollegs der vergangenen Jahre, darunter Bazon Brock, Giuliano Campioni, Bernd Kauffmann, Rudolf Prinz zur Lippe, Oskar Negt, Michael Quante, Joseph Vogl, Sigrid Weigel und Wolfgang Welsch, kommen erneut nach Weimar und setzen ihre hier begonnenen Gespräche zu Themen wie »Europa denken«, »Wissenschaft und Bildung im aktuellen Europa«, »Welt am Draht: Verlust und Gewinn des Digitalen«, »Metaphysik heute«, »Nach Nietzsche« sowie »Institutionalisiertes und freies Philosophieren« fort. Die Veranstaltungen in Cafés, Restaurants, Galerien, Museen und im Kino dienen dem Versuch, sich dem Philosophieren neu zuzuwenden und aktuelle politische und philosophische Probleme frei und öffentlich zu diskutieren. Alle Weimarer und ihre Gäste sind herzlich eingeladen.
 

Begleitend zum Jubiläum sind in den Wohnungen der Fellows in residence die dort entstandenen Arbeiten »92 Tage auf Nietzsches Balkon: Aquarelle als Tagebuch« von Peter Peinzger und »Der Traum von der Stille und der Verlangsamung der Zeit« von Christina Lissmann ausgestellt.

Das Kolleg Friedrich Nietzsche wurde am 15. Oktober 1999 gegründet, nachdem seit 1993 in Weimar Tagungsreihen zu Leben und Werk Friedrich Nietzsches sowie dessen Rezeption veranstaltet wurden und ist seither ein Ort der philosophischen Auseinandersetzung und der wissenschaftlichen Reflexion der modernen Lebenswelt. Das Kolleg Friedrich Nietzsche versteht sich als Institut der philosophischen und wissenschaftstheoretischen Metareflexion von geisteswissenschaftlicher Forschung und kultureller Überlieferung am Erinnerungsort Weimar. 


Ausgehend von Nietzsches Vorstellung von einem Ort für »Freie Geister« hat sich das Kolleg zum Ziel gesetzt, in einer offenen geistigen Auseinandersetzung zwischen Philosophen, Wissenschaftlern, Künstlern und Schriftstellern über philosophische Fragen der Gegenwart nachzudenken. So hat das Kolleg Denker unterschiedlicher nationaler, theoretischer und philosophischer Herkunft eingeladen, im Rahmen verschiedener Veranstaltungsformate gemeinsam über die Möglichkeit, Notwendigkeit oder auch Unmöglichkeit des Denkens von Welt zu reflektieren.

Veranstaltungsdaten
»Ereignis und Spekulation – Philosophische Momente«
15 Jahre Kolleg Friedrich Nietzsche
21. bis 24. Oktober 2014Alle Veranstaltungen sind öffentlich. Der Eintritt ist frei. 

 

Weitere Informationen: http://www.klassik-stiftung.de/uploads/tx_lombkswmargcontent/KSW_Nietzsche-Tagun...  

Nota.  

"Die Möglichkeit, Notwendigkeit oder auch Unmöglichkeit des Denkens von Welt" - vertrauenerweckend klingt das nicht, eher ein bisschen wie Städte-Marketing. Doch andererseits ist so ein Event - der Ausdruck passt hier wohl her - auch immer das, was die Teilnehmer daraus machen; bzw. von ihm erwarten: Kultur- entertainment oder die Weitung ihres Horizonts?
JE

Sonntag, 5. Oktober 2014

Der Werkzeuggebrauch hat ein eigenes Hirnareal.

aus derStandard.at,

Unser Gehirn hat ein eigenes Netzwerk für den Gebrauch von Werkzeugen
Magnetresonanztomografie zeigte, welche Areale aktiv werden, wenn man zu Hammer, Schlüssel oder Feuerzeug greift

München - Welche Gehirnareale aktiv werden, wenn wir Werkzeug benutzen, haben deutsche Forscher mittels Magnetresonanztomografie und einem Experiment untersucht. Dabei stellten sie fest, dass es im Gehirn ein spezifisches Netzwerk für den Gebrauch von Werkzeugen gibt, wie die Technische Universität München berichtet. Die Studie ist im "Journal of Neuroscience" erschienen.

Laut dem Bewegungswissenschafter Joachim Hermsdörfer beschränken sich Studien zu diesem Thema oft darauf, dass Probanden eine Handlung betrachten, sie pantomimisch ausführen oder sie sich einfach nur bildlich vorstellen. Die neue Studie sollte hingegen die neuronalen Grundlagen des Werkzeuggebrauchs unter möglichst realitätsnahen Bedingungen analysieren.

Das Experiment

Im Versuch erhielten die Probanden zehn Alltagsgegenstände, darunter Hammer, Flaschenöffner, Schlüssel, Feuerzeug und Schere sowie beliebige Objekte. Sie bekamen die Aufgabe, die Gegenstände entweder zu benutzen oder sie nur anzuheben und wieder abzulegen, jeweils mit der linken und rechten Hand.

Via funktionelle Magnetresonanztomografie betrachteten die Wissenschafter die Gehirnvorgänge, die die Phasen der Handlungsplanung und der tatsächlichen Ausführung widerspiegelten, getrennt voneinander. Damit konnten sie die Hirnnetzwerke bestimmen, die bei der Planung und Ausführung des Werkzeuggebrauchs aktiv sind.
 
Erkenntnisse

Eine wichtige Erkenntnis war, dass die linke Gehirnhälfte aktiviert wurde, wenn die Probanden den Werkzeuggebrauch planten - und das unabhängig davon, ob es sich um Links- oder Rechtshänder handelte. Daneben konnten die Forscher ein weit verzweigtes Netzwerk erkennen, das neben der Planung der Handlung auch die Ausführung des Werkzeuggebrauchs steuert.

Dieses Netzwerk besteht aus Hirnregionen des Scheitel- und Frontallappens sowie Regionen im hinteren Schläfenlappen und einem weiteren Areal im seitlichen Occipitallappen des Gehirns. Es zeigt sich ein neuronales Aktivierungsmuster, das alle Elemente einer komplexen Handlung abdeckt: Dazu gehören das Erkennen der Objekte als Werkzeuge, das Verstehen, wie sie gebraucht werden und die motorische Aktion, um das Werkzeug tatsächlich zu benutzen.

Die gewonnenen Erkenntnisse könnten letztlich auch dazu beitragen, Menschen zu helfen, bei denen die Funktionalität dieses Netzwerks gestört ist: Nämlich wenn sie - etwa nach einem Schaganfall - unter Apraxie leiden und Schwierigkeiten mit alltäglichen motorischen Handlungen haben. (red.)
 

Freitag, 3. Oktober 2014

Am Ende der Naturgesetze?



aus nzz.ch, 2.10.2014, 05:30 Uhr

Conditio techno-humana
Vom Gleichungs- zum Algorithmus-Paradigma
Eduard Kaeser ⋅ Seit Galileis mathematischem Modell der Bewegung feiern die exakten Wissenschaften ihre grössten Triumphe in Gestalt von Gleichungen: Newtons Prinzipien, Maxwells Gleichungssystem, Einsteins berühmte Formel E = mc2, die Schrödingergleichung, ja, auch Heisenbergs Unschärferelation, die eigentlich eine Ungleichung ist. Physikalische Gesetze sind meist in Differenzialgleichungen gegossen. Und ein Phänomen physikalisch zu erklären, bedeutet, eine solche Gleichung zu lösen.

Ein neuer Typus von Physik

Dieses Bild ist freilich höchst unzutreffend. Dass die «analoge» Physik mit ihren Gleichungen und Funktionen der Vertracktheit der Realität nicht gewachsen ist, dämmerte den Wissenschaftern definitiv unter den dramatischen Bedingungen des 2. Weltkriegs. Für den Bau der Atombombe mussten kernphysikalische Gleichungen gelöst werden, die mit herkömmlichen Mitteln schwer zu bewältigen waren. Dazu eine Anekdote.

Stanislaw Ulam, der brillante polnische Mathematiker, der in Los Alamos am Manhattan Project arbeitete, erholte sich von einer Krankheit. Aus Langeweile heraus fragte er sich, ob man sich den Lösungen nicht auf dem Zufallsweg nähern könnte. Bekanntlich lässt sich die Zahl Pi dadurch approximativ berechnen, dass man Pfeile auf ein quadratisches Dartboard wirft, dem ein Kreis einbeschrieben ist. Man bringt einfach die Treffer innerhalb des Kreises ins Verhältnis zu den Treffern innerhalb des ganzen Quadrats. Mit zunehmender Wurfzahl lässt sich Pi immer exakter bestimmen. Warum dann nicht auch Lösungen von Gleichungen?

Ulam hatte damit den Keim der sogenannten Monte-Carlo-Methode entdeckt: Lösen durch Zählen von möglichst vielen Zufallsereignissen. Und da nichts geeigneter ist zum Zählen als Computer, musste man diese noch in den Kinderschuhen steckende Technologie weiterentwickeln. Das war die Geburtsstunde eines neuen Typus von Physik: der «digitalen» Physik. Und es war zugleich mehr: das Fanal eines neuen Paradigmas von Wissenschaft.

In den frühen 1980er Jahren machten die Physiker Stephen Wolfram, Brosl Hasslacher und andere eine äusserst kühne Voraussage: Wenn Speicher- und Rechenkapazität der Computer einmal gross genug sein würden, könnten sie jedes Phänomen eines komplexen Systems modellieren – und dies ohne Gleichungen. Stattdessen führten die Physiker kleine Rechenelemente – zelluläre Automaten – ein, die sich auf einem Spielfeld nach einfachen Regeln (nicht: physikalischen Gesetzen) bewegen lassen. Die allgemeine Idee dahinter: Man muss, um den Verlauf des Systems zu studieren, nicht Differenzialgleichungen lösen, sondern Simulationen laufen lassen.

So wird heute etwa in sogenannten agentenbasierten Simulationen die Verkehrsdynamik aus dem Verhalten der einzelnen Agenten – der Fahrzeuge – erzeugt. Dabei ist vieles, was auf Mikroebene vorgeht, nicht mehr transparent. Hauptsache, man gewinnt dadurch einen Überblick über die Makroebene des Verkehrsflusses und seiner emergenten Eigenschaften, etwa über Staus oder Stop-and-go-Wellen. Schauen, was geschieht, nicht erklären, heisst die Devise.

Zwei Kulturen

Deshalb wird das Datensammeln zunehmend wichtiger. Auch hier erwächst dem Gleichungs-Paradigma die Konkurrenz durch Algorithmen. Man beobachtet dies deutlich in der Kerndisziplin von Big Data, der Statistik. Ein führender Vertreter – Leo Breiman – sprach 2001 von «zwei Kulturen» im statistischen Modellieren von Daten. Die eine Kultur geht – kurz gesagt – mit einem bestimmten Modell an die Daten heran; die andere lässt sich von den Daten selbst ein Modell liefern. Schulbeispiel für die erste Kultur ist die sogenannte lineare Regression. Sie erlaubt uns, die Korrelation zweier Datenmengen – zum Beispiel der Geburtenzahl einer Gegend und der Storchenpopulation – auf eine Geradengleichung zu reduzieren. Natürlich zwingen wir dem Datenmaterial quasi einen linearen Zusammenhang auf, indem wir zum Beispiel Ausreisser nicht berücksichtigen. Und falls die Daten sich einem linearen Modell widersetzen, geben wir es auf und bauen ein komplizierteres mit mehr Parametern.

Allerdings werden mit zunehmender Datenmenge die Zusammenhänge uneindeutiger. Die Statistiker sprechen von der «Messiness» der Datensätze. Sie entwickeln deshalb Algorithmen, die selbständig lernen, aus einer unklassifizierten – «messy» – Datenmenge Zusammenhänge herauszufiltern. Bei diesem Vorgehen setzt man einen bestimmten Algorithmus auf eine Menge von Trainingsdaten an, aus der er selber die nötigen Parameter entnimmt, sie auf weitere Test-Datenmengen anwendet und sich dabei auch selbst korrigiert. Auf diese Weise bringt sich der Algorithmus quasi bei, gewisse Muster in den Daten eines Systems zu erkennen. Er benötigt dazu keine Modell- oder Gesetzesvorgaben.

Dabei erweist es sich bei komplexen Phänomenen als zunehmend schwieriger, klar zwischen einem Zusammenhang «in der Sache» und einem Zusammenhang «in den Zahlen» zu unterscheiden. Oder vielmehr ergibt sich heute bei komplexen Phänomenen – sprich: Datenmassiven – eine Gewichtsverlagerung im Erkenntnisinteresse: von der Kausal- zur Datenanalyse. Man begnügt sich damit, herauszufinden, wie die Dinge zusammenhängen, ohne sich zu fragen, warum sie so zusammenhängen.

Die Kunst des Fragens

Befürworter des Algorithmen-Paradigmas – wie etwa Viktor Mayer-Schönberger – versprechen sich vom Sammeln und Analysieren der Datenfülle auch neue Fragestellungen, die wir vor Beginn der Datenanalyse noch gar nicht kannten. Das mag sein. Aber vielleicht sollte man sich daran erinnern, dass Fragen nicht Daten entspringen, sondern unserer Neugier. Wissenschaft ist die Kunst des Fragens. Und diese Kunst kann durch ein Paradigma auch reguliert werden. Paradigma – vergessen wir es nicht – bedeutet Normalisierung oder Disziplinierung der Fragestellungen und -beantwortungen. Dominanz des Algorithmus-Paradigmas könnte dann lauten: alle Probleme algorithmisch lösen und Probleme zu algorithmisch lösbaren machen, die es nicht sind. Probleme aber, die nicht auf diese Weise lösbar sind, marginalisiert oder verdrängt man einfach.

Sind also Gleichungen, ist die ganze schöne Theorienarchitektur der herkömmlichen wissenschaftlichen Disziplinen nurmehr Forschungsluxus? Im Gegenteil. Heute erweist sich ein Blick als umso nötiger, der im Wandel der Forschungsmentalität die Hilfsmittel austariert; will heissen: genau analysiert, worin die Stärken des Algorithmus und worin die Stärken der Theorie – letztlich also des menschlichen Ingeniums – liegen. Das Gebot der Stunde wäre, neben den daten- und rechenintensiven «Flaggschiffen» der Forschung eine ebenso reflexionsintensive Computer-Erkenntnistheorie – eine Kritik der automatisierten Vernunft – zu fördern. Denn die neuen Werkzeuge einer Erkenntnis «ex datis» wachsen uns über den Kopf und werden in dem Masse undurchsichtig, in dem sie mächtig werden. Das könnte sich zu einer echten Zwickmühle auswachsen. Und die Computer werden kein Interesse haben, uns daraus zu befreien.


Nota.

Das ist eine der in wissenschaftstheoretischer Hinsicht bemerkenswertesten Entwicklungen der letzten Jahrhzehnte! Die Grundlegung der modernen Naturwissenschafte geschah mit Galileos Umdeutung der Plato'schen Ideen zu sogenannten Naturgesetzen - und die stellte er sich als Gleichungen vor. Der epochale Gedanke, "das Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben", ist anders nicht denkbar. 

Die Algoritmisierung der Wissenschaft macht Angst wegen ihrer Fetischisierung der bloßen Daten. Aber es wäre eine Revolution der abendländischen Mentalität und eine wahre Verwissenschaftlichung des Alltags- denkens, wenn die Vorstellung Raum griffe, dass ein Fakt eben nicht mehr als ein Fakt ist und keine Gesetze in seinem Herzen trägt, die ein Gesetzgeber ihm dort eingepflanzt hätte.

Das transzendentale Denken könnte Gemeingut werden.
JE