aus derStandard.at, 2. November 2017, 07:00
"Sollten uns wohlfühlen, nicht alles zu wissen"
Es wäre gefährlich, Forschung stark vereinfacht zu kommunizieren, findet US-Neurowissenschafter Buonomano
Interview
Wien
– Das menschliche Gehirn ist bei weitem nicht perfekt – ein Resultat
aus der Art, wie es gebaut ist, sagt Dean Buonomano. Der Professor für
Neurowissenschaften an der University of California in Los Angeles
bezeichnet die Macken, mit denen wir folglich zu kämpfen haben, als
"Brain Bugs": Programmfehler im Hirn. Selbst bei der Wahrnehmung von
Zeit, die vergeht, könnte es sich um einen Fehler handeln. Eine aktuelle
Auffassung in Physik
und Zeitphilosophie suggeriert, dass der Zeitfluss eine Illusion ist.
Buonomano, der Bücher zu diesen Themen verfasst hat, sprach kürzlich im
Wiener Volkstheater bei der Veranstaltung TEDx Vienna.
STANDARD: Der Medizin-Nobelpreis
ging dieses Jahr an Wissenschafter, die den Genabschnitt erforschten,
welcher für den circadianen Rhythmus essenziell ist. Diese biologische
Uhr verrät uns vereinfacht gesagt die Tageszeit. Besitzt unser Gehirn
mehrere solcher Systeme zur Zeitwahrnehmung?
Buonomano: Wir
wissen heute, dass unser Gehirn nicht über eine einzelne, zentrale Uhr
verfügt. Das funktioniert anders als etwa analoge Uhren an der Wand oder
jene in unseren Handys, die Zeitangaben von Millisekunden bis hin zu
Jahren machen können. Das Gehirn hat stattdessen diverse Uhren, die auf
unterschiedliche Intervalle und Aufgaben spezialisiert sind. Die
circadiane Uhr besitzt gewissermaßen keinen Sekundenzeiger, und solche,
die für musikalisches Zeitgefühl wichtig sind, haben keinen
Stundenzeiger.
STANDARD: Ihr zweites Buch, das in diesem
Jahr erschienen ist, trägt den Titel "The Time Machine". Inwiefern kann
man das Gehirn als Zeitmaschine betrachten?
Buonomano: Eine
der einzigartigen Eigenschaften des Menschen ist, dass wir über die
Zukunft nachdenken und Pläne machen können. Das nennt man mentale
Zeitreise. Außerdem ermöglicht uns das Gehirn, Informationen über die
Vergangenheit – Erinnerungen – zu speichern. Zuletzt vermittelt es uns
auch das Gefühl, dass Zeit vergeht. Wir haben eine bewusste Wahrnehmung
des Zeitflusses. In der Physik gibt es eine große Debatte darüber, ob es
sich dabei um eine Illusion handelt oder nicht.
STANDARD: Welche Standpunkte gibt es in dieser Debatte?
Buonomano:
Vertreter des Eternalismus (Theorie, die das Vergehen der Zeit als
irreal postuliert, Anm.) gehen davon aus, dass die Zeit nicht fließt.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind gleichermaßen real und
gegeben. Es gibt etwa eine ältere Version einer Person und eine jüngere
Version, die zu verschiedenen Zeitpunkten existieren und sich an
unterschiedlichen Orten befinden. Der Präsentismus besagt, dass nur die
Gegenwart real ist – die Vergangenheit existiert nur in unserer
Erinnerung, die Zukunft wird erst eintreten.
STANDARD: Diese Ansicht erscheint aber nicht recht intuitiv.
Buonomano:
Genau. Sie wirft die Frage auf, warum wir dann den Eindruck haben, dass
Zeit vergeht. Zeit ist fundamental für unser Selbstverständnis, und
eine der Hauptaufgaben des Gehirns ist schließlich, vorauszusagen, was
zukünftig geschieht. Bei meinen Recherchen fand ich besonders
interessant, dass das Konzept der Zeitreise heutzutage überall in
Literatur, Filmen und der Popkultur auftaucht. Vor dem späten 19.
Jahrhundert wurde eine solche Vorstellung hingegen fast nie diskutiert.
Vielleicht haben die Menschen Zeitreisen früher deshalb nicht in
Betracht gezogen, weil sie absurd erscheinen, wenn man nach dem
Präsentismus geht. Es ist sehr natürlich für uns, zu denken, dass nur
die Gegenwart real ist. Schließlich haben wir unsere Erinnerungen und
handeln jetzt, um die Zukunft zu gestalten. In gewisser Weise stellt der
Eternalismus sogar unseren freien Willen infrage.
STANDARD: Wie erklären Sie solche komplexen Konzepte einem Publikum, das keine Vorbildung hat?
Buonomano:
Es ist eine Herausforderung. Ich denke aber, dass es gerade beim Thema
Zeit insofern einfacher ist, als jeder Mensch eine Beziehung dazu hat
und auf eigene Erfahrungen zurückgreifen kann. Bei Vorträgen finde ich
es aber wichtig, die Dinge nicht zu sehr zu versimpeln. Ich versuche,
die Leute zu stimulieren. Es beunruhigt mich ein wenig, dass in der
Wissenschaftskommunikation und in Medien oft zu stark vereinfacht wird.
Dabei ist die wichtigste Aussage vieler Forschungsprojekte eigentlich:
Die Angelegenheit ist kompliziert. Manchmal werden Sachverhalte so
dargestellt, dass man den Eindruck gewinnt, sie seien gar nicht so
komplex.
STANDARD: Worin besteht die Gefahr in der zu großen Vereinfachung?
Buonomano:
Viele Leute könnten denken, dass etwas entweder nur gut oder nur
schlecht ist. Das passiert oft beim Thema Ernährung, man hört oder liest
zum Beispiel, "Salz ist gut" oder "Salz ist schlecht". Als Forschende
und als Medien sollten wir dem Publikum begreiflich machen, dass wir bei
komplexen biologischen Problemen keine einfachen Antworten erwarten
sollten, weil diese Dinge grundsätzlich kompliziert sind.
STANDARD: Sie referierten in Wien über "Brain Bugs", Fehler des Gehirns. Was verstehen Sie darunter?
Buonomano:
Das Gehirn hat sich entwickelt, um bestimmte Aufgaben zu erfüllen, und
wir sind beispielsweise sehr gut darin, Muster zu erkennen, Gesichter zu
unterscheiden und zu assoziieren. Aber wir haben es auch geschafft,
eine Gesellschaft und Kultur um uns herum aufzubauen, die sehr reich an
Informationen ist. Wir leben im digitalen Zeitalter, treffen tausende
Menschen und sind unzähligen neuen Ideen und Informationen ausgesetzt.
Aber das Gehirn ist nicht sonderlich gut dafür geeignet, das alles auf
rationale, effektive Weise zu verarbeiten. Auch unser
Erinnerungsvermögen ist nicht perfekt.
STANDARD: Was sind die Folgen?
Buonomano:
Das führt dazu, dass wir Entscheidungen oft mithilfe unseres
automatischen Systems treffen, das auf Assoziationen basiert und etwas
emotionaler und kurzsichtig ist. Dabei enden wir oft in Situationen, die
gar nicht in unserem Interesse sind.
STANDARD: Wie sollten wir damit umgehen?
Buonomano:
Ich betone gern, dass wir als Menschen deshalb so klug sind, weil wir
fähig sind, unsere Unwissenheit zu erkennen. Wir sollten wertschätzen,
dass Intelligenz teilweise darin besteht, zu erkennen, dass wir gewisse
Dinge nicht verstehen. Wenn wir die Komplexität von Themen wie Finanzen,
Gesundheitsfürsorge oder Immigration anerkennen würden, dann wären wir
vielleicht etwas bescheidener, was unsere Meinungen dazu angeht. Und wir
wären nicht so gespalten in zwei gegensätzliche Gruppen.
STANDARD: Wie tragen Sie zu diesem besseren Verständnis bei?
Buonomano: Mein Zugang ist, Leuten beizubringen, dass dieses Phänomen sehr
natürlich ist, weil unsere Gehirne nicht perfekt sind. Wir sollten uns
damit wohlfühlen, nicht alles zu wissen. Das ist beispielsweise schon
so, wenn wir die Mathematik betrachten. Niemand denkt, dass er oder sie
bei Rechenaufgaben besser abschneidet als ein Computer, weil eindeutig
ist, wie schlecht wir sind. Wir sollten Kindern und Erwachsenen mehr
darüber beibringen, wie unsere Gehirne arbeiten. Dadurch könnten sich
mehr Menschen mit dem Gedanken anfreunden, dass wir nicht von Natur aus
gut darin sind, Entscheidungen in Bereichen wie Politik, Wirtschaft oder
Gesundheit zu treffen. Wenn man sich in dieser Hinsicht mehr Zeit gibt,
hilft das dabei, die eigenen Meinungen zu reflektieren.
Dean Buonomano
(52) wurde im US-amerikanischen Providence geboren und wuchs in
Brasilien auf. Nach seinem Biologiestudium in São Paulo zog er für das
Doktorat wieder in die USA. Er ist Professor der Neurowissenschaften an
der University of California, Los Angeles, und Verfasser der Werke
"Brain Bugs: Die Denkfehler unseres Gehirns" und des noch nicht ins
Deutsche übersetzten "The Time Machine: The Neuroscience and Physics of
Time"
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